Nr. 8

25. Jahrgang

Die Gleichheit

Zeitschrift für die Interessen der Arbeiterinnen

Mit den Beilagen: Für unsere Mütter und Hausfrauen und Für unsere Kinder

Die Gleichheit erscheint alle vierzehn Tage einmal. Preis der Nummer 10 Pfennig, durch die Post vierteljährlich ohne Bestellgeld 55 Pfennig; unter Kreuzband 85 Pfennig.

Jahres- Abonnement 2,60 Mart.

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Inhaltsverzeichnis.

Stuttgart

9. Januar 1915

Steine Illusion. Frauenversammlungen während des Kriegs. Bon Quise Zietz. Notizen­Wir Frauen. Gedicht von Betty Scherz. teil: Dienstbotenfrage. Für den Frieden. Frauenstimmrecht.

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Keine Illusion.

In allen Ländern werden die Sozialisten mit Schmerz auf das Jahr 1914 zurückblicken. International betrachtet, brachte es einen geradezu beispiellosen Triumph der kapitalistischen Weltmachtspolitik, die mit elementarer Gewalt der Kata­strophe des Weltkrieges zugetrieben hat, ohne daß die sozia­ listischen Parteien der betroffenen Staaten das Unheil abzu­wenden oder auch nur zu mildern vermocht hätten. Ja mehr noch. Immer international betrachtet, wird der Höhepunkt des imperialistischen Triumphes und sein eigentliches Wesen nicht etwa durch die Entscheidungen auf den Schlachtfeldern be­zeichnet, nicht durch die Macht- und Gebietsverteilungen zwi­schen den kriegführenden Staatengruppen, wie sie schließlich als Ergebnis des riesenhaften Ringens erscheinen können.

Der eigentliche Sieg der kapitalistischen Weltmachtspolitik ift national, innerhalb der Grenzen der einzelnen Länder er­rungen worden. Er besteht in der bedingungslosen Unter­werfung der Arbeiterklasse unter die Gebote des Imperialis­mus, besteht darin, daß dieser die Arbeiterklasse vollständig in den Dienst seiner Ziele genommen und ihnen alle Kräfte und, Einrichtungen nußbar gemacht hat, die Hebel zur Befreiung des werktätigen Volkes sein sollten. Die sozialistischen Par­teien der in Betracht kommenden Staaten haben diese Ent­wicklung der Dinge nicht aufgehalten, sondern von wenigen Ausnahmen abgesehen: der Sozialdemokratie in Serbien und Rußland , der Unabhängigen Arbeiterpartei Großbritanniens

sie haben sie bewußt mitgemacht und gefördert. Wir wer­ten heute diese Tatsache nicht, wir verzeichnen sie nur als bindigsten Beweis für unsere obige Auffassung vom Triumph der kapitalistischen Weltmachtspolitik.

Dieser Triumph mit seinem Um und Auf hat Illusionen vernichtet, die den Sozialisten aller Länder teure Wirklich feiten dünkten, weil sie ihr Herzblut darangegeben haben, ihnen Leben einzuflößen. Nun haben die Ereignisse gezeigt, daß das, was sie in den proletarischen Massen für Wirklichkeit, für ge­schichtliches Leben hielten, doch nur erst als Ideologie in ihrem eigenen klaren Erkennen und glühenden Wünschen existierte, eine Fata Morgana in die Zeit hinausgespiegelt. Es ziemt den Sozialisten nicht, darüber zu klagen, sehen, was ist, und aus­sprechen, was ist, war noch jederzeit eine Quelle ihrer Kraft. Gerade aber darum wäre es gefährlich, wollten sie sich an all den neuen Illusionen berauschen, die in der schwülen Ge­witterluft des Weltkrieges wie Pilze emporschießen. Und merkwürdig oder auch nicht wie man's nimmt, nach diesen neuen Illusionen haschen gerade die Hände jener So­zialisten am gierigsten, die in den Wettern und Flammen des Völkerringens nicht bloß alte Selbsttäuschungen verloren, son­dern ihnen feierlich beschworene Grundsäße nachgeworfen haben.

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Zuschriften an die Redaktion der Gleichheit sind zu richten an Frau Klara Zetkin ( 3undel), Wilhelmshöhe, Post Degerloch bei Stuttgart . Die Expedition befindet sich in Stuttgart , Furtbach- Straße 12.

Besonders liebevoll gehätschelt wird die Trugidee, daß der gegenwärtige furchtbare Krieg ,, der lezte seiner Art" sei. Sie taucht gern auf, wo Sozialisten die tiefe Tragik empfinden, daß das Ideal der proletarischen Solidarität und Brüderlich­feit von Granaten und Schrapnells verjagt, fremde Herde sucht und stumm sich an die Asche setzt". Es wird von ihr in süßen Tönen gesungen, wenn Kriegsleiden und Kriegsnöte die Leiber und Seelen der Menschen hart bedrängen, wenn die vielgestaltigen, aus den Zeitereignissen heraufgetriebenen Widersprüche und Gegensäße Antwort und Lösung verlangen. Kurz, sie ist Zukunftsmusik, die das Gegenwartselend erträg­lich machen soll, ein unverfälschtes Seitenstück zur Hoffnung auf die ausgleichende Gerechtigkeit nach dem Tode.

Gewiß: wir Sozialisten sind die letzten, die Zukunftsmusik bespötteln, nur müssen wir die festbegründete überzeugung hegen können, daß sie eines Tages wirklich gespielt wird. Wie aber ist's mit dem Lied vom legten Krieg"? Scheint die Mei­nung berechtigt, daß der jezige gewalttätige Streit der Staa­ten um Größe und Macht das Ende eines katastrophenreichen Entwicklungsabschnitts der Menschheitsgeschichte sei? Dürfen wir tatsächlich hoffen, daß der Donner seiner Schlachten das erste Salutschießen für den Weltfrieden ist, die Einleitung zum Zusammenwirken der Völker bei friedlicher Kulturarbeit? Wir vermögen diese trostreiche Auffassung der Dinge nicht zu teilen. Unserer Ansicht nach liegt ihr eine vollständige Ver­fennung der gesellschaftlichen Kräfte und Verhältnisse zu­grunde, die in kapitalistischer Weltmachtspolitik und Welt­fricgen ihren Ausdruck finden.

In der Weltmachtspolitik der Großstaaten mit fortgeschrit­tener kapitalistischer Entwicklung rebellieren die gesellschaft­lichen Produktivkräfte wider die Schranken der nationalen Ausbeutungsmöglichkeit. Die Grenzen des einzelnen Landes sind zu eng geworden für das gewaltige Weben und Walten dieser Kräfte, das gebieterisch einen ausgedehnteren Spiel­raum berlangt. Der Kapitalismus, der einst als bedeutsamen historischen Fortschritt den Nationalstaat schuf, treibt nun in seiner weiteren Entwicklung über ihn hinaus. Er bedarf der umfassenderen Wirtschaftsgebiete der Nationalitätenstaaten, der Weltreiche. Wir müssen uns den Nachweis dafür versagen, weshalb die geschichtliche Entwicklung gegenwärtig über die blut- und tränenüberströmten Blachfelder des Weltkrieges diesem Ziele zustrebt und nicht über die blumigen Wiesen des Weltfriedens.

Wenn wir jedoch den gegenwärtigen Krieg im Lichte der angedeuteten Zusammenhänge sehen, so ist eines klar. Seiner Wurzel, seinem Wesen nach ist es ausgeschlossen, daß seine eherne Faust das Tor künftiger kriegerischer Auseinander­sezungen sperrt und dem Friedensengel die Steige bereitet. Umgekehrt: er leitet eine Epoche schwerer, zäher Kämpfe um Weltmacht und Weltherrschaft zwischen den großen kapitali­ stischen Staaten ein. Tritt das im Verlauf des Krieges selbst nicht mit wachsender Deutlichkeit zutage? Der scheinbare Aus­gangspunkt des Schlachtgetümmels entweicht in immer fer­nere Weiten, verschwindet in Dunst und Nebel; es verstummen