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Nummer 10

Heimwelt

16. März 1922

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Unterhaltungsbeilage des Vorwärts

Der Brief der Toten.

Bon Paul Dobert.

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Die Frau war gestorben und der Witwer stand vor dem großen Schrank, in dem sie ihre Kleider, Hüte und persönliche Wäsche auf bewahrt hatte. Sein Blick ruhte wohlgefällig auf dem sorgsam geordneten reichen Bestand an Toiletten- und Wäschestücken der echt hausfrauliche Charakter der Toten sprach sich auch hierin aus. Manche Stücke der Leibwäsche schienen noch gar nicht benutzt zu sein, eine rührende Sparsamkeit, die jetzt feinem recht nutzen konnte. Kinder hatten sie nicht gehabt, das Erbe fiel also an den Mann, und wie er Dor diesem Nachlaß stand, drängte sich ihm gleich der Zweifel auf, ob Nanny , sein Verhältnis, wohl von diesen Sachen Gebrauch machen würde. Sie hatte vor dem Tode so große Angst, daß ihr auch alle Gegenstände, die mit einem Berstorbenen zu tun gehabt hatten, höchft widerwärtig waren. Also mußte dieses alles verkauft werden... Ehe er den Schrank wieder verschloß, wollte er aber doch noch fich vergewissern, daß keine Gegenstände etwa von besonderem materiellen oder persönlichen Wert sich in dem Nachlaß befanden, die zu veräußern peinlich gewesen wäre. Er holte sich einen Schemel und stieg hinauf, um das oberste Fach des hohen Schrankes abzu tasten. Bon links nach rechts. Da lagen in geordneter Reihe die Sommer- und Winterhüte, etliche Hutnadeln, fünftliche Blumen, Federn, Knöpfe..., den Boden des Faches bedeckte weißes Papier, Attenformat, wie er es zu benutzen pflegte. Plötzlich fühlte er in der rechten Ecke, daß unter dem Papier doch etwas verborgen lag. Sein erster Gedanke war: Sparkassen- oder Bankkontobuch. Aber das war ja wohl ausgeschlossen; Bermögen und Schmuck hatte sie in einem Geheimfache seines Geldschrantes aufbewahrt.

Behutsam holte er das unbekannte Etwas unter dem Papier hervor: es war ein flaches Bäckchen, fein säuberlich verschnürt. Als er die Schnur löfte und den Papierumschlag entfernte, tam ein steifer Heftdeckel zutage. Er schlug ihn auf und sah einen Brief vor sich, der die Aufschrift trug: Bon meinem Manne nach meinem Tode zu öffnen".

Jest war schon ein gewisses Bittern der Erwartung in den Händen des Mannes. Er wollte kurzerhand das Kuvert aufreißen, aber es erwies fich als äußerst widerstandsfähig: Papier mit Stoff­einlage. Er stieg vom Schemel herunter und trug den Brief in sein Bimmer zum Schreibtisch, wo er ihn mit einer Bapierschere aufschnitt. Alle Wetter, das waren ja die Briefe Nannys, von ihr ge­Ichrieben, wenn sie im Sommer einige Wochen an der Gee gemeilt hatte. Wie waren diese Briefe, die er doch so sorgsam gehütet hatte, und die seiner Meinung nach sicher in einem Geheimfache des Geld Schrankes geborgen waren, in die Hände feiner Frau gekommen?

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Und wieder bewunderte er die peinliche Ordnung der Gattin. Die Briefe von jedem Jahrgange( von ihm nach dem Lesen in das Fach geschleudert) waren zusammengebunden und ein Zettel unter das Band geschoben, auf dem Ort und Jahr zu lesen war. Kol­ berg 1908 Bing 1909 Boppot 1910 usw., bis in das zweite Kriegsjahr fonnte er so Nannys Sommerreifen verfolgen. Dann war sie zu Hause geblieben, und nach dem Kriege hatte er sie be­gleitet auf Gebirgswanderungen, die er wie er damals feiner Frau gesagt hatte feiner Frau nicht zumuten könnte. Deshalb hatte er Frau Anna nach Kolberg, Binz und 3oppot gefchickt und war mit Nanny losgezogen.

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Langsam hob er die einfachen Bädchen hervor und schichtete fie aufeinander. Eine refpeftable fleine Säule von Briefen, voll von jenem sentimental- zärtlichen Gefchreibfel, das folche Mädchen" zu Papier zu bringen pflegen. Als er das letzte Bäckchen emporhob, fand er einen offenen Brief von der Hand seiner Frau und er las: Mein lieber guter Franz Da Friedrich mir seinerzeit je einen Schlüffel zu den belden Geheimfächern ausgehändigt halte, so war es nur natürlich, daß ich die Briefe Deiner Nanny einmal entdecken mußte. Zuerst war ich begreiflicherweise empört. Ich wollte Dich perlaffen, die Scheidung einreichen. Dann aber fam das Nachdenken,

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und ich bin geblieben. Die ersten Briefe batieren von 1908, ich ents deckte sie aber erst durch einen Zufall, wie das so geht, im Jahre 1912 und fand also gleich die Korrespondenz von fünf Jahren vor. Ich las sie mit einer gewissen Bewunderung wie einfach ist das Leben für d efe vergnügurgssüchtige, junge Welt! Gle genießen die Senne, ärgern sich über den Regen, bitten noch um etwas Geld- die Bernsteinkette gefällt mir doch zu sehr" oder ich habe hier ein wunderbares altes Spinnrad gesehen, es foftet aber 300 M. wird Deine Großmut mir diese Summe spendieren."

Also ich las die Briefe und legte sie wieder an den Play. Las im nächsten Jahre die neu hinzugekommenen und so fort, bis der Krieg ein Ende machte, und nun will ich Dir eins gestehen, lieber Franz: Ich habe aus den Briefen der Nanny herausgelesen, daß Du im Grunde Deines Wesens ein liebenswürdiger Charakter bist­dafür spricht schon die lange Zeit des Verhältnisses mit Nanay, dafür auch eine gewisse Nuancierung des Inhaltes ihrer Briefe: Empfindung und Ausdruck werden von Jahr zu Jahr besser. Daß Du diese liebenswürdige Seite Deiner Natur mir gegen­über nicht so ganz an den Tag legteft, nehme ich Dir nicht übel, da unsere Ehe finderlos geblieben ist. Ach ja, die finderlose Fraul Sollte sie nicht von Amts wegen dazu angehalten werden, sich recht­zeitig scheiden zu lassen, um dem Manne eine neue Ehe mit Hoff­nung auf Kindersegen zu ermöglichen? Daß Deinem Berhältnis mit Nanny fein Kind entsprossen ist, hat wohl andere Gründe als die Unfruchtbarkeit der Frau... illegitime Rinder sind nicht beliebt. Ich stelle nun die Daten her: 1903 unsere Heirat, 1908 die ersten Nanny- Briefe. Also fünf Jahre die ersten fünf hatte ich Dich. Erinnerst Du Dich noch des Dr. Würdig, des zynisch- geistreichen Sonderlings, der uns öfter besuchte und einst sagte: Mehr als fünf­Jahre fann ein Mann seiner Frau nicht treu sein. Oft habe ich daran gedacht, Dich um Nannys Adresse zu bitten ( nachspionieren wollte ich Dir nicht). Wozu? um fie aufzu suchen, fie fennenzulernen ihr zu versichern, daß das ehebrecherische Verhältnis in meinen Augen fast eine Ehe darstellte.

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Ach, man ist feige, mutios. Ich habe weder Dich um die Adresse gebeten noch sie mir sonst verschafft, aber oft, sehr oft, habe ich mich mit dem Gedanken beschäftigt: nimm die Geliebte zu Dir, gib ihr und ihm die Ruhe, das Köstlichste im Leben. Wenn Ihr mich- bald oder später begrabt, so werdet Ihr frei, und Ihr könnt Euch heiraten. Soweit ich freilich zu beobachten Gelegenheit hatte, ges schieht das meistens nicht, oder die geschlossene Ehe wird unglücklich. Ob es nun bei Dir und Nanny anders sein wird? Ich will es hoffen denn sie scheint mir trotz allem ein Charakter zu sein, und wenn Du ihr diesen Brief vorgelesen haben wirst ich bitte Dich dieses zu tun wird sie auch mich anders beurteilen, als sie es jetzt tun wird und tun muß in dem vermeintlichen Anfämpfen gegen die legitime Frau.- Ich wünsche Euch Glück, lebe wohl, Deine Anna.

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Wenn Franz Ritter, der erfolgreiche und angesehene Kaufmann, fich beim Lesen dieses Briefes gleichzeitig im Epiegel hätte sehen können, so würde er bemerkt haben, daß sein Geficht nicht gerade den geistreichsten Ausdruck zur Schau trug. Bei Gott, der Brief ging ihm an die Nieren. Wie scharf diese einfache, anscheinend so stille Frau alles beobachtet hatte, wie fie an Probleme rührte, die wohl jeder verheiratete Mann schon im Kopfe umbergewälzt hatte. Bot allem die Frage: Kann ein Mann zu gleicher Zeit zwei Frauen lieben?

Das Lob Nannys freute ihn besonders. Er steckte den Brief zu sich und begab sich zur Freundin. Er war ein guter Rezitator und brachte die Stellen, in denen von Nanny die Rede war, zur besten Wirkung. Nanny war dann auch gerührt und zerdrückte einige Tränen,

Aber als praktische Frau schmiedete sie das Eisen, solange es heiß war-" Deine Frau will unsere Heirat, also heißt es fich tummeln. Wir heiraten ganz in der Stille, so daß niemand etwas davon merkt. Später na später, da fräht fein Hahn mehr danach." Und Franz ging gehorsam, das Aufgebot zu bestellen.

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