Nr. 15

29. Jahrgang

Die Gleichheit

Zeitschrift für Arbeiterfrauen und Arbeiterinnen

Mit der Beilage: Für unsere Kinder

Die Gleichheit erscheint alle vierzehn Tage einmal. Preis der Nummer 15 Pfennig.

Durch die Post bezogen viertelfährlich ohne Bestellgeld 95 Pfennig; unter Kreuzband Mr. 1.45.

Wir wollen den Frieden.

Stuttgart

25. April 1919

Schon die nächste Zeit muß die Entscheidung bringen, ob Friede werden soll zwischen Deutschland und der Entente, oder ob die gequälten Völker Europas weiter verharren sollen in dieser Schwebe zwischen Krieg und Frieden, zwischen Tod und Leben. Soviel an uns liegt, soll Friede werden; nicht nur, weil wir ihn schließen müssen, sondern, weil wir es wollen.

Weil das deutsche Volk den Frieden wollte, stürzte es durch die Novemberrevolution die alten Machthaber und zer­schlug das alte monarchische Staatsgebilde. Ehrlicher und offenbarer ist noch niemals in der Geschichte der Friedens­wille eines Volkes dokumentiert worden.

Aber die Regierungen der Entente wollten den Frieden nicht, darum glaubten sie nicht an unsere Ehrlichkeit. Haß und Rachgefühl schalteten die klare Überlegung aus, welche im Völkerleben noch notwendiger ist als im Beisammenleben der einzelnen Menschen. Das neue Deutschland sollte das Schuldkonto des alten, toten begleichen und das Schuldkonto des Krieges überhaupt. Denn wieviel Schuld an den Greueln und Schrecken des Krieges eine einzelne Regierung, einzelne Machthaber treffen mag, so ist doch der Grund all des Ent­seglichen, das wir und die anderen Völker erlebten, der Krieg an sich. Und darum muß man den Krieg bekämpfen, wenn man den Schuldigen treffen will, und man muß helfen, die Ursachen des Krieges überhaupt aus der Welt zu schaffen. Das ist in erster Linie der Kapitalismus, das Bestreben, größte Vermögenswerte in wenigen Händen zu vereinen, sie immer mehr zu vergrößern, jede Konkurrenz aus dem Felde zu schlagen ohne Rücksicht auf das Wohl der Allgemeinheit. Diese tapitalistische Wirtschaftsweise hat den Drang, sich neue Absatz- und Rohstoffgebiete zu schaffen; seine naturnotwendige Folgeerscheinung ist also der Imperialismus, die Länder eroberungsfucht. Der Imperialismus aber hat die Gewalt nötig, um sich durchzusetzen, wo er in Verhandlungen oder im Austausch nicht bekommen kann, was der Kapitalismus an Waren, Absatz- und Erzeugungsgebieten gebraucht. Sein Mittel hierzu ist der Militarismus, und die Anwendung dieses Macht mittels heißt Strieg.

Wer diese Zusammenhänge erkannt hatte, sah, in welchem Irrtum sich die Ententevölker befanden, wenn sie glaubten, den preußischen Militarismus niederkämpfen zu müssen, um sich und dem deutschen Volke die Befreiung zu bringen. Wir wußten, daß nur der Sozialismus den Kapitalismus und seine Gefolgschaft überwinden konnte, und lehnten deshalb die Ein­mischung irgendeines anderen kapitalistischen Staates in un­sere eigenen Angelegenheiten ab. Wir wußten, daß eine solche Befreiung" von außen nur neue Knechtung unter anderem Namen bedeutet hätte. Wir wußten als gute Sozialdemo­kraten, daß der siegreiche Strieg den Kapitalismus und Im­perialismus der siegenden Staaten ungeheuer stärken mußte, deshalb traten wir ein für einen Frieden der Verständigung, in dem es weder Sieger noch Besiegte geben sollte. Dann hätte der Sozialismus seine Rechnung mit dem Kapitalismus

Zuschriften sind zu richten an die Redaktion der Gleichheit, Berlin SW 68, Lindenstraße 3. Fernsprecher: Amt Morigplag 14838. Expedition: Stuttgart , Furtbachstraße 12.

glatt erledigen können. Es war der große Irrtum der unab­hängigen Sozialdemokraten, daß sie die Schäden nur in und am Vaterlande entdeckten und den Gerechtigkeitsversicherungen der kapitalistischen Ententeregierungen gläubig und verstehend gegenüberstanden. Und doch floß alles Unheil, hüben wie drüben, aus denselben Quellen.

Dadurch, daß der deutsche Militarismus zusammenbrach, fonnte die Revolution die kapitalistische Regierung beseitigen und durch eine provisorische sozialistische ersezen. Gleichzeitig aber war Deutschland durch den langen Krieg wirtschaftlich vollkommen am Ende. Sollte es von neuem wachsen, dann war die vereinte Kraft des gesamten Volkes nötig. Wir brauch­ten den Frieden; wir mußten Lebensmittel und Rohstoffe haben, um leben und arbeiten zu können. Aber wir wollten und brauchten auch den Frieden in der Arbeiterschaft selbst. Darum übernahmen unsere Genossen zusammen mit den Un­abhängigen die Regierung.

Und nun bestätigte sich, was wir vorausgesehen hatten. Der siegreiche Ententekapitalismus wußte nichts mehr von der ver­kündeten Gerechtigkeit; erobern, rächen, strafen war das Echo, welches dem Friedenswillen der jungen deutschen Republik ent­gegenschallte. Waffenstillstandsbedingungen wurden auferlegt, welche das deutsche Wirtschaftsleben treffen mußten bis ins Mart. Aber sie trafen die übrigen Völker mit. Die Schrecken des Krieges haben ganz Europa in Mitleidenschaft gezogen, darum mußte es auch die Fortsetzung desselben tun.

Die organisierte Arbeiterschaft Deutschlands war reif zum Sozialismus. Wäre ihr die Möglichkeit geordneten Aufbaus gegeben gewesen, dann hätte sie die sozialistische Staats- und Wirtschaftsordnung entwickelt und ihr alle schaffenden Kräfte eingefügt. Sie hätte stufenweis den Volksstaat in den Besitz der Produktionsmittel gebracht und endlich den Sozialismus in seinen letzten Zielen verwirklicht. Nicht mehr gehörte dazu als Frieden, Lebensmittel und Arbeitsmöglichkeit. Da alles ausblieb, brach in Deutschland das Hungerfieber aus, und nun war der fruchtbare Boden für die bolschewistische Propaganda geschaffen. In dieser Zeit traten die Unabhängigen aus der Regierung aus. Als sie sahen, daß sie von der Entente ver­lassen waren, lehnten sie die Mitverantwortung für das schwere Schicksal des deutschen Volkes ab. Ohne den Hunger hätte die bolschewistische Bewegung in Deutschland nie größeren Um­fang annehmen können, denn alle Vorbedingungen fehlten.

Die Mitwirkung der Arbeiterschaft im Produktionsprozeß, wie das Rätesystem sie will, ist Sozialismus und nicht Bol­schewismus. Sie bedurfte deshalb der blutigen Propaganda nicht, sie ist im sozialistischen Staate eine Selbstverständlichkeit, ob unter dem Rätenamen oder einem anderen.

Die Errichtung des Sozialismus ist aber nur auf dem Boden der Demokratie möglich; so ist es uns gelehrt worden von unseren Altmeistern, so steht es in unserem Programm, und diesen einzig gerechten Weg ging unsere Regierung, als sie zur Nationalversammlung wählen ließ. Die Wahlen ergaben teine sozialistische Mehrheit; der Bruderzwist in der Arbeiter­schaft ist zu einem großen Teil Schuld daran. Nur die Regie­