Nr. 23
A.g. XIII
-157
27. Jahrgang
Die Gleichheit
Zeitschrift für Arbeiterfrauen und Arbeiterinnen
Mit der Beilage: Für unsere Kinder
Die Gleichheit erscheint alle vierzehn Tage einmal. Preis der Nummer 10 Pfennig, durch die Post vierteljährlich ohne Bestellgeld 55 Pfennig; unter Kreuzband 85 Pfennig. Jahres- Abonnement 2,60 Mart.
Auf dem Vormarsch!
Drei Jahre lang krankte die proletarische Frauenbewegung an innerer Zerrissenheit und Unklarheit des Wollens. Die Masse der Frauen wollte sich gefühlsmäßig im gleichen Schritt und Tritt mit ihren Männern halten, also der bewährten Politik der sozialdemokratischen Partei folgen; sie wurde aber irre gemacht durch das Verhalten langjähriger Führerinnen, die offen und im geheimen den Anschluß der proletarischen Frauenbewegung an eine neugegründete sozialistische Partei
vorbereiteten.
Die Zeit der Zwiespältigkeit und Unentschiedenheit ist vorüber.
Eine sozialdemokratische Frauenkonferenz hat stattgefunden und wieder klare und unzweideutige Wegweiser für den Vormarsch unserer Frauenbewegung aufgestellt. Seitdem haben bereits mehrere Frauenkonferenzen und-versammlungen im Reiche stattgefunden, die sich einmütig auf den Boden der Reichskonferenz gestellt und ihre Beschlüsse für sich übernommen haben. Wo solche Konferenzen und Versammlungen noch nicht abgehalten worden sind, befinden sie sich in der Vorbereitung. Es geht wieder vorwärts!
Ein frisches, arbeitsfreudiges Leben regt sich in unserer Frauenbewegung. Die Werbeversammlungen sind durchweg gut besucht, die Aufforderungen zur Mitgliedschaft finden offene Ohren, um die„ Gleichheit" sammelt man sich wieder mit neuem Vertrauen als um den geistigen Mittelpunkt der Bewegung.
Dieser neuerwachte Eifer darf nicht wieder erlahmen. Wir leben in einer fürchterlichen, aber auch in einer großen und zukunftsschwangeren Zeit. Nur wer in die tiefaufgewühlten Ackerfurchen der Gegenwart die kraftvollen Reime neuer Rechtsansprüche zu senken weiß, darf von der Zukunft nach dem Kriege etwas erwarten. Den Frauen hat der Krieg wider ihren Willen neue harte Lasten und Pflichten auf die Schultern gelegt; nun ist es an ihnen, auch die Rechte zu fordern, die aus den Pflichten erwachsen.
Das Frauenwahlrecht muß das nächste Ziel der Frauenbewegung sein!
In allen ihren Stämpfen werden die sozialdemokratischen Frauen die„ Gleichheit" als ihre treue Helferin zur Seite haben. Aber die Gleichheit" vermag nur dann eine starke Wirkung auszuüben, wenn sie über eine große Schar Leserinnen verfügt. Der Zwist im eigenen Lager hat die Leserschar von einst sehr vermindert. Aber über den tiefsten Stand sind wir hinweg. Es geht auch in dieser Beziehung wieder vorwärts. Und um so schneller, je reger und tatkräftiger unsere Leserinnen selber neue Leserinnen heranziehen. Darum
seid tätig für die ,, Gleichheit"!
Zuschriften sind zu richten
an die Redaktion der Gleichheit, Berlin SW 68, Lindenstraße 3. Fernsprecher: Amt Morigplatz 14838. Expedition: Stuttgart , Furtbachstraße 12.
Als vor etwas über einem Jahr das Kriegsernährungsamt begründet wurde, bemächtigte sich der Bevölkerung die Hoffmung, daß der während der Kriegszeit recht verfahrene Ernährungskarren wieder auf ein vernünftiges Geleise gebracht werden würde. Man versprach sich sehr viel von dem neuen Lebensmitteldiktator", der in der Person des Herrn von Batocki an die Spitze des Amtes gestellt wurde, und setzte hohe, zum Teil übertriebene Erwartungen auf seine künftige
Tätigkeit.
Wenn wir Verbraucher auch mit den leider nur zu vorsich tigen und zaghaften Eingriffen des Kriegsernährungsamts in den Handel und die Verteilung der Lebensmittel einverstanden sind, so haben wir doch alle Ursache, ein mindestens gleiches Zugreifen bei der Erfassung der Waren zu wünschen. Zwar ist das System der Überwachung des Handels nicht lückenlos, wie die großen Getreideschiebungen, der Handel mit„ markenfreiem Mehl", der unterderhand stattfindende Verkauf von Fleisch, Schinken, Wurstwaren, Butter und Eier beweisen. Haben schon diese Lücken recht erhebliche Benachteiligungen der Versorgungsberechtigten im Gefolge gehabt, so litt die Verteilungsmöglichkeit noch mehr unter dem Widerstand der Nahrungsmittelerzeuger. Die Folge für das Kriegsernährungsamt ist eine mangelhafte Erfassung der Lebensmittel, eine nicht notwendige Verkürzung der Lebensmittelrationen und eine ständige Verschlechterung der Ernährungsverhältnisse in den Städten und Industrieorten.
Einen sprechenden Beweis hierfür bildet die Kartoffelversorgung im Erntejahr 1916/17. Die Mängel zeigten sich gleich zu Anfang bei der Frühkartoffel. Zwischen Perioden, in denen nicht eine Kartoffel zu kaufen gewesen, gab es Tage, an denen die Anlieferung so stark war, daß die Frucht nicht dem sofortigen Verbrauch zugeführt werden konnte und dem Verderben anheimfiel. Dies hatte seinen Grund in der Festsegung des Preises, der sich von Halbmonat zu Halbmonat verringerte und die Landwirte veranlaßte, zu dem jedesmaligen Ende der Preisperiode eine Hochflut von Kartoffeln über die Städte ergehen zu lassen, diese waren gezwungen, die Kartoffeln zu bezahlen, gleichviel, ob sie Verwendung dafür hatten oder nicht, dafür herrschte während der übrigen Zeit völlige Ebbe. Nicht die geregelte Versorgung der Städte war den Landwirten die Hauptsache, sondern der hohe Preis, das beweisen auch die Fälle, in denen Winterkartoffeln in unreifem Zustande aus der Erde gerissen wurden, um dafür den hohen Frühkartoffelpreis einzuheimsen.
So war die ganze Frühkartoffelperiode für die Städte und ihre Bewohner eine Zeit fortwährender Sorge, und man atmete auf, als die Winterkartoffel kam, die nach der Ernteschätzung so reichlich ausgefallen war, daß jedem Einwohner 10 Pfund für die Woche zur Verfügung gestellt werden konn ten, die Verfütterung zum Teil freigegeben und den Städten die Einlagerung ihres Winterbedarfs anempfohlen wurde.