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Nummer 19

60 m 12. Mai 1921

Heimwelt

Unterhaltungsbeilage des Vorwärts

Eroberer und Denker.

Ich habe eine Idee, sagt Sokrates , und daran ses' ich mein Lebenswohl und mein Leben selber, denn fremdes barf ich nicht.

Ich habe eine Idee, sagt der Eroberer, und daran fet' ich Völker, Dörfer und Städte und erfülle meine und feind­liche Landestinder mit Blutburst und Fleischhunger, und leide tein fremdes Dorf, das nicht Tortur, und teine fremde Gaffe, bie nicht Elenden- Gaffe heißt, und verdoppele bie Sahara­wüfte: mehr kann ich für eine Idee wahrlich nicht tun. Jean Paul .

Susanna im Bade.

Erinnerungen an Bidiin" nennt Dr. Bernh. Wys fein aus persönlichen Erlebnissen und Schilderungen bedeutender Zeit­genoffen Bödlins zusammengestelltes Büchlein, das in töstlicher Frische des großen Schweizer Malers Kunft und Bersönlichkeit hervortreten läßt.( Rheinverlag, Basel und Beipzig.) Eine amüsante Geschichte, die Böcklins bekanntes Bild Susanna im Bade" zum Gegenstande hat, geben wir daraus wieder.

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und trostloser als vorher, unb bejammerte fein schlimmes Geschic, das thn des liebsten Besitzes so schmählich beraubt hatte.

Am runden Stammtisch im Pfauen in Zürich brachte an einem Abend Böcklin die Rede darauf, daß er am liebsten auf Mahagoni­bretter male, weil diese vor jeder andern Tafel außerordentliche Vor­züge hätten, daß es aber ungemein schwer set, gute, tadellose Maha­gonibretter größern Formates zu erlangen.

Der anwesende unglückliche Böcklin- Berehrer wars, sich an den Künstler wendend, rasch ein: Herr Professort Wenn ich Ihnen ein tadelloses Mahagonibrett beschaffe, malen Sie mir dann ein Bild derauf, das ich gerne meiner Frau zum Geburtstag schenken möchte? Selbstverständlich würde ich dafür sorgen, daß der Kunst­händler diesmal nichts davon erfährt."

Böcklin befann sich eine Weile, musterte seinen Mann mit einem Blid grimmigen Humors und sagte: Ja, wenn Sie mir eine ganz tadellose Mahagonitafel von der und der Größe ver­schaffen, male ich Ihnen etwas darauf zum Geburtstag Ihrer Fraul" Der Handel wurde auf der Stelle abgemacht, und der Berliner war seelenvergnügt.

Nach einigen Wochen oder Monaten traf wirklich ein Mahagoni­brett von ihm ein; Böcklin , der diefe Tafel als die vorzüglichste Malunterlage lobte, machte sich in fröhlicher Stimmung an die Arbeit, etwas zum Geburtstag ber Frau seines Verehrers darauf zu malen; er malte die Susanna im Bade".

Das Bild wurde fertig, und als es wieder Sommer war, flopfte. eines Tages der Berliner , der auf alle feine brieflichen Anfragen aus Zürich keine Antwort erhalten hatte, an Böcklins Tür, um sich nach dem Schicksal seines Mahagonibrettes zu erkundigen.

Böcklin schilderte die nun folgende Szene sehr ergöhlich. " Ach ja, Ihr Brett. Ich wußte gar nicht, was ich Ihnen zum

In Zürich tauchte eines schönen Tages ein Herr aus Berlin auf, der sich als ein feuriger Verehrer Böcklins und Gottfried Kellers aus­gab und es durch irgend ein Empfehlungsschreiben erreichte, seinen Herzenswunsch zu erfüllen und des Künstlers persönliche Bekannt­schaft zu machen. Böcklin brachte eines Abends den fremden Gaft an Gottfried Kellers Stammtisch, und der Herr aus Berlin fostete in stiller Andacht das Glück, den beiden berühmten Männern nahe­treten zu dürfen. Er benahm sich mit einer erstaunlichen Bescheiden­heit, schwieg die meiste Zeit und war nicht im mindesten zudring­lich. So wurde er in dem Kreise ruhig geduldet. Gelegentlich Geburtstag ihrer Frau darauf malen fönne; das ist sehr schwer, äußerte er zu dem einen oder andern von uns, sein größtes Glück wäre, ein Böcklin - Bild sein eigen zu nennen und in seiner Wohnung in Berlin als verehrtes Heiligtum aufhängen zu können. Aber leider erlaubten ihm als bescheidenem Privatmann seine Mittel nicht, für ein solches Bild die hohen Preise der Kunsthändler zu be­zahlen. Bevor er, angeblich auf einer Schweizerreise begriffen, Zürich verließ, faßte er jedoch den Mut, seinen Wunsch dem Künstler direkt zu offenbaren. Böcklin ging gegen seine Gewohnheit sofort darauf ein und versprach, seinem Verehrer ein kleines Gemälde zu einem äußerst mäßigen Preise zu übersenden. Das Bild ging nach Berlin ab, und der Besteller war hochbeglückt.

Nach ein paar Wochen las man in einer Berliner Zeitung , daß dieses Bild bei einem Kunsthändler in Berlin ausgestellt sei, und nach furzer Zeit war die Notiz zu finden, der Kunsthändler habe dies Werk zu hohem Preise verkauft. Böcklin war selbstverständlich im höchsten Grade überrascht, das zu vernehmen.

Monate verflossen, und eines Tages erschien der nämliche Herr aus Berlin auf seiner sommerlichen Schweizerreise abermals auf der Züricher Bildfläche. Von Böcklin wegen jenes Bildverkaufes zur Rede gestellt, beffagte er in den rührendsten Tönen fein Miß­gefchid. Denn wie man wiffe, sei der betreffende Kunsthändler hinter jedem Böcklin- Bilde wie der Teufel hinter der armen Seele her; dieser geriebene Mann habe, als er von seinem neuen Befiz­tum gehört, ihm und feiner Famille teine Ruhe mehr gelassen, bis man ihm das Wert zur Ausstellung in seinem Kunstsalon über­lassen, und nachher habe er es einfach, ohne lange zu fragen, ver­tauft. Alle nachträglichen Proteste hätten nichts gefruchtet. Er stellte sich über den Berluft ganz trostlos und befchwor, den Künstler, ihm als Ersatz für den schmerzlichen Verluft ein anderes Bild un­gefähr zu demselben Preise zu überlassen.

Böcklin ging auf das Anfinnen ein. Das zweite Bild wanderte nach Berlin und nahm dort denselben Weg.

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und es fiel mir gar nichts Ordentliches ein. Da sehen Sie, was ich gemalt habel Es fiel mir tatsächlich nichts Besseres ein," und er holte aus der Ecke die Susanna im Bade" hervor.

Der Berliner war sprachlos vor Verblüffung, während sich Böcklin mit grimmigem Vergnügen an seiner Verlegenheit weidete. um doch wenigstens etwas zu sagen, stotterte der Berehrer: Das Waffer set ausgezeichnet gemalt, wirklich bewundernswert, aber er hätte boch eigentlich ein rein landschaftliches Bild vorgezogen." Böcklin verblieb dabel, es sei ihm nicht anderes eingefallen, und daran lasse sich nun nichts mehr ändern. Der Berliner verreiste biesmal sehr rasch und ließ sich das Bild nach Berlin schicken.

Als die Susanna im Bade" zu dem erwähnten Geburtstag in Berlin eintraf, gab es ein allgemeines Entsetzen. Die dermaßen beschenkte Gattin erklärte rundweg, das abscheuliche Bild unter feinen Umständen im Hause zu dulden, und der Gatte sandte es wieder an Böcklin zurüd mit dem Auftrage, er möge ihm auf sein Brett etwas anderes malen. Der Meister stellte es gelassen in den Winkel und sagte: Sie werden sehen, es dauert feine sechs Wochen, so wird einer aus Berlin kommen, der das Bild haben will."

Als wir es damals in Zürich zur Ausstellung brachten, gab es einigen Aufruhr unter den Ausstellungsbesuchern wegen Bödlins angeblicher Berliebe für häßliche Figuren. Aber der anfängliche Sturm wandelte sich in allgemeine Heiterfeit um, als man vernahm, daß es sich in diesem Falle um eine wohlgelungene Künstlerrache handelte. Denn wohlverstanden, der vermeintliche Böcklin - Verehrer war, wie fich nachträglich herausstellte, nichts anderes als ein An­fchidsmann des Kunsthändlers und dessen stiller Geschäftsgenosse, der den Auftrag hatte, auf diesem Umwege Bödlin- Bilder zu be. schaffen, als der Meister jedes Verhältnis mit dem Kunsthändler. aufgegeben hatte.

Böcklin behielt recht. Die sechs Wochen waren noch nicht ver­frichen, als sich schon jemand aus Berlin meldete, der die Susanna Böcklin war wütend und sann im stillen auf grimmige Rache. faufte, um mit dem Aufsehen erregenden Bilde ein Geschäftchen zu Die Gelegenheit dazu sollte sich bieten. Im Sommer tauchte der machen, das denn auch nach der Ausstellung in Berlin , wo alles sich Berehrer wiederum in Zürich auf, diesmal noch tiefer unglücklich vor Lachen schüttelte, nicht ausgeblieben fein wird.