Nr. 5

29. Jahrgang

Die Gleichheit

Zeitschrift für Arbeiterfrauen und Arbeiterinnen

Mit der Beilage: Für unsere Kinder

Die Gleichheit erscheint alle vierzehn Tage einmal. Preis der Nummer 15 Pfennig.

Durch die Post bezogen vierteljährlich ohne Bestellgeld 95 Pfennig; unter Kreuzband mr. 1.45.

Stuttgart

6. Dezember 1918

Zuschriften sind zu richten an die Redaktion der Gleichheit, Berlin SW 68, Lindenstraße 3. Fernsprecher: Amt Morigplag 14838. Expedition: Stuttgart , Furtbachstraße 12.

Jahrtausendealte Sesseln sind geborsten. über Nacht.

Gestern noch sperrten die Gewalthaber einer vergangenen Zeit dem Werden­den einer neuen Zeit einsichtslos und herausfordernd den Weg.

Heute liegen sie überwunden, entwurzelt, gebrochen, ohnmächtig irgendwo abseits vom Wege und warten des Straßenfegers, der sie auf den Kehricht­haufen der Geschichte wirft.

Gestern noch waren die deutschen Frauen unfrei, ein unterdrücktes Geschlecht, das auch der erwachenden Demokratie nur mühsam kleine Jugeständnisse ab: ringen konnte.

Heute sind die deutschen Frauen die freiesten der Welt. Sie haben die volle und unbedingte Gleichberechtigung mit dem Manne, sie können zu allen Körper: schaften wählen und gewählt werden.

Wem verdanken sie ihre Freiheit und Gleichheit? Dem gewaltigen Wetter der Revolution, das am 9. November mit ungeheurer und unwiderstehlicher Gewalt über Deutschland losbrach. Lange hatte es am Himmel gehangen. Immer düsterer und schwüler war es in den deutschen Landen geworden. An War: nungen hatte es nicht gefehlt. Aber die Machthaber waren blind.

Wir sagen jetzt: Es war ein Glück. Denn nur dadurch konnte die Revolution die urgewaltige sieghafte Kraft erlangen, die sie in wenigen Stunden zum Siege führte und jene zu Herren der Lage machte, die dank ihrer Tätigkeit und Tüchtigkeit darauf den ersten Anspruch hatten: die Soldaten und die Arbeiter! Aber beide vergaßen in dem gewaltigen Brausen der Revolution nicht die Dritten im Bunde : die Frauen!

Deutsche Frauen jubelt, ihr habt Anlaß dazu! Ihr seid künftig die Freiesten der Freien. Aber geht auch in euch, deutsche Frauen! Millionen von Männern haben erst in fürchterlichstem Brudermord fallen müssen, ehe die Bahn für euch frei wurde. 3eigt euch dieser Opfer würdig und dankbar. Zeigt, was ihr als Freie und Gleichberechtigte leisten könnt.

Bald steht ihr vor einer der größten Entscheidungen, die in der Menschheits­geschichte je zu fällen waren. Vergeßt nicht, daß es die Demokratie und der Sozialismus waren, die euch die Freiheit und die Gleichheit gebracht haben. Das alte Dichterwort gewinnt neue und tiefste Bedeutung:

,, Der Menschheit würde ist in eure Hand gegeben, bewahret sie! Sie sinkt mit euch! Mit euch wird sie sich heben!"