Nr. 2

25. Jahrgang

Die Gleichheit

Zeitschrift für die Interessen der Arbeiterinnen

Mit den Beilagen: Für unsere Mütter und Hausfrauen und Für unsere Kinder

Die Gleichheit erscheint alle vierzehn Tage einmal. Preis der Nummer 10 Pfennig, durch die Post vierteljährlich ohne Bestellgeld 55 Pfennig; unter Kreuzband 85 Pfennig.

Jahres- Abonnement 2,60 Mark.

Inhaltsverzeichnis.

Stuttgart

16. Oktober 1914

Wir Mütter. Von der sozialdemokratischen Frauenbewegung in Bulgarien . Von Tina Kyrkoff.( Schluß.) Gewerkschaftliches: Aus

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der Holzindustrie. Von fk. Für den Frieden.

Wir Mütter.

Wir Mütter empfinden vielleicht, nein gewiß am tiefsten den Ernst dieser geschichtlichen Stunde. Wir Mütter des ar­beitenden Volfes, mögen wir uns unter die Anforderungen einer auferzwungenen oder freigewählten Berufstätigkeit beugen, mögen wir still und emsig am häuslichen Herde in­mitten der Kinder schalten und walten, mögen wir den Un­srigen und der Gesamtheit mehr mit unserer Hände Werk oder mit unseres Geistes Kraft dienen. Unser Sehnen und Schauen ist seinem innersten Wesen nach über die Gegenwart hinweg auf die Zukunft eingestellt, bleibt auf die Zukunft eingestellt auch dann, wenn unser Empfinden und Tun restlos der je­weiligen Stunde zu gehören scheint. In seinem Mittelpunkt steht die Sorge um das Kind, und das Kind selbst ist ein Stück heranwachsender Zukunft.

Weil dem aber so ist, können wir Mütter es nicht daran genug sein lassen, in dem jungen Leben den reifen Menschen von morgen zu hegen und zu pflegen. Nehmen wir diese unsere Pflicht ernst, so müssen wir ebenso eifrig darauf bedacht sein, die gesellschaftliche Umwelt zu gestalten, die Verhältnisse zu beeinflussen, unter denen das Kind seine körperlichen und see­lischen Kräfte entfaltet. Auch dabei ist unser Blick der Zukunft zugewandt. Denn welche Mutter des arbeitenden Volkes, die sich nicht durch den Schein über das Sein täuschen läßt, könnte in der gesellschaftlichen Welt des Heute die Bedingungen er­füllt ſehen, die eine gesunde, volle Entwicklungsfreiheit jedem Rinde verbürgen, wo immer auch seine Wiege stand? Wir Mütter müssen um jeden Zoll menschlicher Erhebung unserer Kinder ankämpfen gegen die dunklen Gewalten der Ver­gangenheit, die unter den grausamen Gesetzen der Vererbung im Rinde selbst ihr Spiel treiben, ankämpfen gegen die nicht barmherzigeren Mächte der äußeren Zustände, die dem heran­wachsenden Geschlecht fruchtbares Erdreich, Wärme, Licht und erfrischenden Tau entziehen. Wir Mütter können gar nicht anders, wir müssen Dienerinnen der Zukunft sein, müssen für die Menschen und die gesellschaftlichen Dinge der herauf­dämmernden Tage die schaffende Hand am Werke haben.

Wir Mütter blicken deshalb unter unnennbaren Qualen nach dem Kriegsschauplab, auf dem der Tod ganze Reihen­folgen von Zukunftsgeschlechtern dahinmäht. Unseres Herzens Schlag mahnt uns daran, daß jeder, der dort starr oder ver­stümmelt liegt, der Sohn einer Mutter ist; daß mit jedem, der nie mehr oder wenigstens nie mehr mit voller Kraft am stolzen Bau der Menschheitsgeschichte mitwirken kann- und wäre es auch nur als bescheidener Kärrner, eine Zukunfts­hoffnung, ein Stück Zukunft selbst vernichtet ist. Wir Mütter sehen voll Grausen noch mehr.

Zuschriften an die Redaktion der Gleichheit find zu richten an Frau Klara Zetkin ( Zundel), Wilhelmshöhe, Post Degerloch bei Stuttgart . Die Expedition befindet sich in Stuttgart , Furtbach- Straße 12.

Es hat Ideale zertrümmert und befleckt, die den Kämpfern für den bedeutsamsten Fort­schritt des Menschengeschlechts voranleuchteten und die sie über die Grenzpfähle, Gebirge und Meere hinaus in heiligen Ver­trägen miteinander verbanden. Es hat die Erkenntnis getrübt für das, was die Völker einigt, wie für das, was innerhalb der einzelnen kapitalistischen Staaten die verschiedenen Gesell­schaftsschichten trennt. Es hat mit dem allem und anderent noch wenigstens vorübergehend einen Teil der jahrzehnte­langen Erziehungsarbeit ausgelöscht, die die Mühseligen und Beladenen befähigen sollte, sicheren Schrittes ihren Weg nach dem Kanaan der sozialistischen Gesellschaftsordnung zu wan­dern. Wir Mütter wissen, was wir damit verloren haben: ein Stück Zukunftswerk, in dem sich die Arbeiterklasse aus der Nacht und Not ihrer unfreien Eristenz erhoben hatte.

Allein aus der Trauer darüber darf nimmermehr Mut­losigkeit an uns heranschleichen und feiges Verzichten. Wir wären unwürdig, die hehrsten Träume der Zukunft geträumt zu haben, sollte uns der Schmerz um Verlorenes und Ge­fährdetes einen anderen Entschluß einflößen als den: nun erst recht! Glühender, hingebungsvoller denn je müssen wir uns dem Dienste der Zukunft weihen, die im Kinde heranreift, und deren lautes Brausen in den sozialen Dingen auf die Dauer von keinem Kriegslärm übertäubt werden kann. Wir Mütter nehmen den Kampf mit dem Krieg um die Menschen und die Ideale der Zukunft auf.

Uns ziemt es, in den vordersten Reihen der wachsenden Scharen zu stehen.

Wir fordern für die Zukunft die bedrohten Leiber von Hunderttausenden, die in strenger persönlicher Selbstzucht wie durch das Ringen um eine höhere soziale Ordnung die Mensch­heit vorwärts führen müssen. Wir heischen die lebendigen Seelen, die Träger von Menschheitsidealen sein sollen, die im Waffenlärm zu Boden getreten werden.

Um die Rasse zu ertüchtigen, so wird uns versichert, um grenzenlose Hingabe an die Sache des Vaterlandes groß­zuziehen. Wir Mütter denken an die Ertüchtigung der Söhne