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Nummer 31
Heimwelt
17. August 1922
Unterhaltungsbeilage des Vorwärts
Schwäne.
Bon Paul Dahms.
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100911
Es waren ihrer vier, zwei Schwäne und zwei Schwanenjungfern. Seit einem Jahre besaßen sie Gastrecht auf dem Stadtfee und wohnten auf der kleinen Insel einträchtig beieinander.
In dieser Zeit hatten die Schwäne ihre Absichten erkannt. Und so begannen sie den ritterlichen Kampf um die verführerische Nestruth. Wie Lanzen lagen die langen Hälse auf dem Wasser. Dann fuhren fie aufeinander los, daß die fühle Flut in mächtigen Wellen um sie herumsprigte. Mit den Schnäbeln bohrten sie tief in das Gefieder hinein, trennten und umkreisten sich, und immer von Wenn die Schwäne in anmutigen Bewegungen auf den Gee neuem stoben sie zusammen, flatschten mit den breiten Flügeln auf hinausruderten, zierlich und majestätisch, start und imposant, menn das Wasser, sträubten das Gefieder und zischten wie Nattern. Hieb ihr blendend weißes Gefieder auf der von Sonnenschein über- auf Hieb hagelte hernieder, bis Langhals ermattet den Kampf aufschütteten, glitzernden Wasserfläche wie eine einzig schön geformte gab, verfolgt von Brausekopf, der seinen Namen nicht zu unrecht Schneeflocke fich wiegte, bann mußte der Anblick jedes menschliche trug. Seine Leidenschaft war zu hellstem Born entfacht und er Auge fesseln. Die Schwäne waren sich ihrer Schönheit bewußt und ließ nicht eher locker, bis er den blindlings davon flüchtenden verachteten die übrigen beflügelten Schwimmer auf dem See. Wie Nebenbuhler an das Mühlenwehr gedrängt hatte. Hier versagte närrisch benahm sich zum Beispiel dieses gefräßige Entenvolt, feine Kraft vollends, er geriet in den Strudel, wurde widerstands. wenn es von Kindern Brosamen zugeworfen bekam. Höchst unlos mitgerissen und fand zwischen den Wasserrädern ein unrühm. liches Ende. manierlich, gegen allen guten Ton verstoßend, stürzten sich die Enten auf jedes Stüdchen, rauften sich das Gefieder und ahnten Braufekopf legte die Ruder auf die Schwanzdecke und ließ gar nicht, wie lächerlich dumm sie erschienen, wenn sie an Land sich vom Winde treiben. Wie in einer Staatsfaroffe fuhr er zu watschelten, um dort mit ihrem breiten Schnabel alles Hinge- seiner geliebten Reſtruth. Sie öffnete halb die Flügel und segelte worfene gierig, aufzufangen, einerlei, ob es Brotreste, Papier - find schweigsam. Brausekopf war die Liebenswürdigkeit selber. ihm entgegen. Um Langhals verlor er fein Wort, denn Schwäne fnäuel oder Kieselsteine waren. Einem Schwan war das ge- Er legte feinen schlanken Hals über den breiten Rücken der Angefräßige Gebaren vor aller Deffentlichkeit zuwider. Und wenn er auch innerlich anderer Meinung war, niemals hätte er Neid durch- beteten und liebkofte sie. Sie ließ alles geduldig geschehen. Er blicken lassen. Es bestand eine große Trennungslinie zwischen den warb minniglich, nestelte in ihrem Gefieder und versprach ihr ewige Schwänen und dem übrigen Wassergeflügel, das sonst noch den Als Jungfer Liebemich das sah, schlug sie sich in das Rohr der Treue. Da erwiderte sie feine Liebe und beide feierten Hochzeit. See bevölkerte. Da waren bunkschillernde Enten, fleine flinke Taucherhühnchen und ritterliche Haubentaucher, die sich auf ihren den kommenden Tagen das Liebkosen der jungen Eheleute beob fleinen Insel und trauerte Langhals nach. Jedesmal, wenn sie an Kopfschmud offensichtlich auch viel einbildeten. Aber gegen die Schwäne tamen sie nicht auf. achtete, wie sie die Hälse zärtlich ineinander schlangen oder die denten. Sie beneidete Neftruth um das innige Eheleben. Als weichen Brüfte gegeneinander drückten, mußte fie an Langhals das Pärchen dann Schiff, Rohr, Wurzeln und Halmblätter zusammentrug und die Schwanin die Dunen der Unterbruft sich ausrupfte, ein halbes Dugend Schwaneneier darauf bettete und in vormütterlicher Sorgfalt zu brüten begann, da war die Einsame un
Im Vollbewußtsein ihrer Majestät bewahrten die Schwäne stets Würde und Haltung. Dieses stolze und vornehme Geschlecht suchte auf der kleinen Insel die nächtliche Ruhestatt erst auf, wenn niemand der Leute mehr am Ufer war. Es wäre auch dahin gewesen mit ihrer anmutsvollen Erscheinung, wenn jemand gefehen hätte, wie sie sich auf dem Lande unbeholfen und unschicklich vorwärts bewegten. Ein Schwan aber will nicht unschicklich erscheinen. Er ist auf dem Wasser der Aristokrat, der auf Tradition hält. Was wußten denn die blöden Enten, welche die Schwäne hochmütig, dünkelhaft und aufgeblasen bezeichneten, von ihrer Vorgeschichte.
Schwäne galten schon im Altertum als das Sinnbild der Anmut, sie waren der Aphrodite zugefellt und durften sie auf einer Schildkrötenschale über das Meer fahren. Und reizvoll waren die Geschichten, die den Schwan mit der schönen sündigen Helena und mit der zärtlichen duldsamen Leda verwoben.
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In der Liebe ist der Schwan stürmisch und mutig und zärt lich. Und unberechenbar. Wie bei nun, wie bei anderen Geschöpfen, die um die Liebe kämpfen. Es brauchen nicht immer Menschen zu sein.
Die Schwäne Braufetopf und Langhals buhlten auf dem Stadtfee um die Liebe der Schwanenjungfer Neftruth. Die andere trug den poetischen und anziehenden Namen Liebemich. Sie ward aber menig umworben, weil es Langhals auf Neftruth abgesehen hatte und Brausekopf, der unglaublich egoistisch, eitel und zänkisch, boshaft und fückisch war, als der Stärkerei von bestechendem Aeußeren das Minnefeld allein behaupten wollte. Neftruth hatte einen langen, zarten und weichen, einen geradezu klassischen Schwanenhals wie keine andere ihres Geschlechts. In manchen Nächten hatte Brausetopf schon von dem innigen Ineinanderfchlin. gen der Hälse geträumt. Es soll auch Frauenarme geben, die wit Schwanenhälse, lang, zart und weich, die klassisch sind und zu Träumen anregen. Natürlich hatte auch Langhals seine Träume. Was sind aber Träume, wenn sie niemals Wirklichkeit werden. Und wozu gibt es eine Balzzeit!
Und sie tam, als im Borfrühling die Sonne die legten Eisflächen mürbe machte und die Gräser neugierig ihre Spigen aus dem ferrand stedten.
tröstlich.
Brut in eifersüchtiger Sorge die Gattin und das Nest beschützt und Im Naturgesetz steht vermerkt, daß der Schwan während der fein anderes Lebewesen in der Nähe duldet. Gefeße aber sind da, daß sie übertreten werden. Gagt man. Niemand darf es missen. und sicher dachte auch der Herr Schwan, daß alles erlaubt sei, wenn man sich nicht triegen läßt. Im übrigen hielt er es mit Schopenhauer. Bei ihm war offenbar Mitleid die Grundlage der Moral. Weiter reichte sein Denkvermögen nicht.
Im Sichtbereiche seiner Eheliebsten zeigte sich der Schwan als Muster eines Ehegatten. Wenn sich die unbemannte Schwanenjungfer Liebemich in die Nähe des Niftplages wagte, fo ruderte der Herr Gemahl nicht etwa in gemessener Haltung zu ihr hinüber, um sich mit einem Schwanenbüdling höflichst jede Annäherung zu ver bitten, weil er ein anständiger Mann sei, sondern er trieb die Jungfer unter heftigen Flügelschlägen davon. Das war er seiner Ehre und seiner Gattin schuldig. Das Schwanenfräulein aber tehrte von Zeit zu Zeit immer wieder zurück und warf zu Brausekopf zärtlich, vielleicht sogar verlangende Blicke hinüber. Eie war eben auch nur ein Weib, ein Schwanenweib. Und Brausekopf enr Mann. ein Schwanenmann!
Er jagte sie darum von neuem unter boshaftem Zischen davon und verfolgte sie weit auf den See hinaus. Die brütende Schwanin dachte: er ist doch ein treuer aufmerksamer Gatte. Als sich Brausetopf mit Jungfer Liebemich unbeobachtet glaubte, fragte er:„ Was wünschen Sie, meine Gnädigste."„ Sie sind sehr ungalant, mein lieber Herr Brausekopf," antwortete Liebemich mit einer Gebärde, die nicht mißzuverstehen war. Ihr weißer Hals bildete ein schöngeformtes Fragezeichen, und der junge Gatte verspürte ihre jungfräulichen Reize.
,, Sie haben Langhals getötet...Und nun?" Bin ich allein." Da regte sich in Brausekopf das Mitleid. Und Mitleid ist