Für unsere Mütter und Hausfrauen
Nr. 9 oooooooo
O O O O O O O O 1913
Beilage zur Gleichheit o
Die
Inhaltsverzeichnis: Das Große. Von Alphons Pezzold. Frauen in der persischen Revolution. Von A. Thalheimer.( Schluß.) Für die Mutter. Feuilleton:„ Das Volk wird's vergolden." Von L. Lasarevic.( Schluß.)
Das Große.*
Don Alphons Pezold.
Eins muß dir immer gegenwärtig sein,
Ob du nun hämmerst, Mann, auf Stahl und Stein, Ob Fäustel haltend du zur Tiefe sinkst, Ob du des Feuers helle Kraft bezwingst, Ob du die Felder segnest mit der Saat Und Länder bindest mit dem Kupferdraht-: Daß irgendwo ein Bruder steht und schafft Ein Gleiches mit der gleichen stummen Kraft, Daß irgendwo ein Bruder so wie du Strebt sehnsuchts schwer der Sonnenstunde zu, Jn der, verbrüdernd eine ganze Welt, Er deine Hand in seiner Rechten hält.
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Die Frauen in der persischen Revolution.
Von A. Thalheimer.
( Schluß.) Ich hatte reichlich Gelegenheit, die häufigen Offenbarungen des Einflusses der mohammedanischen Frauen zu beobachten und der hohen Ziele, die sie verfolgten. Wir Europäer und Amerikaner sind schon seit längerer Zeit an die wachsende Rolle gewöhnt, die die Frauen des Westens in der Industrie, Literatur, Wissenschaft und Politik spielen. Aber was sollen wir sagen zu den verschleierten Frauen des nahen Ostens, die über Nacht Lehrerinnen, Journalistinnen, Gründerinnen von Frauenvereinen und politische Rednerinnen geworden sind? Was sollen wir sagen, wenn wir sie für die fortschrittlichen Ideen des Westens tatkräftig in einem Lande werben sehen, das bis auf die jüngste Zeit im jahrhundertelangen düsteren Banne des Despotismus lag? Woher kam ihr Wille, an der politischen und gesellschaftlichen Wiedergeburt ihres Landes mitzuarbeiten, und ihr unerschütterlicher Glaube an die fortschrittlichen politischen und gesellschaftlichen Einrichtungen? Daß dieser Glaube gekommen ist und noch wirkt, daran ist kein Zweifel möglich, und mit ihm wurde in den Frauen die wägende Einsicht geboren, die sonst nur durch lange Jahre praktischer Erfahrung erworben wird. Die persischen Frauen haben der Welt ein denkwürdiges Beispiel gegeben von der Fähigkeit unverdorbener Geister, rasch in einen vollständig neuen Gedankenkreis einzudringen. Und mit der Begeisterung des Kreuzfahrers, der eine Vision hat, gingen sie sogleich ans Werk, um ihre Ideale zu verwirklichen.
Es war mir nach meiner Ankunft in Persien schnell geglückt, das Vertrauen der Nationalversammlung oder des Medschlis zu gewinnen, einer Körperschaft, die die Hoffnungen und Bestrebungen der großen Masse des persischen Volkes getreu widerspiegelte. Nachdem ich so weit war, wurde ich bald gewahr, daß eine andere große, aber geheime Macht meine Arbeit mit wachsamen, wenn auch freundlichen Augen beobachtete. Es war wohl bekannt in Teheran , daß es unter den persischen Frauen Dutzende mehr oder weniger geheime Gesellschaften gab. An ihrer Spike stand eine leitende Zentralorganisation. Bis heute kenne ich die Führerinnen dieser Geheimgesellschaften weder persönlich noch auch nur dem Namen nach, aber auf hundert verschiedene Arten erfuhr ich von Zeit zu Zeit, daß die patriotische Begeisterung Tausender des schwächeren Geschlechts mir half und mich unterstüßte. Einige wenige Beispiele mögen das zeigen. Es war an einem Morgen im vorigen Sommer. Ich saß in meinem Bureau, als mir gemeldet wurde, einer der persischen Beamten im Schabamt wünsche mich wegen einer wichtigen Sache zu sprechen. Im Orient kommt Information gewöhn lich unerwartet und häufig aus so seltsamen Quellen, daß man fein Anerbieten mit gutem Gewissen zurückweisen darf. Der junge Mann trat ein. Ich hatte ihn nie vorher gesehen. Wir sprachen französisch, und nachdem er Erlaubnis erhalten hatte, frei zu reden, sagte er unter vielem Entschuldigen, seine Mutter sei uns freund* Aus Heimat, Welt. Dichtungen von Alphons Pezold. Verlag der Wiener Volksbuchhandlung.
schaftlich gesinnt. Sie habe ihm aufgetragen, zu sagen, meine Frau möchte einen Besuch in der Wohnung eines bestimmten persischen Großen unterlassen, von dessen Familie sie eingeladen worden war. Denn dieser Mann sei ein Feind der konstitutionellen Regierung, und der Besuch meiner Frau würde mich den Persern verdächtig machen. Ich dankte dem jungen Manne. Zwar wußte ich in diesem Augenblick nicht einmal selber von dem beabsichtigten Besuch, erfuhr aber gleich darauf, daß er tatsächlich in Aussicht genommen war. Natürlich riet ich meiner Frau davon ab. Ich ließ den jungen Perser wieder kommen und fragte ihn, wieso seine Mutter von dieser rein privaten gesellschaftlichen Angelegenheit meiner Frau erfahren habe. Er erwiderte, es sei das in der geheimen Gesellschaft, der seine Mutter angehöre, mitgeteilt und erörtert worden, und man habe beschlossen, mich zu warnen.
Bei einer späteren Gelegenheit versammelte sich eine große Menge armer Frauen in dem Atabakpark( M. Shusters Wohnsitz), um gegen mich zu demonstrieren, weil das Schazamt die Regierungsgehälter nicht hatte auszahlen können, die damals in einer Höhe von über 1 Million Dollar im Rückstand waren. Die verfügbaren Summen waren für die freiwilligen Truppen notwendig gewesen, die gegen den Erschah gekämpft hatten. Ich sandte einen meiner persischen Sekretäre zu den Frauen und ließ fragen, wer sie geheißen habe, zu kommen und diese Kundgebung zu veranstalten. Er kam zurück und meldete mir den Namen eines berühmten reaktionären Großen, von dem zurzeit wohl bekannt war, daß er die Sache Mohammed Alis , des gewesenen Schahs, begünstigte. Ich ließ den Frauen sagen, daß sie anderen Tages eine Antwort erhalten würden, wenn sie ruhig auseinandergingen. Das taten sie auch. Ich schickte dann einem der Frauenvereine eine einfache Erklärung unserer finanziellen Bedrängnisse und der Unmöglichkeit, jene Gehälter wegen der Bedürfnisse der konstitutionellen Regierung auszuzahlen. Zugleich bat ich, man möchte jede weitere Agitation gegen das Schatzamt verhindern. Und obwohl es nicht möglich wurde, die Gehälter zu bezahlen, wurde dennoch keine weitere Demonstration von Frauen dagegen veranstaltet. Man pflegt in Teheran zu sagen, daß, wenn die Frauen an einem Tschuluk, das heißt Aufstand, gegen cin Ministerium oder die Regierung teilnehmen, die Lage gefähr= lich geworden ist.
Die Güter Shuaus- Saltanas wurden eingezogen. Um das Eingreifen und Auftreten ihres Generalkonsuls zu rechtfertigen, füc das weder ein tatsächlicher noch ein rechtlicher Entschuldigungsgrund vorlag, erfand und verbreitete die russische Regierung die Behauptung, der Park Shuaus- Saltanas in Teheran sei an die russische Bank zu Teheran verpfändet, und sein früherer Besizer schulde dieser gegen 225 000 Dollar. Jedermann wußte, daß der Anspruch erlogen und unsinnig war. Doch war ich in Verlegenheit, wie ich die Ungültigkeit des russischen Anspruchs beweisen sollte, denn es gibt kein geltendes System der Registrierung von Hypotheken, und der Prinz selbst hätte zweifellos jene Schiebung beschworen, um sein Eigentum vor der Konfiskation zu retten. Alle Forderungen, die russische Bank solle ihre Bücher und andere Beweise für die Schuldforderungen vorlegen, fanden taube Ohren. Bei dieser Gelegenheit erhielt ich nun einen schlagenden Beweis des Mutes und Patriotismus einer persischen Frau und des praftischen Wertes ihrer Unterstützung. Einer meiner ersten persischen Gehilfen, ein hochgebildeter und patriotischer Mann, besuchte mich und sagte, seine Schwester sei eine der Frauen des Prinzen Shuans Saltana. Sie besitze eine der Abschriften von des Prinzen Testament, das während des letzten Jahres abgefaßt sei, kurz bevor der Prinz Persien verlassen habe. Das Testament genüge allen Beremonien und Formalitäten, die das Gesetz und die mohammedanische Religion bei einem Manne seines Ranges vorschreiben. Seine Schwester habe ihm mitgeteilt, daß dieses Dokument, wie erforder= lich, vollständige Listen und Aufnahmen von allem Grundbesitz und Eigentum des Prinzen enthalte, ebenso auch eine Aufstellung aller seiner Schulden und Guthaben tatsächlich also eine vollständige und feierliche Feststellung seiner finanziellen Verhältnisse. Die Schwester hatte meinem Besucher aufgetragen, mir dieses Dokument zu übergeben obwohl sie dadurch ihr Leben und ihre Eigentumsrechte wie die ihrer Kinder in die größte Gefahr brachte, weil sie das für eine Pflicht gegen ihr Vaterland hielt. Ich erhielt das Dokument und konnte dank dessen den letzten Schwindel widerlegen, auf den die russische Regierung angewiesen
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