Nummer 17
Heimwelt
28. April 1921
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Unterhaltungsbeilage des Vorwärts
Mailied.
In des Males schönen Tagen, Auf, frisch auf! und laßt uns jagen Durch den Wald und durchs Gefild. Unire Jagd gilt nicht den Füchsen, Nicht den Hasen, Reh'n und Cüchsen, Frel fel heute jedes Wild.
Auf, frisch auf! und laßt uns jagen
Alles Jammern, alles klagen,
Alle Not und Qual und Laft; Jagen laßt uns, was uns büdet,
Was uns zwängt und drängt und brüdet
In den tiefsten Waldmoraft!
Jagt die reichen Hungerleider Und die Haffer und die Neider In den didften Dornenstrahl In die Neffeln werft den Hadrer, An den Baum hängt jeden Nadrer Und die Herrn Zensoren auch. Heute muß die Jagd gelingen: Hört ihr nicht das Böglein fingen Auf des Maies Blütenast? „ Wer die Freude will gewinnen, Muß zuvor den Kampf beginnen Mit des Lebens Leid und Last."
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Das Tagewerk vor Sonnenaufgang.
Bon Manfreb Kyber.
Es waren eine Schmiede und ein Schmied. Der Schmieb aber war ein besonderer Schmied, denn sein Tagewert lag vor Sonnen aufgang. Das ist ein sehr hartes Tagewert. Man wird müde und traurig babei. Man wird still und geduldig dabei. Es gehört viel Kraft dazu. Denn man lebt einsam und schmiedet in der Dämme
rung.
Jetzt war es Nacht und der Schmied war nicht in seiner Schmiede. Der Feuergeist in der Esse schlief. Nur sein Atem glomm unter der Asche und streute dazwischen einen sprühenden Funten in die Finsternis. Aber der Funke erlosch bald. Nur ein schwacher Lichtschein blieb und haftete suchend und irrend durch das Dunkel der Schmiede.
Der Blasebalg ließ seinen großen Magen in lauter griesgrämigen Falten hängen. Er sah aus wie ein dider Herr, der plötzlich abge. magert ist. Man hätte darüber lachen können, aber in der Schmiede war niemand, der zu lachen verstand.
Der Amboß drehte seinen diden Kopf mit der fpißen Schnauze langsam nach allen Seiten und sah sich das alte Eisen an, das heute geschmiedet werden sollte. Es war nicht viel. Nur einige Stücke. Sie lagen in einer Ecke und waren beschmutzt und verstaubt, wie Leute, die eine weite und beschwerliche Wanderung hinter sich haben. Der Amboß ärgerte fich. Was für ein hergelaufenes Gesindel hier zusammenkommt! Ein Glück, daß es zuerst in die Esse muß, ehe es mir auf den blanken Kopf gelegt wird. Es wäre sonst zu unappetitlich. Dante bestens. Unsereiner ist sauber."
Der Amboß rümpfte verächtlich die große Schnauze und kehrte bem alten Eisen den Rücken zu. Der Amboß war ein Didkopf. Er dachte nicht daran, daß er ja auch aus Eisen war und daß das alte Eisen, das so weit gewandert war, auch so blant werden würde, wenn es der Feuergeist erfassen und der Hammer schmieden würde. Er dachte, es gäbe bloß blankes Eisen und schmutziges und beftaubtes - von vornherein und dabei bliebe es. Es war eben ein Did
topf und er wußte auch nicht, wie mühsam sein Meister dies afte Eisen gesammelt hatte, um es umzuschmieden in der Dämmerung.
Das alte Eisen fühlte sich sehr erleichtert, als der Amboß ihm den Rücken gekehrt hatte und es seine abweisenden Blicke nicht mehe fühlte. Es hatte sie deutlich gefühlt, troßdem es so beftaubt und so beschmutzt war. Nun begann es, sich flüsternd zu unterhalten.
Es waren Stücke, die dem Alter nach sehr verschieden waren. Es waren ganz alte dabel, die eigentlich in die Raritätenkammer gehörten. Es waren auch ganz junge darunter, die nur wenige Jahre auf der Welt waren. Aber in ihrer Erscheinung waren sie fich alle ganz gleich.
Sie find so verrostet," fagte eine Rette teilnahmsvoll zu einem alten Schwert, das ist eine sehr schlimme Krankheit. Sie fühlen fich gewiß nicht wohl?"
Das Schwert feufzte fnarrend zwischen Griff und Klinge. „ Es ist ein altes Leiden," sagte es, ich habe es schon viele hunbert Jahre. Es sind Blutflecke. Ich habe schreckliche Dinge gesehen auf meinem Lebensweg. Ich ging durch viele Hände. Einer erschlug den andern mit mir. Einer nahm mich dem andern fort, um wieder andre zu erschlagen. Alles But und alle Tränen haben sich in mich hineingefressen. Ich habe wenig Ruhe gehabt. Ich bin im Blut gewatet und der, der das meiste Blut vergossen, läutete die Glocken mit denselben Händen und nannte das seinen Sieg."
Ich bin nur wenige Jahre alt," fagte ein junger Säbel, aber ich habe ganz dasselbe erlebt."
Ich habe andere Siege gesehen," sagte ein alter rostiger Riegel. Ich sah Menschen, die gefiegt hatten über sich und die Welt mit ihren Gedanken. Ich verschloß die Türe, hinter der man sie einSperrte. Sie faßen und vertamen in ihrem Kerfer. Aber ihre Ge danken gingen durch die Kerkertüre an mir vorbei und gingen hinaus in alle Straßen."
Ich bin weit jünger als Sie," sagte ein anderer Riegel, aber ich habe dasselbe tun müssen und habe dasselbe gesehen."
Der Feuergeist in der Esse atmete stärker und der erste Schein der Morgendämmerung zog über das alte Eisen. Es wurde sehr verlegen und bedrückt, denn nun traten die vielen Flecke noch deutlicher hervor, als im Licht des Feuergeistes, der in der engen Effe mühsam atmet. Das alte Eifen fah traurig auf seinen beschmußten Rörper und redete mirr und flagend durcheinander.
„ Ich hab einen Mörder halten müssen," jammerte die Rette, es war in seiner letzten Nacht. Neben ihm faß ein Mann im Talar und hatte ein Buch in der Hand, auf dem ein goldenes Kreuz draufstand."
Ich habe im Schlachthaus arbeiten müffen," sagte ein langes Messer, ich habe Tausenden von Geschöpfen ins entsetzte Auge ge fehn, ehe es erlosch. Ich habe tausend Tierseelen umherirren ge fehn in einem Hause voll Blut und Grauen. Dabei war ein Stück von mir früher eine Berle im Rosenkranz eines alten stillen Mannes. Es war in Indien und der alte stille Mann fegte den Weg vor sich mit schwachen Armen, um fein Geschöpf zu treten. Er nannte den Wurm seinen Bruder und bat für ihn um den Segen seiner Götter. Er sprach von der Kette der Dinge. Er zeichnete das Hakenkreuz in den Sand und fingerte ergeben seinen Rosenkranz, wenn der Wind es verwehte. Die fremden Priester aus Europa höhnten den Glauben des alten Mannes."
Wir haben jeßt Europa und feine Kultur," fagte der Säbel grimmig und schüttelte eine alberne goldene Troddel ab, die an ihm hing.
,, Wir müssen durch viele Formen wandeln," fagte das Messer, das weiß ich von dem alten Mann in Indien . Nur weiß ich nicht, in welche wir kommen sollen."
In diesen Formen tönnen wir nicht bleiben!" riefen alle durch einander. Wir sind schmutzig und voller Flecken. Wir wollen um geschmiedet werden. Wir wollen zum Feuergeist und um eine andere Form bitten. Aber wir wollen nicht warten, bis die Sonne aufgeht. Wir wollen nicht, daß die Sonne uns so findet. Dann bescheint sie