Nr. 1
Die
1641
A. g. XIII
ENTRALST
DES
OLESVEREINS
BAS KARO
TSCHLAhrgang
Zeitſchrift für Arbeiterfrauen und Arbeiterinnen 2 z
Mit der Beilage: Für unsere Kinder
Die Gleichheit erscheint alle vierzehn Tage einmal. Preis der Nummer 15 Pfennig.
Durch die Post bezogen vierteljährlich ohne Bestellgeld 95 Pfennig; unter Kreuzband Mr. 1.45.
Kritische Tage.
In dem großen Konflikt der Völker drängt alles mit unwiderstehlicher Wucht zur Entscheidung.
Die gewaltige friegerische Offensive Deutschlands im Westen, die im März begann, hat im Juli ihr Ende erreicht. Unmittelbar auf dem Fuße folgte ihr eine noch gewaltigere Offensive der Ententeheere. Ihre Stärke und ihren Rückhalt findet diese in wachsendem Maße an Amerika , das in unerwartetem Um fang wohlausgerüstete und kriegerisch sehr brauchbare Truppen und ausgezeichnetes Kriegsgerät über den Ozean schickt. Beide Offensiven haben beiden Teilen ungeheure Opfer an Gut und Blut gekostet. Hunderttausende blühender Menschenleben haben daran glauben müssen. Immer größer werden die Tränenströme weinender Mütter und Frauen.
-
Verzweifelt fragen die Völker: Soll das so weitergehen? Soll in einem neuen- dem fünften! endlosen und qualvollen Kriegswinter das Elend noch schlimmer werden und das Blutmeer noch höher anfchwellen?
Daneben werden die inneren Sorgen der Völker immer größer. Wir wissen nicht genau, wie es in dieser Beziehung auf der feindlichen Seite aussieht. Wir dürfen aus verschie denen Anzeichen schließen, daß dort die Ernährungssorgen, die Schwierigkeiten der Beschaffung von Licht und Feuerung, von Kleidern und Schuhen noch nicht so schlimm sind wie bei uns. Steht ihnen doch trotz alledem noch die ganze Welt offen. Und wenn der U- Bootkrieg auch den feindlichen Frachtraum verringert hat, er reicht immer noch aus, um die Völker der Gegenseite besser zu versorgen, als wir uns aus den Schäßen des eigenen, immer farger bestellten Bodens versorgen können. Aber selbst wenn es drüben erst so schlimm sein sollte, wie es bei uns noch vor zwei Jahren war, war es damals bei uns nicht schon schlimm genug im Vergleich zu früheren Zeiten? Müssen die Völker drüben das wachsende Ernährungselend nicht gleichfalls bitter und schmerzlich empfinden?
Und wiederum fragen die Völker voller Verzweiflung: Wie lange noch? Wann ist das Ende dieser menschenunwürdigen Dual?
Die erlösende Antwort bleibt aus. Die Militärs wissen sie nicht zu geben. Jedenfalls wissen sie keinen anderen als den Trost, den wir lange kennen und der uns längst kein Trost mehr ist: nur Mut, nur durchhalten, wir werden es schon schaffen!
Gewiß sind wir davon überzeugt, daß sie vieles schaffen werden. Wir glauben, daß die deutschen Heere die schüßende Mauer im Westen halten werden. Aber welche Opfer wird das weiterhin kosten! Und was ist gewonnen, wenn wir nur die Verteidigungsmauer halten! Damit ist der Krieg noch immer nicht zu Ende, damit geht das Elend immer weiter.
Ein deutscher Staatsmann, der frühere Staatssekretär v. Kühlmann, hat das bedeutungsvolle Wort gesprochen, daß durch militärische Mittel allein der Krieg nicht zu Ende geführt werden könne, diplomatische und militärische Mittel müßten zu ihrem Teile mithelfen. Das war ein gutes und kluges Wort, wenn es auch zunächst dem Staatsmann, dank alldeutscher
•
2,90
Zuschriften sind zu richten an die Redaktion der Gleichheit, Berlin SW 68, Lindenstraße 3. Fernsprecher: Amt Morigplag 14838. Expedition: Stuttgart , Furtbachstraße 12.
Treibereien, sein Amt gekostet hat. Jetzt, im dritten Monat der erfolgreichen feindlichen Offensive und der Anstürme der Gegner an allen Fronten, jetzt ist das Wort Gemeingut in Deutschland geworden, jetzt sucht die Regierung bereits gemäß diesem Worte zu handeln, jetzt sind die alldeutschen Großsprecher sehr kleinlaut geworden.
Aber leider haben wir nicht die Diplomatie und treiben wir nicht die Politik, die uns zu einem baldigen Kriegsende zu führen geeignet erscheint. In dieser Beziehung sieht es unendlich trostlos in Deutschland aus, ebenso trostlos wie auf dem Gebiet der Ernährung. Kein großer Zug in der Politik, kein klares und offenes Bekenntnis zum Verständigungsfrieden, keine Einsicht in die unbedingten Staatsnotwendigkeiten, die erfüllt werden müssen, wenn die innere Front aufrechterhalten werden soll. Kann man dem Volfe nicht mehr Brot und Kartoffeln geben, als es erhält, weil nicht mehr wächst, so ist das zwar bitter; aber schließlich sieht das Volk ein, daß in dieser Beziehung auch der wohlmeinendsten Regierung Schranken gezogen sind. Aber warum denn dieselbe Kargheit und Knappheit in der Zuweisung des politischen Brotes? Warum feine inneren Reformen? Warum noch immer die Steine des Bes lagerungszustandes und der Zensur statt des Brotes der preußischen Wahlreform?
Durch die österreichische Friedensnote war eine so bedenkliche Zuspigung der politischen Lage geschaffen worden, daß der Hauptausschuß des Reichstags berufen werden mußte. Bei dieser Gelegenheit gelangte die gesamte innere und äußere Lage zu eingehender Besprechung. Die drei Mehrheitsparteien hatten schon in den vorhergehenden Wochen und Tagen mannig fache Besprechungen gehabt, bei denen sich in vielen Punkten Einmütigkeit wie bisher ergab. Vor allen Dingen war man sich darin einig, daß die Lage nur zu retten sei, wenn die Regierung auf neue Grundlagen gestellt werde, wozu in erster Linie die Beseitigung jeder unverantwortlichen Nebenregierung, besonders des Dreinredens der hohen Militärs in die Politik gehört. Ferner wünschte man Durchführung der Parlamentarisierung und Demokratisierung und sofortige Entscheidung in der preußischen Wahlrechtsfrage. Um aber der Regierung für diese Neuerungen die nötige Kraft und den erforderlichen Rückhalt im Volke zu geben, verlangten die beiden bürgerlichen Parteien von der Sozialdemokratie den Eintritt in die Regierung.
Über diese ernste Frage haben die obersten Körperschaften der Partei, der Parteiausschuß und die Reichstagsfraktion am Tage vor dem Zusammentritt des Hauptausschusses eingehend beraten. Sie haben sich nach ernster Erwägung des Für und des vielen Wider bereit erklärt, diesen bedenkenvollen und verantwortungsreichen Schritt zu tun, falls sich die bürgerlichen Mehrheitsparteien mit bestimmten Mindestbedingungen, wie sie unseren Leserinnen aus der Tagespresse bekannt sind, einverstanden erklären. Zu diesen Bedingungen gehört auch die Forderung des Rücktritts des gegenwärtigen Reichskanzlers, des Grafen Hertling, der sich als zu alt und zu schwach für die ernsten Anforderungen, die in dieser Zeit an sein Amt