Für unsere Mütter und Hausfrauen

Nr. 6 oooooooo

Beilage zur Gleichheit oooooooo

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Inhaltsverzeichnis: Flandrisches Dorf. Gedicht von Otto Krille.- über ansteckende Krankheiten. Von Alex. Lipschütz. Weihnachts­gaben. Von-hl-.-Feuilleton: Im Gefängnis. Von F. W.

Flandrisches Dorf.

Wie seltsam ist das alles um mich her!

Ein deutscher Abend sinkt aufs Dorf hernieder, Und meine Schritte hallen traulich wider Wie vor der Mutter Haus auf blanken Steinen. Geht hier ein Plaudern, bänglich Kinderweinen? Fließt dort ein Brunnen filberkühl und schwer? Verschüttet Leben will sich wieder rühren. O heimlich Warten vor den offnen Türen, Als müßten Söhne, Gatten heimwärtskehren! Sind's unfre Mütter, die sich scheu verzehren, Und unfre frauen mit den feuchten Blicken? Jch geh als Feind vorbei! Ein flüchtig Nicken, Ein fremder Gruß, ein fremder Laut! Und doch, Er sprengt der Sehnsucht riegelschweres Joch. Jch bin daheim, ich kann es lächelnd wähnen. Da bricht ein Donner durch den frieden jach, Und heulend kommt das Schrecknis nach- Geschrei! Vernichtung!- Tod und Tränen!

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Otto Krille( im felde).

Lleber ansteckende Krankheiten.

Von Alex. Lipschüß.

Wir sind immer wieder Augenzeugen davon, daß ganze Gruppen der Bevölkerung gleichzeitig von ein und derselben Krankheit befal­len werden. Wir sprechen dann von einer Epidemie. Man wird da zunächst an den Typhus und an die Cholera denken oder an die Diphtherie und an den Scharlach, die unsere Kinder befallen, und an manche andere Krankheit, die den gesunden Organismus plötz­lich trifft wie ein Blitz aus heiterem Himmel. Bei solchen Krant­heiten ist uns der Gedanke geläufig, daß etwas von außen in den Organismus hineingekommen sein muß, um diesen krank zu machen. Es muß eine Anste d ung stattgefunden haben. In dem Worte Ansteckung" liegt ja die Auffassung, daß bei diesen Krank­heiten etwas von außen den Weg in den bisher gesunden Körper gefunden habe. Die heutige wissenschaftliche Medizin hat uns nun mit aller Sicherheit gezeigt, daß es tatsächlich eine ganze Reihe bon Krankheiten gibt, die so entstehen, daß in unseren Körper etwas " bon außen" hineingelangt, daß sich fremde Lebewesen in unserem Körper festsetzen. Der bisher gesunde Organismus wird ange­steckt", er wird von den Lebewesen infiziert". Die ansteckenden Krankheiten sind in der Regel Batterien frankheiten, das heißt fie entstehen dadurch, daß allerkleinste Lebewesen, eben die Bakte­rien, in den bisher gesunden Körper hineingelangen.

Natürlich ist nicht jede Krankheit, die gleichzeitig eine größere Gruppe von Menschen an einem bestimmten Orte befällt, eine an­steckende Krankheit, obwohl dies auf den ersten Blick so erscheinen mag. Es sei an dieser Stelle an die in Italien sehr verbreitete Bellagra erinnert, der alljährlich Zehntausende von Menschen zum Opfer fallen. Und doch wissen wir, daß diese Krankheit keinesfalls durch ein Lebewesen hervorgerufen wird, sondern daß sie dort zu Hause ist, wo sich die Bevölkerung vorwiegend mit Mais ernährt. Ebenso kennt man in Ostasien die Beri- Beri- Krankheit, die in Japan , in China , in manchen Teilen von Indien und auf den Phi­lippinen sehr verbreitet ist und eine ganz ungeheure Zahl von Opfern fordert. Von dieser Volkskrankheit weiß man mit aller Sicherheit, daß sie bedingt wird durch den Genuß von minderwer tigem Reis, und daß Bakterien dabei gar nicht mit im Spiele find. Also: Nicht jede Krankheit, die gleichzeitig größere Gruppen der Bevölkerung befällt, ist eine anstedende Krankheit; denn unter ansteden­den Krankheiten verstehen wir solche, die durch irgend ein Lebewesen hervorgerufen werden, bas von einem Kranten direkt oder durch Ver­

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mittlung von Gegenständen auf bisher gesunde Personen übertragen werden kann.

Man wird sich nun vor allen Dingen fragen, wie man feststellen kann, daß eine bestimmte Krankheit eine ansteckende Krankheit oder eine Infektionskrankheit" ist. Eine jede Krank­heit, die gleichzeitig eine größere oder kleinere Gruppe der Bevöl­ferung plötzlich befällt, wird natürlich den Verdacht auf sich lenken, eine Infektionskrankheit zu sein. Um das aber sicher be­haupten zu können, ist eine ganze Reihe eingehender wissenschaft­licher Untersuchungen nötig. Es muß vor allen Dingen nachgewie­sen werden, daß bei der betreffenden Krankheit im Körper der Patienten stets ein und derselbe Bazillus oder Bakterie, ein und dasselbe mikroskopisch kleine Lebewesen vorhanden ist. Wenn zum Beispiel behauptet wird, daß die Cholera eine Infektionskrank heit ist, so muß der Nachweis gelungen sein, daß im Organismus der Cholerakranken stets ein und derselbe Bazillus vorhanden ist. Ein zweiter Schritt wird dann sein, daß man den Bazillus, den man in den Organen, im Blute, in den Geweben oder auch in den Ausscheidungen bei der betreffenden Krankheit vorfindet, in allen seinen Eigenschaften genauer zu studieren sucht. Der Bakterio­loge, der die Eigenschaften der Bakterien zu seinem Spezial­studium gemacht hat, wird auch versuchen, die betreffende Bak­terienart außerhalb des Organismus zu fultivieren, zu züchten, um dann mit dieser Bakterienart die verschiedenartigsten Versuche anzustellen. Zunächst wird er versuchen, Tiere mit den gezüchteten Bakterien zu infizieren. Die Tiere erkranken zwar nicht immer an derselben Krankheit, die der betreffende Bazillus beim Menschen hervorruft; manchmal sind sie sogar für Bazillen, die den Menschen frank machen, ganz unempfänglich. Sehr häufig aber erkranken sie an ähnlichen Erscheinungen wie der Mensch oder an ganz bestimm­ten, für diesen Bazillus bei dieser Tierart charak teristischen Erscheinungen, und der Arzt kann auf Grund der Er­krankung, die an einem Tiere, zum Beispiel an einem Meerschwein­chen durch Bazillen hervorgerufen worden ist, aussagen, um we l- chen Bazillus es sich gehandelt haben muß. So kann man, wenn man im ersten Augenblick nicht ganz sicher ist, Meerschweinchen mit Cholerabazillen infizieren und auf Grund der Erscheinungen, die man dabei beobachtet, mit aller Sicherheit aussagen, daß die be= treffenden Bazillen Cholerabazillen sind.

Die bekanntesten Infektionskrankheiten in unserer Gegend find folgende: der Typhus, der namentlich Erwachsene, aber auch Kinder befällt, die Diphtherie, die als eigentliche Kinderkrant­heit gelten kann, die Influenza, die manchmal eine harmlose, leichte Erkältungskrankheit ist, manchmal aber auch zu den schwer­sten Erscheinungen führt, die den Patienten ins Grab bringen; die epidemische Genickstarre, die so zahlreiche Opfer zu for dern vermag, wenn sie sich an einem bestimmten Orte für einige Beit festgesetzt hat. Das sind alles die sogenannten a kuten In­fektionskrankheiten". Sie treten mehr oder weniger plötzlich auf, werfen den Patienten schnell aufs Krankenlager und halten einige Wochen an. Der Patient ist in kurzer Zeit entweder genesen oder dahingerafft.

Den akuten Infektionskrankheiten stehen gegenüber die soge­nannten chronischen Infektionskrankheiten", zu denen in erster Linie die so verbreitete Tuberkulose zu rechnen ist. Bei den chronischen Infektionskrankheiten entwickelt sich das Krankheitsbild ganz allmählich, und die Krankheit erstreckt fich auf eine längere Zeitdauer, zuweilen auf viele Jahre. Dabei ist der Patient bald bettlägerig, bald wieder so weit hergestellt, daß er zu seinem Beruf zurückkehren und sich des Lebens freuen kann, bald sieht er wieder seine Kräfte schwinden, so daß er aufs neue das Krankenlager aufsuchen muß.

Wir haben oben gesagt, daß man eine Krankheit nur dann zu den Infektionskrankheiten rechnen kann, wenn man bei ihr stets einen und denselben Bazillus zu finden vermag. Nun gibt es aber ein ganze Reihe von Krankheiten, die wir, nach allerlei Anzeichen zu urteilen, zu den Infektionskrankheiten rechnen müssen, ohne daß es uns bisher gelungen ist, bestimmte Bazillen bei den Patienten nachzuweisen. Man denke nur an den Scharlach, den schreck­lichen Feind unserer Kinder; man denke an die Masern, die bei uns so außerordentlich verbreitet sind; an die Pocken, die wir im Laufe des letzten Jahrhunderts durch Impfung so erfolgreich zu bekämpfen gelernt haben, so daß sie beinahe verschwunden sind; an