Nummer 25 29. �un! 1922 � �lnterhaltuntzsbeilatze öes vorwärts Lokomotivführer. Von Edgar Hahnewald . Ein« Fahrt im Schnellzug— wa» ist dabei. Du gehst zum yahnhof, und da steht der Zug zur Fahrt bereit. Seibstoerständlich steht er da. Du steigst«in, setzt dich bequem in die Ecke, ziehst deine Zeitung aus der Tasche und liest. Und wenn der Zug mit leichtem Kuck anfährt, schaust du auf. blickst prüfend auf die Uhr, siehst draußen Leute winken, Dinge vorüberaleite«. Und dann liest du wetter in der Zeitung indessen dich der Zug dem Ziele rntgegenführt. Anders sieht sich die Sache vom Führrrstand der Lokomotive au « an. Dort ist anstrengender, verantworwngsvoller Dienst, was dir im Abteil ein Vergnügen» schlimmstenfall» eine langweilige An- Gelegenheit ist. Dampfend, mit zischenden Ventilen, steht dt« Lokomotive vorm Buge. Alles ist fertig. Am Zug» klappt die letzt« Tür. Der Zeiger * erleuchteten Uhr rückt auf die Abfahrtszeit. Di» Signale stehen Mif Frei. Noch das Fertigkeitszeichen von hinten her— der Heizer löst die Tenderbrems», der Führer greift in die Apparate: Bremsen. Steuerung. Regler. Zischend, stoßweise kochend, zitternd unter der Lpannung der Energien, zieht die Maschine an und spürt das(Be- wicht. Sie spürt es— den Eindruck hat man. Alle Rohr«, Kolben, Stangen fcheinen sich zu straffen, eisern« Muskeln zu ballen und zu strecken. Weiße Tücher flattern wie Vögel auf dem Bahnsteig— dem IJelzer, dem Führer winkt kein Gruß. Sie sind im Dienst, sind elber unpersönlich eingeschaltet in dem Organismus. » Weichen und Kreuzungen knattern unter der immer schnelleren Mchrt. Die schwarz« Welt de» Abstellbahnhofe» fliegt zu beiden Seiten vorbei. Signale, Dampfwolken, Kohlenberge, Heizhäuser, Stellereien. Vorortstattonen stürzen heran und bleiben zurück. Erleuchtete Straßen klaffen sekundenlang zwischen Häuserwänden auf, ver- schwinden. Die Lokomotive klirrt. Jeder Ouadratzentimeter Eisen dekommt eine gellende Sttmme. Im Wasserstandeglase schwankt die flüssige Säule auf und ab. Die Zeiger der Manometer zittern von Zahl zu Zahl. Dl« schmale Eisenbrücke, die die Lücke zwischen Loko- ywtive und Tender schließt, wankt aus und ab, hin und her. Steht Man darauf, so hat man da» Gefühl, auf biegsamem, taumelndem Sisen durch die Nacht zu tanzen, zu schwanken. Der Heizer dreht an einem Ventil, da an einem andern, ver- Bchtet mit ruhiger Selbswerständlichkeit, al» ob er auf dem festesten Grund der Welt stünde, fortwährend Handgriffe, deren Sinn man Acht kennt und deren jeder irgendeine Wirkung hat. Der Führer blickt durch das ovale Fenster voraus in die Nacht. Draußen ordnet sich das komplizierte System der Signale zu einer Laren Zeichensprache, die das Fahrgleis sichert. Tie Signale der Nebengleise rücken, von da aus gesehen, beiseite. Sie zählen nicht. Rote Lichter schimmern al, giLhend« Punkte im Dunkel, verwandeln stch— es ist wie das Zucken eines Augenlid»— in Grün und geben vt« Strecke frei. Da schimmert ein viereckige» Schild vor der Tunnel- «tnfahrt. Es befiehlt: Pfeifen! Der Führer zieht am Ventil, ein Pfiff heult durch die Nacht. Eine Tafel, mit Zahlen und schwarzweißen Feldern bemalt, zeigt an, daß die Strecke steigt: 1; 40. Der Führer kurbelt die Steuerung nach vorn, schaltet den Regler auf mehr Dampf, öffnet den Sandstreuer, damit die Räder besser areffen, und zitternd unter dem Druck gespannter Kräfte nimmt der Zug die lange Stciaung, erreicht die Höhe. Eine Tafel meldet Fall. 1: 60. Der Führer schaltet den Dampf ab und läßt die Luft- druckbremse spielen. Rasselnd, vom Gewicht der 314 Tonnen ge- schoben, fällt der Zug in fliegender Fahrt abwärts in das„Loch". Der Zeiger am Geschwindigkeitsmesser zuckt vorwärts: SO, 60, 70, 7S Kilometer. Kleine Stattonen, spärlich erleuchtet und vereinsamt, wie vergessen in der Nacht, schreien dem vorüberdonnernden Zuge da» grelle Echo ihrer Wände und Blechdächer nach. Eiserne Brücken brüllen über schwarzen Cchlüchtcn, in denen sich schlafende Dörfer ducken. Die Lokomotive scheint auf ihren fünf Achsen zu kreiseln. lind hinterdrein stürzt die Last der 314 Tonnen auf 64 donnernden Rüdern , die Wucht der Wagen, in denen Menschen Im Licht sitzen und plaudern und lesen. Im Speisewagen Roquefort mit Beaujolai» netzen, im Schlafwagen sich zur Ruhe betten, Der Zug braust durch die Nacht. Sterne blitzen am dunklen Himmel. Plötzüch— alle» vollzieht sich in Sekunden— kurbelt der Führer die Steuerung auf rückwärts, gibt Gegendampf, ziebi die Luftdruckbremse an, gibt nach, zieht an— alles sitzt im Gefühl der Hand. Der Zeiger des Geschwindigkeitsmessers geht ruckweise auf 60. 48, 40 Kilometer zurück. Mit verminderter Fahrt knattert der Zug durch die gefährliche Weiche, die hier liegt. * Nun kommt ein Wald. Die Fichten gleiten stumm und schwarz vorbei. Der Rauch der Lokomotive zieht al» langer Schweif rück- wärt». Qualm und Dampf, vom Luftdruck zerwühlt und niedergedrückt. kocht im Tender und Führerstand und hüllt alles ein. Der Heizer wird auf anderthalb Schritt unsichtbar. Nur ab und zu. wenn er nach dem Wasserftandgla» fleht, taucht fein berußtes Gesicht aus Dampf und Dunkel in dem gelben Schein der kleinen Oellampe. Draußen zieht raumlos, wie die Ewigkeit selbst, die nächtlich« Wett vorüber. Der Saum dunkler Berge schwingt vor. dem Himmelsschimmer auf und ab. Eine tiefe, wesenlose Kluft schneidet die schlafende Welt von der Spannung in diesem sausenden Eisen- gehäiile. Der enge Führerstand, dieser kleine Raum zwischen Kohlen und Eisen und Feuer und Dampf wird zur fliegenden Scholle, auf der wir drei Menschen da» Leben davontragen im trüben Schein eines glasumschlossenen Qelflämmchens. Und wenn der Heizer die Feuerungstür öffnet, beleckt uns die rote Glut und preßt uns flammenden Atem an die Glieder. » Der Führer aber steht vor mir, mit leicht gespreizten Beinen, um sicheren Stand zu hahen: gekleidet wie zu einem kurzen Gang zum Zigarrenhändler, in schwarzer Hose und grauer Joppe, über der ein schmaler Rand des weißen Kragens schimmert. Die ge- klappte Mütze gibt seiner Gestalt etwas Lässiges, Gelockertes: er steht da, als fei es ein Sport, einen Schnellzug durch die Nacht zu führen. Aber unter dem Mützenschirm denkt eine Stirn nichts anderes als: die Strecke, sehen geschärfte Augen nichts anderes als: die Strecke. Die Hände bedienen wie sclbftdenkende Organe die Maschinerie: Regler, Umlaufhebel, Luftdruckbremse, Zusatzbremse, Lustsandstreuer, chandsandstre"�!-. Lustpumpenventil und Dampfpfeife. Das alles be- dienen die Hände, während er blickt und denkt. Und wenn man diese geschwärzten Hände im zitternden Scheine des Lämpchens han- tteren sieht und daran denkt, daß in sie das Leben aller Menschen gegeben ist, die in den hinterdrcinrasenden Wagen sitzen und mit ihren Freuden und Sorgen dahinfahren, so sieht man lange nicht» als diese Hände, nur diese Hände. Und eigentlich müßte jedesmal, wenn ein Zug am Ziele ist,«in Abgesandter der Fahrgäste zur Loko- mottve vorgebe» und dem Führer mit einem Händedruck danken, wortlos und kräftig. Denn er, der Führer, hatte aller Leben in diesen Händen und hat es gut zum Ziele geführt. Das denkt man so. Es kann ja nichts getan werden, aber wissen muß man es, daß ihm der Dank zukommt._ Wohnungsnöte in früherer Zeit. Bon Kurt Meyer-Rotermund. Hinsichtlich der Wohnunasoerhältnisse kann man(wie übri« gen» auch in manch anderer Beziehung) nicht von einer„guten" alten Zeit sprechen; sogar ein Vergleich mit unserer durch die Kriegsfolgen geschaffenen Notlage fallt noch zugunsten der Gegen- wart aus. Bei der Wohnungsmisere von heute und ehemals muß unter- schieden werden zwischen dem eigentlichen Mangel an menschlichen Behausungen und zwischen ungenügenden baulichen Zuständen. Beides bot im Mittelalter zu schweren Klagen Anlaß.--Die stolzen Burgen und die äußerlich prächtigen Patrizierhäuser, die hie und da noch aus den Tagen romantischen Rittertums oder der bürgerlichen Blüte stammen und die die Jahrhunderte überdauert haben, während zahllose andere spurlos dahingesunken sind, können uns nicht darüber täuschen, daß die Mehrzahl der Burgbewohner aus einen sehr bescheidenen, ungern iitlichen Raum beschränkt war, und daß in den städtischen Häusern bis zur Neuzeit ebenfalls jede Bequemlichkeit fehlt«, die uns heute unerläßlich erscheint. Unrein- ttchkeit und Enge, Dunkelheit und Kälte waren an der Tages-
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