Nr. 7

22. Jahrgang

Die Gleichheit

Zeitschrift für die Interessen der Arbeiterinnen

Mit den Beilagen: Für unsere Mütter und Hausfrauen und Für unsere Kinder

Die Gleichheit erscheint alle vierzehn Tage einmal. Preis der Nummer 10 Pfennig, durch die Poft vierteljährlich ohne Bestellgeld 55 Pfennig; unter Kreuzband 85 Pfennig.

Jabres- Abonnement 2,60 Mart.

Inhaltsverzeichnis.

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Stuttgart

25. Dezember 1911

Kampf- Weihnacht! Von B. Selinger.- Gegen den Feind. Die Teuerung.( Für die Lese- und Diskussionsabende.) Von Käte Dunder. Vom Arbeitsnachweis für weibliche Erwerbstätige in Berlin . Von Mathilde Wurm . Wie werben wir Mitglieder für die Partei und Abonnenten für die Presse? Von Luise Zieg. Aus der Bewegung: Von der Agitation.- Jahresbericht der Bremer Genossinnen. Politische Rundschau. Von H. B. - Gewerkschaft liche Rundschau. Abbruch des Streits in der Berliner Damen­konfettion. Von H. Stühmer. Der Deutsche Holzarbeiterverband. Von fk. Genossen­Kämpfe in der Juteindustrie. Von eg. schaftliche Rundschau. Von H. F. Notizenteil: Dienstbotenfrage.- Frauenstimmrecht. Sozialistische Frauenbewegung im Ausland.- Frauenbewegung.- Verschiedenes.

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Kampf- Weihnacht!

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Auf leichtbeschwingten Sohlen, licht und hold, ging einst die Weihnachtszeit durch unsere Kinderträume. Die dürsten­den Seelen suchten Labung am Wunderquell frommer Märchen. In den kleinen Herzen brannte unbewußt und unerkannt die uralte ewig neue Sehnsucht des Menschen geschlechtes: die Sehnsucht nach Erlösung. Sie trug uns auf schimmernden Flügeln empor und ließ uns Kälte und Hunger vergessen. Das Leben lachte kalt und hart ob unserer Träumereien und stieß uns rauh in die Wirklichkeit zurück. Grobe Hände zerrissen den Märchenschleier vor unseren Augen, schmerzhaft grausame Erkenntnisse bohrten sich tief in das Hirn. So haben wir sehen und denken gelernt. Über dem versunkenen Stern kindlichen Glaubens ist der des strahlenden Wissens, zielflaren Wollens uns aufgegangen. Er ist uns Mahner und Rufer zum Kampfe, er ist uns Führer auf dem dornigen Pfade zu dem Bethlehem der Zu­kunft, das unsere eigene Kraft uns bereiten soll.

Weihnachten ist es wieder. Die Kirchenglocken flingen ron Liebe und Versöhnung. In unserer zerrissenen Her­zen aber senkt sich ein anderer Ton. Das klägliche Wim­mern unserer Christkindlein, die wir sterben sehen müssen, weil der kraftlose Körper der Mutter ihnen den Lebensquell nicht zu spenden vermag. Die frosterstarrte Erde umfängt, was wir so gerne am warmen Herzen gehegt hätten. Und all die tausende strahlender Weihnachtskerzen vermögen nicht uns das erloschene Licht ihrer Augensterne wieder zu entzünden. Da gedenken wir voll flammenden Zornes der Pharisäer, die in der Reichsversicherungsordnung uns und unseren Kleinen aufs neue die staatliche Fürsorge für Leben und Gesundheit verweigert haben. Da erinnern wir uns des falten Unannehmbar", mit dem der Geschäftsausschuß unserer herrschenden Klassen über die Qual unzähliger Mutterherzen sich hinwegsetzte.

Im Namen einer heiligeren Liebe, als sie je in der engen Brust unserer Gewalthaber geglimmt, erheben wir die so­ziale Fürsorge für Mutter und Kind zu einer Weihnachts­forderung. Ein Stücklein unserer Erlösung ist in ihr be­griffen. Wir auch sind vom Geschlecht jener Gottesmutter, von der man in den Kirchen singt und sagt. Auch unser

Zuschriften an die Redaktion der Gleichbeit find zu richten an Frau Klara Zetkin ( 3undel), Wilhelmshöhe, Post Degerloch bei Stuttgart . Die Expedition befindet sich in Stuttgart , Furtbach- Straße 12.

Schoß ist gebenedeit, auch er trägt den Erlöser. Der freilich nicht, ein bleicher Dulder, das Kreuz nach Golgatha tragen wird, der ein schwertgegürteter Held diese Welt der Knecht­schaft und Trübsal aus den verrosteten Angeln werfen muß. Um ihn start an Geist und Körperkraft erblühen zu lassen, müssen wir dem Kapitalismus unsere langverlorenen Rechte entreißen. Das Recht auf Gesundheit und Frohsinn und Bil­dung, das Recht, unseren Kindern Mütter zu sein. Ein kraft­voller Mutterschoß nur wird gesunde Kinder gebären. Ein frohes, stolzes Herz nur wird sie bilden können zu freien Menschen, gleich stark und prächtig im Hasse wie in der Liebe. Ein klarer Geist nur wird sie auf dem rechten Wege richtig zu leiten vermögen. Von dieser Erkenntnis erfüllt, treten wir in die Arena des politischen Kampfes, dort um eine Stunde freie Zeit und um billiges Brot zu ringen. Die Troßknechte der Reaktion haben das höhnische Lachen ver­lernt, seit die Mütter der ausgebeuteten Klasse ihnen Aug in Auge gegenüberstehen. Sie wissen, die vergessen und ver­geben ihnen keine ihrer fluchwürdigen Schandtaten, die sind ihnen mit glühendem Eisen in die Hirne und die Herzen ge­brannt, und die Frauen werden Abrechnung halten mit allem, was sie hudelt und büttelt.

Es ist nicht wenig, was uns die Gesezesmacher des Klassenstaates seit Jahren an Qual und Hohn und Schmach aufbürdeten. Der Zoll- und Steuerwucher läßt uns von der reifen Frucht der Heimaterde kaum genügend Brot, um den Hunger zu stillen. Die Junker aber und Großkapitalisten füllen sich mit unseren blutigen Zinsgroschen lachend die goldstrogenden Taschen. Den fortgesetzten schamlosen Steuer­und Zollraubzügen danken wir, daß das Elend nicht mehr aus unseren dürftigen Stuben weicht. Daß unsere Kinder so oft vergeblich um ein Stücklein Brot betteln, daß wir auch am Weihnachtsfest mit leeren Händen vor sie hintreten müssen. Die Sozialgesetzgebung bringt den Darbenden Steine statt Brot. Für die unschuldigsten Opfer der kapita­ listischen Lohnsklaverei, für die armseligen Witwen und Waisen fällt ein abgenagter Knochen vom reichbesetzten Tisch des Prassers.

Und doch predigt man uns wieder milde von Liebe und Versöhnung und vom Wohlgefallen auf Erden. Was küm­mert auch die Not der Massen die Verkündiger der Nächsten­liebe und Brüderlichkeit. Sie hungern ja nicht, sie haben ein schützendes Dach über dem Kopfe, wie es ihr Herr und Hei­land nie gehabt, sie tragen Gold, Silber und reiches Erz im Gürtel, denn sie sind wohlbestallte Diener des Klassenstaats. Was geht das arme Weib sie an, das, von der Not getrieben, ihr Kind unter den heranbrausenden Eisenbahnzug wirft? Was ist es ihnen, wenn das Elend und das Laster mit nacktem Leibe durch die Straßen schreiten, wenn der Wahn­finnsschrei der Verzweiflung aus den Elendstiefen zum Himmel sich ringt?

Sie werden uns das alte Märlein vom Frieden singen, ob auch der Himmel noch blutiger als heute vom Widerschein brennender Dörfer und Städte leuchte; ob auch noch andere