Nr. 20

29. Jahrgang

Die Gleichheit

Zeitschrift für Arbeiterfrauen und Arbeiterinnen

Mit den Beilagen: Für unsere Kinder.

Die Gleichheit erscheint wöchentlich

Preis: Monatlich 1,20 Mart, Einzelnummer 30 Pfennig Durch die Poft bezogen viertelfährlich ohne Bestellgeld 3,60 Mark; unter Kreuzband 4,25 Mark

Friede!

Berlin

5. Juli 1919

Die Würfel sind gefallen. Am 23. Juni hat die Deutsche Nationalversammlung in Weimar die Regierung ermächtigt, den Frieden bedingunglos zu unterzeichnen. Kurz und zu unterzeichnen. Kurz und würdig war dieser letzte Akt des grauenhaften Dramas. Die Bestattungsfeierlichkeiten dagegen, welche am Sonntag vor fich gingen, konnten jeden aufrichtigen Menschen übel wer­den lassen. Im Angesicht des sterbenden Deutschland noch den Streit um den Lorbeer der Vergangenheit und der Zu­funft von äußerst rechts und äußerst links. Die Gegenwart hat nur Totenfränze zu vergeben find die gibt man nicht den Totengräbern, sondern legt sie schweigend dem Opfer aufs Grab. In solcher Stunde elendes Pharisäertum; ein Streit um die Schuld". Wird es so weitergehen? Wahr­scheinlich, den Deutschnationalen und den Unabhängigen zerläuft auch die größte Sache unter den Händen zu Agi­tationsbrei. Oder gibt es Männer und Frauen auf der äußersten Linken, die in der kommenden schweren Not start und selbstlos genug sind, über alle Verbitterung, über allen Irrtum hinwegzuschreiten, die Vergangenheit versinken zu lassen und an dem Wiederaufbau zu helfen?

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Dieser Friede der Gewalt, wie sie sich nackter, brutaler niemals in der Weltgeschichte enthüllt hat, schlägt Deutsch­ land in die Fessel des Ententekapitalismus und Imperialis­mus. Das Deutschland , in dem eben die Fesseln des eigenen Kapitalismus eine nach der anderen flirrend zersprangen. Das deutsche Volk, welches vor dem November 1918 mit Peitschen geschlagen war, soll nun mit Storpionen gezüchtigt werden. Kann dabei der Sozialismus weiter wach­sen? Der Bolschewismus wohl. Er ist wie eine rasende, zehrende Glut, die unter den Händen des Unterdrückers aufspringt, vernichtet was in ihren Bereich kommt und zu­sammenfällt, trostlose ausgebrannte Trümmer zurücklassend. Er ist die Gewalt der Empörung gegen die Gewalt der Unterdrückung. Aber der Sozialismus ist das starke, reine Feuer, welches von arbeitenden Händen seine Nahrung er­hält und den arbeitenden Händen ihr Werk schaffen hilft; welches die Herzen erwärmt und die Hirne durchleuchtet. Sozialismus ist Freiheit und Gleichheit und Brüderlichkeit; Sozialismus ist Menschenliebe! Kann die Freiheit ge­deihen in Sklaverei? Kann Gleichheit sich entwickeln unter Sklaven und Stlabenhaltern? Kann Brüderlichkeit ge­deihen unter Nichtern und Verurteilten? Wird unter fol­chen Verhältnissen die Menschenliebe oder der Haß den Sieg dabontragen.

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Wir Frauen, alle, alle, wo immer wir wohnen, wollen feinen Krieg mehr. Das habe ich aus­sprechen dürfen am 12. Mai in der Nationalversammlung . Darum hat keine Frau an einen bewaffneten Widerstand gegen diesen Frieden gedacht, als wir unser Nein aus­sprachen. Wir haben uns gewehrt gegen diesen Frieden bis zulett, weil er die Keime neuer

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Die Frau und ihr Haus

Zuschriften find zu richten an die

Redaktion der Gleichheit, Berlin SW 68, Lindenstraße 3 Fernsprecher: Amt Morigplan 147 40 Expedition: Berlin SW 68, Lindenstraße 3.

Kriege in fich trägt. Wir wehren uns gegen den Haß, den dieser Friede sät. Unser Nein war der letzte Widerstand gegen das Versinken unseres Menschheitsglaubens.

Der Wille zum moralischen Widerstand war zerbrochen. Das ist das furchtbarste Opfer des Krieges, daß er ein Volk zerbrechen konnte. Nun mußte das Ja gesprochen werden und wenn wir es selbst nicht sprechen konnten und können, weil wir nicht zu Verrätern an uns selbst werden wollten, dann wollen wir doch für alle die anderen die harte Notwen­digkeit des inneren Zwanges anerkennen. Und darum stehen wir zusammen, auch nach diesem furchtbaren Tag. Wollen und müssen zusammenstehen in dem Willen, gemeinsam zu tragen, was kommen wird. Gemeinsam alle Kraft daran sehen, die heilige Flamme des Sozialismus zu hüten und zu erstarken.

Das können wir alle nur, wenn wir der Wahrheit ohne Furcht ins Gesicht sehen. Durch das Ja des deutschen Volkes hat die Entente den Rechtstitel für ihre Forderungen er­halten. Es steht nun in ihrer Macht, die Erfüllung des Vertrages zu erzwingen. Ob sie es tun wird, weiß niemand, aber sie kann es, darüber müssen wir uns Tlar sein. Die Blockade wird aufgehoben, aber wir sind ein bettelarmes Volf, wir wissen nicht, wieviel der köstlichen Dinge, die man uns bietet, wir bezahlen können. Kaufen wir Rohstoffe, um arbeiten zu können, dann haben wir vielleicht die Zah­lungsmittel nicht, um auch die Kohle zu erwerben, welche notwendig ist, um die Maschinen laufen zu lassen und decken wir den Bedarf an Kohle, dann werden wieder die Rohstoffe fehlen. Wertvolle Nohstoffquellen, die bisher Deutschlands Eigentum waren, gehören ihm nicht mehr. Ein bitter­schweres Leben bleibt es für das deutsche Volk, auch nach dem Frieden. Darauf müssen wir uns einstellen. Nur wenn wir flar sehen, wenn wir ehrlich sind bis in den Grund, können wir klar fämpfen. Nicht schwankende Nohre im kommenden Sturm dürfen wir sein. Nur der zielflare Wille: daß der Sozialismus in diesem großen Zusammen­bruch nicht untergehen darf, daß er, nur er, uns allen, der ganzen geknechteten Menschheit, die Erlösung bringen muß. fann uns helfen.

Der Sozialismus ist unser Glaube, er set auch unser Willel Klara Bohm- Schuch.

Unsere Gleichheit"

Nach 28 jährigem Erscheinen hat die Gleichheit" ihren Druckfort gewechselt und gleichzeitig ihre Erscheinungsfrist. Bisher erschien sie 14täglich im Verlag von Diez- Stuttgart , ab 1. Juli aber 8täglich im Vorwärtsverlag in Berlin . Diese Aenderung entspricht einem längst empfundenen Be­dürfnis. Denn dadurch, daß Redaktion und Druckort sich in zwei verschiedenen Orten befanden, und besonders durch den in der letzten Zeit verschlechterten Post- und Eisenbahn­verkehr wurde es immer schwieriger, die Gleichheit" den