Nr. 6
30. Jahrgang
Die Gleichheit
Zeitschrift für die Frauen der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands Mit den Beilagen: Für unsere Kinder. Die Frau und ihr Haus
Die Gleichheit erscheint wöchentlich
Prets; Monatlich 1,20 Mart, Einzelnummer 30 Pfennig Durch die Post bezogen vierteljährlich ohne Bestellgeld 3,60 Mart; unter Kreuzband 4,25 Mark
Berlin
7. Februar 1920
Der Säuglingspflegeunterricht. in der Schule
Wir rollen eine vielumstrittene Frage auf. Umstritten in jüngster Vergangenheit und in der Gegenwart. Sie wird auch noch in nächster Zukunft lebhaft diskutiert werden und erst ihre Lösung finden im Aufbau der Einheitsschule, im modernen Ausbau unferes gesamten Erziehungswesens.
Für die Betrachtung heute und im Nahmen dieses Artifels wollen wir eine der vielen Fragen so stellen: Ist der Säuglingspflegeunterricht schon gegenwärtig an den Mädchenschulen zu fordern?( Ich denke dabei selbstverständlich auch an die„ höheren" Schulen.) Es gibt Lehrer und Lehrerinnen, die diese Frage glatt berneinen. Es geschieht wohl deshalb, weil die übrigen Lehrfächer gekürzt werden müßten. Das sind natürlich wichtige Einwände; denn es kann nicht von uns gewünscht und herbeigeführt werden, daß die Mädchen deshalb, weil sie Mädchen sind, imd die zukünftigen Mütter, im Lehrstoff benachteiligt werden gegenüber den Knaben. Und zu einer Benachteiligung dürfte es sich auswirken, wenn an wichtigen Elementarfächern der Säuglingspflegeunterricht herausgespart würde. Ich nehme aber an, daß in der Verteilung des Lehrstoffes, in der rechten Ausnutzung der Stunden, eine ganze Menge geschehen kann, um den Unterricht zusammenzudrängen und ihn von manchem Ballast zu befreien, mit dem er noch behaftet ist. Ich spreche mich, wenn dies geschieht, für den Beginn des Säuglingspflegeunterrichtes im letzten Schuljahre aus. Organisch fortentwickelt muß er in der Fortbildungsschule werden, deren Ausbau für alle Mädchen zu erwarten ist.") Für den frühen Beginn dieses Unterrichtes spricht erstens, daß die Kinder besonders in dem Alter empfänglich find für alle Dinge, die mit der Puppe und mit dem kleinen Kind in Verbindung stehen. Wahrscheinlich hängt es mit der ganzen Entwicklung in diesen meist fritischen Jahren zusammen, wenn sich die Mädchen mit Puppen und Kindern besonders zärtlich beschäftigen. Darum stehe ich nicht an zu sagen, daß man diese natürlichen Regungen erzieherisch ausnügen soll.
Ganz gewiß spielt auch der Umstand hinein, daß in den zumeist kinderreichen Familien des Proletariats die dreizehnjährigen Mädchen( aus der Not der Familie heraus) die kleineren Geschwister betreuen und oftmals auch pflegen müssen. Ich würdige die daraus entstandene Befürchtung: daß nämlich die Kinder in der Familie durch Säuglingspflege ausgebeutet werden könnten. Jedoch ist hierzu wohl die Betrachtung erlaubt, daß aus Not oder Unver
" Ich mache zum besseren Berständnis dieses Punktes auf die in Nr. 42 und 43 der Gleichheit erschienenen Artikel von Dr. Olga Effig aufmerksam.
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stand es immer Mütter geben wird, die ihre Kinder aus nützen, ob mit oder ohne Säuglingspflegeunterricht in den Schulen. Schließlich ist doch das erziehliche, auf die Zufunft gerichtete Moment das Entscheidende. Da weiß wohl jeder, der sich auf seine Kinderzeit besinnt, daß die in den letzten Jahren der Schulzeit gewonnenen Eindrücke bei den meisten Kindern recht fest haften.
Wenn wir uns also entscheiden sollen für den Säuglingsa pflegeunterricht im letzten Schuljahre, dann kommen die eben behandelten Dinge in Betracht: Fortfall entbehrlichen Unterrichtsstoffes und Fortführung des Unterrichtes in den Fortbildungsschulen.
Allein damit ist die Angelegenheit. Teineswegs geklärt. Wir müssen weiter fragen: Wer erteilt den Unterricht? Zu Beginn des Jahres 1917 erfuhr diese Frage die gründlichste Besprechung in der Zeitschrift für Säuglings- und Kleinkinderschutz".( Berlag Georg Stilfe in Berlin NW. 17). Wer die Gedankengänge der führenden Aerzte auf dieseni Gebiete verfolgen möchte, lese die Hefte 4-10 der genann ten Zeitschrift nach. Dort machte Dr. Leo Langstein den Vorschlag, die in Frage kommenden Lehrerinnen in fürzester Frist für den theoretischen Säuglingsunterricht auszubilden, während für die praktische Unterweisung die geübte Säuglingspflegerin vorzusehen sei. Unter den fiinf Aerzten, die sich zu der Angelegenheit äußerten, war mit Ausnahme von Dr. Schloßmann die Meinung vorherrschend, den Unterricht zu teilen. Dann aber waren sich alle Aerzte darüber einig, daß die Ausbildungszeit der Lehrerin eine erheblich längere als die von Langstein borgeschlagene sein müsse. Dr. Schloßmanns Ausführungen, die gar sehr aus nur nur bevölkerungspolitischem Gesichtswinkel die Dinge betrachten, verdienen deshalb besondere Beachtung, weil in ihnen abgclehnt wird, daß neben der Lehrerin, die den theoretischen Unterricht erteilt, die Säuglingssapvester, Fürsorgerin oder der Arzt tritt:„ Den Unterricht Berufspfle gerinnen zu überweisen, ist unzulässig und mit dem Geiste der Volksschule unvereinbar.".... 3u dieser Aufgabe ist die Lehrerin und sie allein in der Schule berufen." To Dr. Schloßmann. Erwähnt muß in dem Zusammenhang noch die Ansicht der Schuldirektorin Frau Elise Deutsch werden, die, in m. E. einseitiger Weise, den Beruf der Säuglingspflegerin den Schwestern zuteilen möchte, die sich allerdings dann noch ihre pädagogische Eignung holen sollen. Bemerkenswert und durchaus zu unterstreichen sind aber folgende Ausführungen von ihr:" Die Schülerinnen nehmen diesen Unterricht etwa wie eine Religionsstunde. Er ist et was Erhebendes, Feierliches für sie; aber dies doch wohl, wil eine Persönlichkeit zu Ihnen spricht, die schon allein durch ihre äußere Erscheinung, durch ihre Stellung im Volksleben Anspruch auf eine besondere