Einzelbild herunterladen
 

Nummer S 4fr 2. Marz 1�22 Q�lß wj Ö\�C) Anterhaltuntzsbsilage öes Vorwärts ; c« Zasthing. Eine tragisch« Komödie von Sterna Mahila. Der VereinSorgenfrei" in Kickeriti hatte Maskenfest. So recht von Grund aus lustig und sorglos wollte man sein, endlich wieder einmal seinem Namen Ehre machen, nach diesen Jahren schwerster Not und bitterster Entbehrung. Wochen vorher schon wurde bei den Bereinsmitgliedern zu Hause vorbereitet, alles zusammengetragen, was karnevalistisch ausschaute und sinnreiche Maskenkostüme zusammengestellt. Mütter und Töchter wetteiferten, recht vorteilhaft auszusehen und wenn möglich am Ballabend dasGeriß" zu bekommen. Auch passende Larven wurden eingekauft. Es war doch immer zu lustig, wenn man, bis zur Unkenntlichkeit vermummt, diesem und jenem Bekannten einige Wahrheiten heimzahlen durfte. Oder auch im Arme eine« Unbekannten dahinzufliegen, allerlei Zärtlich« keilen zu tauschen und so ein Häppchen Außergewöhnliches zu ge- nießen. Ja, das war köstlich. Aber diesmal sollte es auch kösllich werden. Die dicke Frau Fleischermeister, mit den vielen Ringen am Finger, kam in einem echten Gretchen-Kostiim daher, hellblau, mit schwarzen Samtbändern und schneeigweißer Bluse. Dazu reichlich dekolletiert und den vollen Busen mit Ketten und Münzen behangen. Ihr Mann schritt als solider Tiroler an ihrer Seit« und das Töchterchen, ein sehr junger Backfisch, hüpfte als Rokoko voraus. Frau Rentier Purzel, die immer sehrfürnehm" war, kam als untersetzte kleineKönigin der Nacht" und ihre beiden Töchter alz Sternenjungfrauen". Ihr Mann war Vorstand de» Vereins und trug, wie alle Würdenträger, Frack und Schellenkappe. Frau Kellermeister Hinkel, die in letzter Zeit immer so an Plattfußbeschwerden litt, stellte sich al» rotgokdene Zigeunerin vor, ihre Töchter mit den Himmelfohrtsnäschen waren zu griechischen Tempelhüterinnen umgewandelt und der Vater hatte sich in ein Ritterhabit gestürzt. Auf der Treppe, die zum Ballsaal führte, wogte es von Farben, klimperte und klirrte es von baumelnden Ketten und Münzen, klingelte es von silbernen und goldenen Schellchen. Lachen und Staunen klang dazwischen, wenn man den besten Freund, die in» timst« Freundin trotz aller Maskierung erkannte. Ganz internattonal war dieses Gewoge. Holländerinnen, Römerinnen, deutsche Gretchen, Griechinnen, dazu französische Standesherren, englische Ritter, russische Fürsten , derbe Tiroler, Spanier, ja richtig, auch ein Ame- rikaner mit blauem, sternbesätem Zylinder war da. Jetzt können wir ja Völkerverbrüderung feiern," lachte einer. Braucht man da nach Genua ?" fragte der Amerikaner zurück. Das machen wir unter uns einfacher." Taraata bumdera Taraata bumdera, fast war der Saal zu klein, die zuströmenden Maskenfluten all zu soffen. Aber sie kamen doch alle zu Platz und der Tanz begann. Erst Polonaise der Jugend. Das hüpfte und scharrte und gackerte. Diedel, dudel, deidel da, taraata bumdera, sie schritten dahin. DieAlten" reckten die Hälse und. oerglichen die Masken. Natürlich waren alle eine Schattierung weniger glänzend als die des eignen Kindes. Dann kam die Polonaise derAlten". Das schlurfte und schlappte und brummelte. Als das dicke Gretchen und die Königin der Nacht an dem bronzenen Engelchen, da» den Türvorhang hoch- hielt, vorüberschritten, und als es gar die plattfußtranke Zigeunerin tanzen sah, lachte e» unbändig, daß Ihm der Vorhang aus den Händen fiel und den darunterstehenden Türwächter in eine Wolke von Stoff und Staub hüllte. Dem Weine wurde noch fleißiger zugesprochen als dem Tanze, auf den Tischen lag ein blühendes Durcheinander von zerknülltem Papier, Kuchen. Konfekt, Pelzen, Föckern, Halskrausen, dahinein fuhren beringte Hände, hoben rote und goldene Weingläser hoch, schwappten sie über, führten sie zum Mund«, stellten sie unsicher zurück Immer lustiger, immer'übermüttger wurde e«, da» Lachen schnappte oft in ein Kreischen über, Männerhände schlugen aus die prallen Schenkel, daß es klatschte, es war wirklich köstlich, wie man es sich versprochen hatte. Da ein Tusch! Man schaute erwartungsvoll nach der Bühne. Die Tasche zu einem Gretchenkostüm war gefunden. Der Sprecher hielt sie an langer Stange empor, und al« ein rosarote» Gretchen schüchtern nahte, verlangte er erst mit ausgebreiteten Armen seinen Finderlohn. Das gab ein nimmer cndenwollendes Hallo. Diesem Handel folgte ein Rundtanz, dem Rundtanz ein« Ver» schnaufpause mit Gläserklingen und immer stärker anschwellendem Gemisch von Sprechen, Lachen, Kreischen, Johlen. Da ein zweiter Tusch. Erwartungsvolles Stuhlrücken dana heulendes Gejohle. Die Plattfußzigeunerin hielt eine Narrenkapp« hoch und ließ die goldenen Schellchen daran klingen. Wem war sie zu eigen? Keiner meldete sich. Ob sie den Fiwderlohn fürchteten? Anwachsendes GelächterHeraus Eigentümer heraus." Erneuter Tusch. Das bronzene Engelchen an der Türe hob plötzlich mit aller Kraftanstrengung den Vorhang so hoch, als es nur konnte und schaute mit tiefernstem Gesichtchen darein. Ein bleicher Gast betrat den Saal Lang, hager, mit wehenden Locken und gekräuseltem Barte Auf der Stirn Blutstropfen, eingetrocknet und hart. Von den Schultern herab ein weißes Gewand, das den abgemagerten Leib umschlotterte. Er schritt geradewegs auf die Bühne und streckte seine weiße Hand nach der Narrenkappe au». Jäh ward es still, der Zigeunerin gefror das Gesicht zur steinernen Maske. Die Narrenkappe entfiel ihrer Hand. Der bleiche Mann hob sie auf und schwenkte sie über seinem Haupte. Fasching Brüder kommt zum Tanze einmal wieder jorglos� einmal wieder lustig heissa hoppsa Musik Aber auch die Musiker schienen zu Stein erstarrt. Der Bleiche drückte die Schellenkappe aus seine Locken, nahm dem einen Geiger mit weicher Bewegung die Geige aus der Hand und spielte auf der Mitte der Bühne stehend einen seltsamen Marsch. Da Hub ein Gettappel aus der Treppe an wie mit tausend Holzfüßen. Das Engelchen riß den Vorhang hock», die an der Tür Stehenden taumelten zur Seite und herein in den Saal tanzten in endloser Polonaise lauter Holzkreuze. Größere, kleinere. manch« verwittert, zum Teil zerschossen, manche mit zersplitterten Armen, manch« zerbrochen. Holzkreuze, wie sie zu Tausenden draußen in fremder Erde stecken, weil unter ihnen irgend ein hoff- nungsvoller, aus dem frischen Leben gerisiener junger Mensch be- graben liegt. Zwei größere Kreuze sprangen mit dumpfem Gepolter auf die Bühne, faßten Brumbaß und Pauke und spielten darauf los. Da» waren Kreuze von zerschossenen Musikern und fünf, sechs ander« hüpften dazu, bis die Kapelle besetzt war. Sie spielten wie Kriegs- geschmetter und Fanfarenmarsch, Sturmraketen brüllte» drein und die Grabkreuze im Saal tanzten dazu, daß ein dröhnendes Ge- polter die Wände erzittern ließ. Ein furchtbarer Aufschrei! Ein Holzkreuz mit zersplittertem Arm packte eine junge Spanierin und wirbelte mit ihr durch den SaalUnter mir liegen die Fetzen Deines ersten Gatten." Ein Kuß, der nach Verwesung schmeckte, und das Holzkreuz brachte die Bewußtlose in die Arme ihres zweiten Gatten zurück. Bleicher als der bleiche Gast standen die Maskierten hinter Tischen und Bänken verschanzt. Ihre buntsarbenen Kleider lachten ihrer Fahlheit Hohn. Nicht einmal eine Träne fand den Weg au» ihren starren Augen. Der bleiche Mann auf der Bühne gab Geige und Fidelbogen ihren Besitzern zurück und hob die Hand. Die Kreuzmusikanten brachen mitten in ihrem Spiel ab, die Kreuztänzer standen still. Er nahm die Schellenkappe von seinen Locken und siehe, die kleinen Schellen wandelten ihr meckerndes Klingen in das silberne Läuten ferner Glocken um. Eine milde Stimme sprach: Kommt her zu mir. alle, die ihr mühselig und beladen seid. Da scharten sich die Kreuz« in stürmischer Liebe um den Einen und reckten ihre starren Arme In stummer Zärttichkeit zu ihm hoch. Und der Ein« schaute aus ihrer Mitte zu den maskierten Menschen hin, ob nicht einer den Weg zu ihm fände. Aber sie standen alle mit verhülltem Angesicht, weil sie diesen liebeverheißenden, trau- rigen Blick nicht ertragen konnten. So schritt der Eine mtt all den hunderttaufend hölzernen Kreuzen davon. Unter der Türe fiel ein heißer Tropfen aus sein« Stirn, ein zweiter folgte unmittelbar nach. Tränen? Eine Freude, wie ein maiengoldner Sonnenstrahl brach aus dem Auge des Bleichen . Er schaute suchend empor. Aber nicht Menschentränen waren es, die seine Stirne geküßt, da» bronzene Engelchen mit dem Türvorhang in den erhobenen Händen weinte. Ein Tusch. Potztausend, einer muh doch die Kappe verloren haben. Di« Zigeunerin läßt alle Schellen klirren und da naht auch der Besitzer, als ginge es zum Hochgericht. Hoch und Heissa! Er wählt« sie zum Tanz. Die Musikanten pauken, fideln, blasen, was das Zeug hält, und die Paare schwingen sich in rasendem Tanz.