Nummer 9
H.März 1922
Trolö. Von Edith Rode-Nebelong. „Trolt," sagte Trolds Mutter,„sei nun ein guter Junge und höre mit dem Klaviergetlimper auf, Mutti hat Kopfschmerzen!" „Ich finde e<* cigcrtlich langwellig, daß du immerzu Kopf- schmerzen hast", sagte Trold und hieb unverdrossen mit den kleinen geballten Fäusten abwechselnd auf die weißen und schwarzen Tasten. „Ich habe nicht immerzu Kopfschmerzen— aber sei nun ein artiger Junge. Trold, und höre aus— geh' hinunter aus den Hof spielen." „Nein," sagte Trold schmollend,„auf dem Hof ist es so lang- weilig und du spielst auch niemals mehr mit mir." „Was faselst du da TroldI Natürlich spiele ich mit dir, rede doch nicht solchen Unsinnl" „Ich fasele gar nicht," sagte Trold und donnerte mit Nachdruck auf die Tasten und wiederholte triumphierend im Takt:„spielst niemals mehr mit mir, spielst niemals mehr mit mir!" Sein« Mutter hielt sich die Ohren zu und machte böse Augen. „Hör auf, Trold, tu unartiger Junge, sofort— oder du bekommst Schlägel" Trold drehte sich mit herausforderndem Blick herum. „Mich darf keiner schlagen, das sagt auch Maren." „Ja, wenn du unartig bist, mußt du Schläge bekommen, sonst wirst du nie artig werden!" sagte seine Mutter und versuchte sehr vernünftig auszusehen. „Ich werde nicht artig, wenn ich Schläge bekomme," sagte Trold belehrend,„denn dann fange ich ja an zu heulen!"' Seine Mutter iah ih.i«inen Augenblick rotlos an. „Wenn tu nicht artig bist, dann besucht dich Onkel Knud nie- mals mehr!" sagte sie triumphierend. „Das soll er auch gerade nicht," sagte Trold,„denn dann geht ihr bloß spazieren, und du ziehst mich nicht selbst aus und Maren muß mich immer zu Bett bringenl" Seine Mutter wandte sich ein wenig ab.„Du hast Maren doch so gern," sagte ste. Trold nickte langsam und nachdrücklich.„Ja," sagte er,„und wenn du dich mit Onkel Knut verheiraten willst, will ich nicht mehr hnit dir verheiratet sein, aber dann will ich mich mit Maren ver- heiraten!" „Was redest du da," sagte Trolds Mutter und wurde rot und böse,„wer hat dir d«nn das beigebracht, wie kannst du so etwas zu teiner Mutter sagen?" „Ja," sagte Trold bestimmt,„denn ich will nicht mlt Onkel Knud verheiratet sein und man kann auch bloß mit einem verheiratet sein, das hast du selbst gesagt." Trolds Mutter setzte sich hin und sah ihn lange an. „Was ist denn los?" sagte Trold, als es zu lange dauerte. „Trold," sagte ste leise,„du hast Onkel Knud doch so gern." „Nein", sagt« Trold bestimmt.„Denn er spielt auch nicht mehr mit mir, ihr geht immer bloß zusammen spazieren." Trolds M»tt«r schwieg und Trold drehte sich wieder zum Kla- vier um und fing an, ganz leise aus die Tasten zu drücken. „Hör' mal," sagte er vergnügt,„ich kann spielen, ohne daß es etwas sagt." „Trold, komm' mal ein bißchen zu Mutti hin!" „Was ist denn?" fragte er und kam zu ihr hin, und kroch auf ihren Schoß. Sie zog ihn an sich und küßte seine Backe und strich ihm über das Haar. „Möchtest du mcht gern einen Bater haben?" sagte ste leise. „Ich habe ja einen", sagte Trold erbarmungslos und zeigte auf das Bild über'm Klavier. Seine Mutter sah nicht auf, sie legte ihren Kopf auf Trolds kleine Schulter.„Er ist gestorben", sagte sie. „Das macht nichts', jagte Trold Und kurz darauf schüttelte er mit dem Kopf und lachte. „Du kitzelst mich mit deinen Augen am Hals", sagte er be- lustigt. Trolds Mutter hob den Kopf. „Wenn ich—" sagte sie—„wenn er— wenn Mutti sich mit Onkel Knud verheiratete, dann würde Onkel 5cnud dein Vater— würde das nicht lustig lein?"
„Nein, denn dann pufft er mich", sagte Trold. „Das ist nicht wahr, sagte ste.„pfui, Trold." „Ja doch!" sagte Trold bestimmt. „Dann bist du eben unartig gewesen und e» geschah, damit Mutti sich nicht über dich grämen sollte." „Nein, ich war nicht unartig," sagte Trold,„ich hatte ihn bloß ein bißchen aus Versehen getreten. Da pufft« er mich und sagte— nein, ich weiß nicht mehr, was er sagte— aber es war was mit B«ngei und dann gab er mir zehn Oere für Bonbons, und die schmiß ich hin und wollte sie nicht wieder auflangen, und ich stampfte auch mit dem Fuß auf und dann sagte er, ich sollte ein guter Junge sein und es Mutti nicht wiedersagen und ste traurig machen, aber Maren hat selbst gesagt, daß er gar nicht mein richtiger Onkel wäre und daß er ein ganz heimtückischer Peter wäre, aber wiedergesagt habe ich es doch nicht, nicht?" Trolds Mutter setzte ihn hin und ging zum Fenster. „Du mußt Mutti alles jagen", sagt« sie. „Ja, und Maren saat auch, daß wir nur wegen Ontel Knud nicht auf's Land zu Großmutter reisen und er wird mich noch viel mehr vusfen, wenn er mit dir verheiratet ist!" „Onkel Knud hat dich so gern", sagte seine Mutter, aber sie sagt« es ganz leise. „Ja, aber ich kann ihn nicht leiden," sagte Trold kaltblütig, „und ich will mich niemals mit ihm verheiraten, selbst wenn er will, und darum kann er auch nicht mein Vater werden. Und dann habe ich ja außerdem schon einen." Es wurd« ganz still in der Stube. Trold fing an. den Vor» schlag, auf dem 5)ose zu spielen, zu überlegen, aber dann klingelte es. „Das ist er", sagte Trold munter.„Wollen wir uns nicht unter'm Tisch verstecken, ja? Dann kann er uns nicht finden, und dann geht er und dann kommt er vielleicht niemals mehr wieder— wollen wir nicht, ach ja?" Trolds Mutter ging schnell und leise durch das Zimmer und öffnete einen Spalt der Küchentür. „Maren," rief sie gedämpft—„Maren, machen Sie auf— und wenn es— sagen Sie— dann sagen Sie"— sie räusperte sich leise—„daß ich— daß wir doch morgen reisten— und daß ich sehr viel zu tun habe— und daß ich den 5)errn nicht empfangen kann." Dann schloß si». die Tür. Trold stand mit funkelnden Aug«n und zusammengekniffenen Lippen da, bis er die Korridortür zufallen hörte, dann sagte er begeistert:„So'n Spaß— nun kann er uns nicht finden— und morgen sollen wir zur Großmutter auf's Land!"— Und er fing an herumzutanzen. Aber plötzlich stand er still und sagte mit männ- licher Strenge und furchtbar verärgert:„Heulst du etwa?!" (Berechtigte Uebertragung aus dem Dänischen von Frieda E. Vogel.)
Schneckenhochzeit. Von Dr. Ludwig S t a b y.- Unbeachtet und unauffällig leben die Schnecken ihr beschauliche» Dasei» Stumm und ohne Geräusch ziehen sie in langsamem Tempo ihres Weges dahin in. aller Gemächlichkeit suchen sie ihre Nahrung, die aus allerlei Pflanzenstoffen besteht: sie sind nicht eilig dabei, denn sie haben ja/Zeit in Hülle und Fülle. Wenn sie eine Nährpflanze erreicht haben, raspeln sie mit ihrer eigenartigen Zunge, die mit Tausenden von ganz feinen, wunderschön angeordneten Zähnchen besetzt ist, ein Stückchen nach dem anderen herunter, wobei sie einen gesegneten Appetit entwickeln, so daß sie, in Massen auftretend, den Gärtnern und Landwirten großen Schaden in den Pflanzungen an- richten können. Bei feuchtem Wetter ist es ihnen ain wohlsten, tritt eine längere Trockenzeit ein, dann ziehen sie sich in ihr Lzaus zurück, das sie ja immer auf dem Rücken mit sich herumschleppen, schließen die Tür dr.rch einen festen Deckel und schlafen in Ruhe, bis wieder ein milder Regen die Feuchtigkeit liefert, die sie zu ihrem� Leben un- bedingt nötig haben. Ihr Leben Ist'also ein behäbiges Philister- dasein, lind inenn man daher die Schnecken stumpfsinnige und lang- wellige Geschöpfe nennt, so hat man nicht so ganz unrecht: aber doch nicht vollkon inen recht denn auch in ihrem Leben gibt es höchst interessante Beaebenheiteu, die in der ganzen Tierwelt einzigartig dastehen und sich in der Zeit der Liebe offenbaren.