Nummer 12
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Die Nagö. Von Max Jungntcktl. Es Ist ein später Vorfrühling im Dorfe Weckerlingen. Ueber die Felder hin geht der heimkehrende Hirtenjunge, der Neinhold. Cr hat einen Schäferhund an der Seite. Der Hund heißt Use. Vor ihm her gehen schwerfällig ein Dutzend Kühe. Der Hirtenjunge-mag wohl so an die vierzehn Jahre sein. Er geht barfuß, hat lange Lederhosen an, die unten umgeschlagen sind und die mit tirmesbunten Hosenträgern festgehalten werden. Die Hemdsärmel hat er weit aufgekrempelt. Die Haare liegen ihm ungescheitelt, dick und blond in die Stirn. Als er mit seiner Herd« vorm Stalle steht, wundert er stch, daß der Stall verschlosten ist. Wo mag sich die Magd herumtreiben, denkt er. Dann macht er den Stall aus und treibt die Kühe an ihren Ort. Plötzlich hört er ein Wimmern. Er geht neugierig an da» Lager der Magd. Die liegt in ihrem verwühlten, schmutzigen Bett; etwas auf- gestützt, ein kleines Kind neben sich. Die Augen der Magd hängen an dem Hirtenjungen und es ist, als bitten ihre Augen um Verzeihung, daß sie ihm die Tür nicht aufgemacht hat und ein kleines Kind hat. Der Reinhold steht, die Hände in den Hosentaschen, am Bett. Die Abendsonne fließt goldig durch da» dreckige Stallfenster auf die Magd und das Kind, auf die Kuh, die in der Röhe steht, und auf den Hirtenjungen. Im Stalle ist es fast ganz still. Ab und zu trampelt mal eine Kuh oder schlägt sich mit dem Schweif. Der Hirtenjunge fühlt, wie etwa» warm und zärtlich in sein Herz hineingeht. Er streichelt mit seiner schwieligen Hand ganz behutsam über den Kops de» Kinde, wie über ganz etwa» Kostbares. Und dann lächelt er:.Wenn haste denn da» Kleene jekricht?" Die Magd sieht ihn nicht an, al» ob sie sich schämt, und sagt: �Heite vormittag«--* .I» es e Jung«?— .Jo,'s is e Junge--* .Hättste liewer e Mädchen sehatt?—* „'» i» mir janz ejal," antwortete gleichgültig und müde die Magd. Und während der Hirtenjunge«ine henkellose Kaffeekanne nimmt und Milch hineinmelkt, denkt die Magd nach, ob sie e» ihm sagen soll, daß ihr Bauer Huber der Vater von ihrem Kinde ist. Und da sieht sie ihm zu, wie er so jung dasitzt und vor sich hinpfeist. Und sie fühlt, daß er st« lustig machen will. Sie darf e» ihm nicht sagen. Als sie, durstig und hastig, die Milch heruntergetrunken hat. spricht sie noch schnell zu ihm:.Willste mir noch« Jefallen tun, Neinhold? Willste den Kleen morgen srieh zur Toose hintrogen «ach Steckeritz?—" „Ru ja, denn jeh« ich," sagt er und kletter auf eine Kuh, die «n Fenster steht. Er kramt vom Fensterbrett ein schmutzige« Pfenniglicht und »ine Schachtel Streichhölzer herunter und geht wieder an da« Bett der Magd zurück. Er brennt ein Streichholz an und hält e» unter da» Licht. Ll» da» Wach» ein bißchen schmilzt, klebt er da» Licht auf den Stuhl der Magd fest. Dann legt er die Schachtel daneben und sagt:.Wenn de mich brauchen sullst, denn ruffte mich.-- Nu schlafe scheene Mit dein Kleen.-- Morjen srieh jeh ich.—* Die Magd wünscht ihm traurig und doch ganz warm ein« gute Nacht. Der Hirtenjunge kriecht schnell in» Bett.
Ein dünnes kleines Kinderwimmern klingt noch aus dem Bett» der Magd. — Aber das schläft bald ein. Die Kühe legen sich, eine nach der anderen. Dann ist alles ruhig. Um die Mitternacht hebt sich ollmäh'ich der Stall bis in den Sternenhimmel hinein. Er nimmt den Mond als Stirnreif. Die Sterne singen um ihn. Der Tau, der draußen fällt, fängt an zu reden. Lenzsturm zieht um die Mauern. Die Magd wacht auf und weiß, daß e» draußen Frühling ist. Sie fürchtet sich vor dem Frühling. Der Hirtenjunge träumt von Weihnachten . Da, ein krösttger Kinderschretl Das Stalltor hält den Schrei fest und horcht. « Am Morgen, ganz In der Frühe, steht der Hirtenjunge auf. Er rennt zur Wasserpumpe auf dem Hof, wäscht sich, streicht die Haar« mit der Hand recht gerade, befühlt Knöpf« und Hosenträger und geht wieder tn den Stall. Die Magd ist wach. .Juten Morgen, Reinhold."—— .Na, haste scheene jeschlasen?" fragt fröhlich der Hirtenjunge. Die Magd nickt und kramt unterm Kopfkissen ihr Dienstbuch hervor, nimmt aus ihrem Strumpf einen harten Taler und gibt beides dem Hirtenjungen:.Da» hier jiwste'n Pastor.— Da» Buch muß i aver Widder han."-- „Un wer füll denn« Pole stehn," frag! darauf der Hirtenjunge. Die Magd scheint etwas verlegen. Schließlich antwortet sie: .Hast du vielleicht Lust dazu?" .O. warum denn nische," sagt der 5)lrtenjunge..Awer es misten doch noch mehr sin." Die Magd sinnt nach.„Aus'n Dorfe kenn mer keen nehm.— Do Horn je keene Zeit.— Awer vielleicht jeht der Tischler au» Steckeritz mit. Der kennt mich--> un der Schuster ooch.— Do muhte mol frogen. Eingebinden brauchen se nischt. Das ls nich netig." Der Hirtenjunge guckt sie erstaunt an. War denn das Ein» binden von Geld nicht die Hauptsache bei der ganzen Tauf«? „Un wie soll e denn Heeßen?" sragt er plötzlich. Die Magd hatte noch nicht daran gedacht. Auf einem Kistenbrett über ihrem Bette sieht si« ein bunte» Heftchen liegen, wo sie immer nach Feierobend drin gelesen hat. Räch einer Weile sagt sie:.Ich mechte jerne, daß« Friedrich heeßt.--* Sie dachte da an den wilden'Hauptmann, von dem in dem Hefte die Rede war. .Friedrich is e scheener Name," sagt darauf der Hirtenjunge. Dann nimmt die Magd eine Kattunschürze, die am Bette hängt und wickelt das Kind ein. Nachdem sie gefragt hat, ob e» draußen frisch und windig sei und der Hirtenjung« bejaht hat, nimmt sie noch ihr Kopskisten und wickelt da» Kind hinein. Reinhold nimmt da» Bündel in sein« Arme, pfeift den Hund herbei und geht. Al» er fast in der Stalltür ist. ruft ihm die Magd zu:.Kumm doch noch emal her. Reinhold--* Der kommt dicht zu ihr hin an» Bett. Mit gesenkten Augen, verwirt vor Scham, sagt sie leise zum Hirtenjungen:.Un der Pastor werd wull o srogn—— sog's nu ruhig, daß unser Bauer Huber der Vater von mein Kind t». Emol ersohrn se« doch alle."-- Dann gibt sie ihm die Hand. Der Hirtenjung« fühlt, daß sie vom Scheitel bi» zur Sohl« zittert. Sie tut ihm so leid. Er möchte Ihr so gerne etwa» Liebes sagen. Er legt zaghast seine Hand auf ihren Kopf und richtet ihn empor. Und dann sagt er nur:.Bleib scheene liefen, daß de bool« jesund wärscht.--" Und dann geht er mit dem Kinde hinau».