Nr. 10

A. g. XIII

28. Jahrgang

Die Gleichheit

Zeitschrift für Arbeiterfrauen und Arbeiterinnen

Mit der Beilage: Für unsere Kinder

Die Gleichheit erscheint alle vierzehn Tage einmal. Preis der Nummer 10 Pfennig, durch die Post vierteljährlich ohne Bestellgeld 55 Pfennig; unter Kreuzband 85 Pfennig. Jahres- Abonnement 2,60 Mart.

Vom Krieg zum Frieden.

Stuttgart

15. Februar 1918

Es ist ein unsäglich mühseliger und dornenvoller Weg, den der kommende Frieden zurückzulegen hat, bevor er an sein Ziel gelangt.

Wir befinden uns jetzt in der Übergangszeit vom Krieg zum Frieden. Noch rast der Krieg in seiner unbändigen Weise; wenn es nach den Wünschen bestimmter Personen und Kreise gehen sollte, so würde er auch vorläufig noch ungehemmt weiterwüten, ja, er würde in den nächsten Wochen und Mo­naten Formen annehmen, gegen die alle bisherigen größten Schlachttage und Stürme verblassen müßten. Hunderttausende blühender Menschenleben würden die beklagenswerten Opfer der auf beiden Seiten vorbereiteten Frühjahrsschlachten sein. Aber auch der Friedensgedanke hat an Stärke gewonnen. Vor einem Jahre war er zum ersten Male wie eine ver­schüchterte Taube aufgeflattert. Millionen friedenssehnsüchtige Menschen begrüßten ihn jubelnd, aber sie trugen betrübt ihre voreiligen Hoffnungen zu Grabe, als sie nach kurzer Zeit nichts mehr von Frieden, um so mehr dagegen vom wilden Kriegs­getümmel hörten und fahen. Doch der Friedensgedanke ge­wann an Stärke von Woche zu Woche, von Monat zu Monat. Die Stockholmer Verhandlungen, die Reichstagsresolution vom 19. Juli, die Papstnote, vor allen Dingen aber die russische Revolution in ihrer lezten Phase, die die Bolschewiki zur Macht brachte, alles trug neben den dauernden Ursachen der Kriegsmüdigkeit und Friedenssehnsucht, wie sie aus dem un­endlichen Elend der Kriegswirkungen, dem Meer von Blut und Tränen, der nagenden Sorge um das tägliche Brot un erschöpflich herausquellen, dazu bei, den Friedensgedanken aus einem ersten schüchternen Hoffnungsstrahl immer mehr zu einem leidenschaftlich gewollten und mit allen Mitteln er­strebten Ziel der gequälten Menschheit zu machen.

Man täusche sich nicht darüber: auch in den anderen Län­dern ist die Sehnsucht nach dem Frieden nicht minder groß wie bei uns. Und warum trotzdem kein klar erkennbarer Schritt zum Frieden?

Nun, es sind diese Schritte eben nur nicht klar erkennbar, vorhanden aber sind sie auch drüben. Bei den Völkern jen­seits der Schützengräben sieht es anders aus als vor einem Jahre oder gar als vor zwei und drei Jahren. Auch dort sind die Menschen unruhig und können nur durch immer neue Mittel mit Mühe beruhigt werden. Ebenso hat sich bei den feindlichen Regierungen der Ton geändert. Man verzichtet auf die wüsten Schimpfereien, man verdichtet die Kriegsziele aus dem verwirrenden und aufreizenden Nebel überspannter und unmöglicher Forderungen zu bestimmteren, fester abgegrenzten Zielen, über die sich bei beiderseitigem guten Willen schon im Wege der Verhandlungen reden lassen würde.

Dennoch wollen die Verhandlungen nicht recht in Gang kommen. Und auch dafür gibt es Erklärungen. Wie schwer fällt es schon bei zwei Freunden, die sich auf Leben und Tod verfeindet haben, die Brücke zur Verständigung zu finden! Welche Mühe wird es kosten, die feindlichen Parteien der

Zuschriften sind zu richten

an die Redaktion der Gleichheit, Berlin SW 68, Lindenstraße 3. Fernsprecher: Amt Morigplay 14838. Expedition: Stuttgart , Furtbachstraße 12.

deutschen Sozialdemokratie wieder zu gemeinsamer Arbeit zu vereinen, obwohl sie doch im Ziel einig sind! Wie völlig un­möglich scheint die Erfüllung dieses Wunsches zurzeit noch! Da möge man sich nur einmal vergegenwärtigen, um wie unendlich viel schwieriger das Friedenswerk erscheinen muß, das diesen unseligen, fürchterlichen Weltkrieg beenden soll! Wie erbittert sind die Staaten aufeinander! Welche Berge von Gegensägen, Böswilligkeiten, Mißverständnissen türmen sich zwischen ihnen auf! Wo bietet sich in diesem Labyrinth von Trümmern, Leichenbergen, Feindseligkeiten, Lügenhaftig­feiten das rettende Garn, das den Weg ins Freie und zum Frieden führt!

Und doch wird der Weg gefunden werden!

Wir sprachen von der Feindschaft zwischen zwei Menschen. Der große englische Dichter Shakespeare schildert in seiner düsteren Liebestragödie Romeo und Julia " einen solchen er­bitterten Streit zweier Familien. Der Streit findet ein schnel­les Ende, als die beiden Liebenden aus den verfeindeten Häusern als Leichen vor den Füßen der streitenden Familien­väter liegen. Da reichen sich in tiefer Erschütterung Montague und Capulet über die Leichen hinweg die Hände zum Frieden.

Große Erschütterungen, größere, als sie der Streit selber mit sich bringt, vermögen oft den Weg zum Frieden zu er­zwingen, wenn er auf keine andere Weise gefunden werden kann. Es scheint, als ob auch aus dem Chaos des Weltkrieges keine andere Lösung hinausführt, wenn die verantwortlichen Stellen in allen Ländern nicht bald ihrerseits die erlösenden Worte finden.

In Rußland haben wir bereits den völligen Zusammen­bruch, ein wildes Durcheinander, den Kampf aller gegen alle. Der Krieg nach außen hat damit für Rußland ein schnelles Ende gefunden, es war sofort zum Frieden bereit. Als die Friedensverhandlungen mit den Mittelmächten an eroberungs­süchtigen Bedingungen der Sieger zum ersten Male zu schei­tern schienen, erhoben sich die österreichischen Arbeitermassen wie ein Mann und verlangten und erlangten in kürzester Frist von ihrer Regierung Sicherheiten dafür, daß sie den Frieden mit allen Kräften wünsche und herbeizuführen bestrebt sein werde, ohne sich dabei von irgendwelchen Eroberungs­absichten leiten zu lassen.

Zur Zeit, da wir diese Zeilen schreiben( Ende Januar), durch­zittert ganz Deutschland der erste Stoß eines gewaltigen in­neren Erdbebens, das sich aber dadurch von natürlichen Erd­beben unterscheidet, daß es nicht blindlings und zügellos wütet. Die großen Streiks, die über Nacht, elementar, wie eine Naturgewalt, überall in Deutschland ausgebrochen sind, wollen den festen Willen der deutschen Arbeiter bekunden, daß sie an ihrem Kriegsziel: der Aufrechterhaltung eines freien, selbständigen, in seinem Besißstand unversehrten, in seiner wirtschaftlichen und kulturellen Entwicklungs­freiheit ungehinderten Deutschland nicht rütteln lassen wollen. Sie wollen nicht weniger als dies, sie haben über dreieinhalb Jahre die größten Opfer und Entbehrungen da­für gebracht. Aber sie wollen auch nicht mehr! Sie wollen