Nr. 5

30. Jahrgang

Die Gleichheit

Zeitschrift für die Frauen der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands

Mit den Beilagen: Für unsere Kinder. Die Frau und ihr Haus

Die Gleichheit erscheint wöchentlich

Preis: Monatlich 1,20 Mart, Einzelnummer 30 Pfennig Durch die Poit bezogen vierteljährlich ohne Bestellgeld 3,60 Mart; unter Kreuzband 4,25 Mart

Berlin

31. Januar 1920

Die Elternbeiräte in Preußen

Die Klassen der höheren Schulen sind selbst in den Groß­städten verhältnismäßig flein, die Lehrer sind nicht so über­lastet wie in den Volksschulen. Sie fennen die einzelnen Kinder. Die Eltern haben meistens die nötige Zeit, die Lehrer ihrer Kinder aufzusuchen und von ihnen Aufschlüsse über sie zu erlangen und solche zu geben. Hier besteht also die erstrebenswerte Verbindung zwischen Elternhaus und Schule auf einem Wege. Für die Arbeitereltern, deren Kin­der die Volksschulen mit ihren vielen großen Klassen be­suchen, gibt es diesen nicht. Daher kommt es, daß lange schon aus dem Kreise der Arbeiterschaft der Wunsch fam, den Eltern eine legale Vertretung bei den Schulen, die ihre Kin­der besuchen, zu geben.

Der Erlaß des preußischen Ministers für Wissenschaft, Kunst und Volksbildung vom 5. November 1919 trägt dem Rechnung. Daß durch ihn die Abstellung der oben berührten Mängel der Volksschule und die völlige Umwandlung der Volksschule nicht überflüssig werden, ist selbstverständlich. Der Erlaß, der Sabungen für Elternbeiräte an Schulen und die Wahlordnung für die Elternbeiräte enthält, hilft nur einem Mangel ab, der gerade den Arbeitereltern be­sonders fühlbar ist.

Die Elternbeiräte werden nach dem Erlaß für jede Schule von den Eltern bzw. Adoptiveltern der die Schule besuchen. den Kinder gewählt, die auch allein wählbar sind. Der Elternbeirat jetzt sich nur aus Vertretern der Elternschaft zusammen. Der Leiter der Schule und die Mitalieder des Lehrerkollegiums nehmen in der Regel an den Sitzungen des Elternbeirates mit beratender Stimme teil, doch kann der Elternbeirat auch ohne ihre Zuziehung tagen. Die Tätig keit der Elternbeiräte ist beratender Natur. Sie: erstreckt sich auf Wünsche und Anregungen des Elternkreises, die sich auf den Schulbetrieb, die Schulzucht und die förperliche, geistige und fittliche Ausbildung der Kinder beziehen und die über den Einzelfall hinaus von allgemeiner Bedeutung find. Soll bei schwerwiegenden Verfehlungen gegen einen Schüler die Verweisung von der Schule ausgesprochen oder ihm im Abgangszeugnis eine Sittennote gegeben werden, die ihm das Fortkommen erheblich erschweren oder ihn in den Augen der Allgemeinheit herabseßen würde, so ist mit Zustimmung der Eltern des Schülers der Elternbeirat vor­her zu hören. Alle Beschlüsse des Elternbeirates sind dem Lehrförper der Schule mitzuteilen.

Die Elternbeiräte greifen also weder praktisch in die Schulverwaltung und den Unterricht ein, noch haben sie Be­schlüsse darüber zu fassen. Das wäre auch nicht angängig. Wohin sollte es führen, wenn die Elternbeiräte, die doch an den verschiedenen Schulen nach Gesinnung und Qualität ganz verschieden zusammengesetzt sein werden, in die Maß­nahmen der Schulleitung einzugreifen hätten? Ueber die Leistungen der Schule und den Schulbetrieb haben die Bolts- bzw. Gemeindevertretungen und die ihnen verant.

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wortlichen Beamten zu entscheiden. Sie haben die vorgebil­deten, fachkundigen Lehrkräfte anzuweisen und zu beaufsich tigen.

Wenn das Berliner Organ der Unabhängigen, die Frei. heit", den Erlaß, der einen alten Wunsch der Sozialdemo kratie und feiner anderen Partei erfüllt, herunterreißt, so ist das ihres Berufs. Es wird Sache der Sozialdemokraten sein, die Elternbeiräte zu etwas anderem zu machen als zu Organen der Rektoren und Kollegien, zu denen sie die ,,, Frei­heit" von vornherein stempelt. Sozialistisch und revo lutionär gefinnte" Elternbeiräte zu bilden, wie die Frei­heit" verlangt, ist Sache der Wählerschaft. Die Freiheit" meint damit allerdings mehr Elternvereine, die sich mit der Schulreform beschäftigen sollen. Es ist aber nicht einzu­sehen, weshalb nur die Elternschaft solche Vereine bilden soll. Schließlich haben doch alle überzeugten Sozialdemokraten Interesse am Ausbau der Schule. Wir haben schaudernd miterlebt, wie bedeutungsvoll die geistige Erziehung eines Volfes für sein Schicksal ist. Wer Sozialist ist, will für die Zukunft der Menschheit wirken. Er sollte dem Ausbau der Schule gleichgültig gegenüberstehen, weil er vielleicht keine Seinder hat? Die sozialdemokratische Partei und ihre Mit­glieder haben nach wie vor die Pflicht, für die Schulreform zu wirken. Die Aufgaben der durch den Ministerialerlaß geschaffenen Elternbeiräte sind zunächst andere. Daß sie wichtig sind, zeigt, daß die liberalen Lehrer sich vielfach gegen eine Wiedereinführung einer nichtstaatlichen Schulaufsicht wenden und man in Zentrumsfreisen von der Möglichkeit, andere Personen als Eltern in den Elternbeirat- nämlich Geistliche zu wählen, nicht erbaut ist.

Die wesentlichste Aufgabe der Elternbeiräte ist die Ver­bindung von Haus und Schule. Genosse Heinrich Schulz zitierte früher einmal den Ausspruch eines modernen Päda gogen: Nur wenn das Haus seinerseits die Erweiterung des Wissens, Könnens, Wollens, welches die Schule stiftet, mit Teilnahme erfaßt und den Eindrücken der Schule gleich. sam einen Resonanzboden gewährt, in dem sie aufgeben. tönnen; wenn andererseits die Schule ihre Lehren und An­triebe einzusenken weiß in dem Daheim des Anschauungs­kreises des Zöglings, nur dann reichen die vereinten Wir­fungen beider bis in die Tiefen der Seele hinab, in denen Gesinnungen reifen und die Keime des Charakters schylum­mern". Er fügte aber hinzu, daß dieses Ideal leider nicht erreichbar sei, weil es den Arbeitereltern durch ihre wirt­schaftliche Lage und durch Zeitmangel an der physischen Mög­lichkeit fehlt, eine solche Verbindung zu gewinnen und zu pflegen. Seitdem haben sich durch den Krieg und seinen un­glücklichen Ausgang die wirtschaftlichen Verhältnisse trotz der Revolution nicht bessern können. Aber der Achtstundentag, von dem 1906 auf dem Mannheimer Parteitag Clara Zetkin sagte, daß seine Einführung im Mittelpunkt einer Sozial­politik stebe, die die proletarische Familie erziehungsfähig mache, weil er ihr Zeit zur Erziehung gibt, ist eingeführt. Er soll ein Schritt auf dem Wege sein, der Schule einen