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Rümmer 47 24. November 1421 ir------ Anterhaltungsbeilaße öes Vorwärts )jc> Die hslzschuhe. Aon Charles Louis Philippe. Der nackgelasseiie Roman des großen französischen Dichters Charles Louis Philipp«Charles Blanchard" erscheint dieser Tage in der Uebertragunch von Wilhelm Slidel und Friedrich Burschell Im Insel- Verlag. Louis Philippe , der Leiden und Freuden der Armen so er­greifend geschildert hat wie kaum>e«in Künstler, wollte in diesem Lebensbild seines Vater» sein Höchstes schaffen! er ist aber Uber eine Anzahl wundervoller Fragmente nicht hinausgekommen. Mit tiefstem Verstehen und feinster Hand ist hier die Entwicklung eines Kindes ge- geben, das au» traurigsten Verhältnissen zum Menschen aufwächst. Von stärkstem Eindruck ist das hier wiedergeaebene Kapitel, in dem Charles. bei feinen, Onkel Baptist«, einem Holzschuhmacher, in der Lehre, zum erste» Male die Arbeit erlebt. Die Schriftleitung. ... In den ersten Tagen wollte Charles Blanchard nichts hören. In dem Hause seines Onkels liebte er nur die Nacht. Wenn der klbend hereingebrochen war und man die Suppe gegessen hatte, dauerte es noch eine halbe Stunde, dann ging alles schlafen. Auf diesen Augenblick wartete er. Die Lampe war ausgelöscht, die Fen> sterladen vorgemacht, man hörte nur das regelmäßige Atmen von Baptist« und Rose. Das Kind tot, was es tonnte, um nicht einzuschlafen. Die Nacht war dicht, man hätte denken können, daß es Himmel und Erde nicht mehr gebe oder daß sie ganz schwarz seien. Er öffnete beide Augen, um es noch besser zu merken. Er suhlte sich.an seinem Platz. In seinem Geist dehnten sich die traurigen Erinnerungen seines ver- gangenen Lebens langsam aus und bekamen jene Bedeutung, die unsere Erinnerungen haben, wenn wir ganz allein sind. Das Hin und Her und die Verworrenheit feines gegenwartigen Lebens legten sich um das Herz in seiner Brust, dann verbreiteten sie sich durch seinen Körper und füllten ihn völlig mit einer Art bitterer Flüssig- keit. Und aus seinem Kopf stiegen wie ein Rauch düstere Zukunfts- bilder auf, die durch das Zimmer liefen und sich festsetzten, wie wenn er das Dunkel hätte vertiefe» und noch dichter machen wollen.' Und als in den folgenden Tagen schon vorauszusehen war, daß ein neuer Charles Blanchard aus ihm werden würde, gab er sich nicht, wie man hätte meinen können, seinem neuen Leben hin. Man sagt zu einem gewöhnlichen Kind: Du kannst mir einmal ein Paar Holzschuhe abraspeln. E» stürzt sich auf ein neues Spiel, das es noch nicht kennt, mit jenem Ungestüm, mit dem Kinder auf das Glück zu springen. Ihre fröhliche Seele ist die Borhut eines gefiigi-. gen Körpers, sie zieht ihn in alle Abenteuer, die sich zeigen. Aber selbst als Charles Blanchard einen Holzschuh und eine Raspel in Händen hielt, erfaßte er nicht die ergötzliche oder doch zum mindeste» interesiante Minute, die er in ihrer Gesellschaft hätte ver- bringen können. Gewiß, er verrichtete an einem Holzschuh mit einer Raspel die Arbeit, die ihm sein Onkel aufgetragen hatte, gewiß, er gehorchte der Ausforderung, die an ihn gerichtet war, aber er wollte nicht glauben, daß das Leben von der Strenge ablassen würde, dl« es ihm immer bewiesen hatte. Er wußte nicht, was er fürchtete, doch er fürchtete etwas. Er nahm sein Holz in Angriff mit einer sachten Bewegung seines Werkzeuges, um die Ereignisse nicht zu überstürzen, mit Langsamkeit, um sich Zeit zu lassen. Er achtete auf jede seiner Bewegungen, auf jedes der Geräuschs, die sie hervor­riefen, auf das geringste Knacke», das nur ein so feines Ohr wie seines hören konnte. Er fürchtete, der Holzschuh könne zerplatzen, er könne ihm ins Gesicht springen, die Raspel könne ihn beißen. Er hielt immer das eine Bein vorgestreckt, er wer immer bereit, beim ersten Zeichen der Gefahr olles im Stich zu lassen, um sein Heil In der Flucht zu suchen. Er brauchte mehrere Tage, um etwas zu erlange», was ein an- derer sofort gewonnen haben würde: das ruhige Bewußtsein der TL- tigkeit, die er ausübte. In den ersten Tagen glich er einem gehetzten Tier, und es schien, als ob eine unerbittliche Arbeit ihn bis in seine geheimsten Schlupfwinkel verfolge. Seine Seele und sein Herz flohen, um sich in Sicherheit zu bringen. Er behütete seine Gedan- ken. Indem er sie in den dunkeisten und entlegenste» Winkel seines Hirns einsperrte. Er brauchte gut«ine Woche, bis er begriff, daß man nichts Böses mit ihm vorhabe. Erst nach Ablauf dieser Zeit schöpfte er wieder Atem, beruhigte er sich und konnte er festen Auge» seine Beschäftigung und sein Schicksal betrachten. Man muß den Tag mit Kreide anstreichen, an dem Charles Blanchard seinen Holz- schuhen etwas von jener Aufmerksamkeit schenkte, die die Menschen ihrer Arbeit zuwenden. Eine große Veränderung war in seinem Leben vorgegangen, als er die leeren Schrecken verjagt hatte, und er eines Abends, nachdem die Holzschuhe abgeraspelt waren, sich sagen konnte: Heute habe ich sechs Paar abgeraspelt. Es gab jetzt für Charles etwas, das Arbeit heißt. Wer die Arbeit erwählt hat, den läßt sie nicht los. Jeden Mor- gen stand das Kind gleichzeitig mit seinem Onkel aus. Schlag sechs Uhr. Man hätte meinen können, daß auch noch der Tag, der jetzt begann, Inhaltslos sein würde, daß man sich auf einen Stuhl setzen, die Augen niederschlagen, Ihn traurig betrachten und sich schwere Gedanken aus dem Hirn reißen müsse» um den Versuch zu machen, ihn auszufüllen. Jawohl, der Tag begann so. Doch kaum war eine Stunde vorüber, vielleicht hatte es noch nicht einmal sieben ge- schlagen, als Baptist« schon sagte:Komm, Junge, heute will ich dich die Holzschuhe schwärzen lassen." Zum Schwärzen der Holzschuhe bedient man sich statt eine» Pinsels einer Hasenpfote, die' man in eine schwarze Farbe taucht. Charles Blanchard traute sich zunächst nicht, doch bald wurde er stärker als er selbst. Sobald er ein wenig Farbe auf der Pfote hatte und ehe er sie noch auf den Rand seines Holzschuhes strich, riß ihn die fröhliche Vorstellung hin, die sich eines Kindes bemächtigen kann. Cr dachte: Jetzt werde Ich malen! Mit dem Malen auf Holzschuhen allein ist es nicht getan. Al» er seine Tätigkeit beendet hatte und alle Holzschuhe schwarz gestrichen waren, als der neue Charles Blanchard wieder in den alten Charles Blanchard hineinzuschlüpfen versuchte, in den, der nichts zu tun hatte, da war Richtstun nicht mehr das am Leben, wa- ihm wertvoll schien. Onkel, ich bin fertig." Laß sie trocknen, ich zeige dir dann, wie man sie wichst." Man braucht nicht zu wissen, wie man Holzschuhe wichst. E» genügt zu wissen, daß Charles Blanchard, als er sie zu wichsen ver- stand, sich sagen durfte: Ich kann raspeln, ich kann schwärzen, ich kann die Holzschuhe wichsen. Er war es, der dann zuerst sprach. Der Tag kam, wo Charle» Blanchard, ohne daß sein Onkel nur eine Bewegung gemacht oder ein einziges Wort geredet hätte, auf feinem Stuhl nicht still bleiben konnte und zu reden begann: Onkel, darf ich einmal versuchen, 5)olz zu spalten?" wann Sruöer...? Es kann nicht sein, daß unser Los an Rot uns immer bindet: einmal erhebt sich ewig groß das Recht und überwindet die Last der Zeit, die uns bedrängt, die finechlschost hat ein Ende. dann sind wir nicht mehr eingeengt in rauchgeschwärzte Wände. wir treten Mann an Mann heraus. heraus aus unferm Sklavenhaus zu neuem Schafsensbunde: zum Wohle aller alle wir. wann. Bruder, dringt zu dir und mir die froh« Znknnflskunde? Batiher Vicior l-.N euer Frühling", Sedichle, Auer u. Es., Hamburg ).