Nummer 35 � 14. September 1922 _ Heunw-� AntsrhaltunHKbsilaHe öes vorwärts Notflagge. Von Hans Fr. Blunck. Der Ewer lag mit dem Siemen in jeder Gischt. Die über- geschlagene Ladung drückte das Schiff vornüber. Notflaggen knat- terten an seinem kahlen Großmast und am Fockstumpf. Der Wind pflückte an den Leinwandfetzen und trieb das Fahr- zeug stößig auf die Elbbucht zu. Er gab nicht mehr viel drum, er legt es mit denen an, die ihm die See bestreiten. Um die lecke Stein- ladung war es doch in einer dieser Stunden geschehen. Der Schiffer am Steuer spürte es wohl. Er starrte ohne viel Hoffnung mit übernächtigen Augen in die einförmige Fläche. In seiner tauben Müdigkeit war ihm mitunter, als führe der Ewer längst jenseits der Wirklichkeit. Um ihn war's nicht schade, wllrs es schon so weit. Leid tat's ihm um feines Bruders Weib, das vor ihm an der Luke hockte, die Arme fest um die Hölzer geschlungen. Die Notflagge hing über Hinnerk Neels. Fünf Kriegswinier hatte er verzweifelt gegen die Not über seinem Land gekämpft. Erst zum Ende, als sein Weib verhungerte, war er zusammengebrochen. Von da ab mar das Leben ihm ein langsames Verdämmern ge- worden, das an einem dieser Tage zu Ende gehen mußte: ob jetzt, ob später, er fragte wenig danach. Der Himmel lag wie eine graue! Steppe tief überm Wasser, die Brecher, die vorm Wind näher! kamen, schienen aus ihm niederzustürzen. Mitunter sprangen ein paar helle Wege dazwischen auf, aus denen schäumende Böen übers Meer stürzten. Dann neigte sich der Ewer tiefer vornüber. Der Schiffer fiel wieder in fieberndes Träumen, das die Cr- fchöpfung der Nacht in ihm weckte. Einmal dachte er an die, die vor ihm kauerte. War feines Bruders Witwe, hatte in Hamburg Arbeit suchen wollen. Sie halte die Nacht über mit ihm wie ein Tier um ihr Leben gekämpft. Jetzt, da der Sturm nachgelassen hatte, war sie zusammengebrochen. Er empfand ein tiefes Mitleid nüt ihr, wagte nicht, sie hinunterzuschicken, weil niemand wußte, wie rasch es mit dem Schiffe zu Ende gehen würde. Der halbwachs Schlaf kam wieder über Neels und mit ihm eine entspannende Nachgiebigkeit. Wie eine Erlösung schien es ihm, wenn seine Einsamkeit mit der Tiefe eins würde. Er fühlte keinen Zwang, zu bleiben, eine bleierne Müdigkeit dämpfte seinen Willen. Im Westen stieg das Gewölk dunkler auf, der Himmel zerriß i und zerlappte, das Rollen der See hallte von oben wieder und schlug dumpf zur Ferne. Die Wogen brachen härter gegen das Heck, einmal leckte ein Spritzer hoch in die Notflaggen der Focr hinein. Die Frau war plötzlich ausgefahren, riß einen Augenblick verzweifelt an den Stricken, mit denen sie sich angebunden hatte und begriss dann, wo sie war. Mühselig, mit halb erstorbenen Gliedern, löste sie sich, richtete sich hoch und stierte über die graue Wüste, auf der kein Segel sichtbar war. Ihr Blick blieb fragend auf i)inncrk Neels hasten. Der sah an ihr. vorbei, sie störte ihn in seinen dämmernden Gedanken. Da kroch sie langsam an der Luke entlang zu ihm ans Steuer. „Wie weit ist es?" fragte sie. Er nickte nach vorn, der Bug tauchte tiefer, warf im Aufspringen einen hohen Gischtflug übers Deck und rollte wieder in die nächste Woge hinein. Einmal schien] es, als wollte eine Ohnmacht über die Frau kommen. Aber ehe. der Schiffer zupackte, hatte sie selbst ein schlingerndes Tau ergriffen: und um sich geschlungen. Ihr Lebenswille rührte Neels. Cr wußte, die, die zu ihm kam, kämpfte gegen das Unvermeidliche, störte ihn, der in dämmernder Müdigkeit auf das Schicksal wartete.„Hilft uns nichts," dachte er dann und biß die Zähne zusammen.„Es geht aufs Ende." Aber das Weib ward wach und das Entsetzen mit ihr. Hilfesuchend starrte sie in die Weite. Ihre Kraft schien mit der Furcht zu wachsen, ihre Augen klüftcten durch die tiefhängenden Wolken, bohrten in die verhängten Weiten. Sie war zu ihm gekrochen. Hinnerk Neels fühlte, wie sie sich gegen ihn stemmte, er sah ihre Verzweiflung, die über die See nacy Hilf« schrie. Etwas wühlte in ihm, vielleicht war es die Nacht, die sie füreinander gekämpft hatten. Der Schiffer sah dumpf vor sich hin. Die Frau reckte sich, als wollte sie ihm helfen, das Ruder zu halten. Wußte sie nicht, daß es zu Ende ging? Er sah die Sturm- böen im Rücken näherkommen, wie dunkle Tücher schleppten die Regen hinter ihnen her. Kälte trieb voran, er suhlte sie schüttelnd in seinem Rücken stehen. Neels wußte, irgendwann in Augen- blicken oder nach einer Weile, mußten die Brecher das Schiff quer werfen und die Luken vollschlagen. Langsam spürte er, wie die Er- schöpsung als Dämmerung, die er nicht mehr durchdringen konnte, sich wieder um ihn wand. Einmal fuhr er auf. Die Frau hatte das 5)olz in seiner Hand gepackt, sie schrie ihn an, er verstand es nicht. Da wies sie rück- wärts. In den Böen querab stand gespenstisch ein grauer Leib, eine blasse Masse von Segeln, die oben in den Regen tauchten. Der Schiffer sah stumpf, ungläubig hinüber, wollte etwas sagen und taumelte. Der Regen war rasch, deckte wieder alles ein. Aber das Weib packte und schüttelte ihn und gab nich�nach, ihre Finger krallten sich ir> seine Schultern, schrill schrie sie ihn an. Der Schiffer sah noch einmal ungläubig hinüber, der Fremde kam wieder als grauer Schatten. Da verstand der Schiffer, daß es Wirklichkeit wurde. Er blickte die Frau erstaunt an, als käme das Unbegreif- liche von ihr und sah, daß der große Segler rascher zu fahren schien als die dunklen Sturmwolken, die noch im Westen umein- ander kreisten. Er kämpfte um die Betäubung um sich her, wollte überlegen, aber seine Knie schwankten. Da knotete das Weib schon die Stricke auf, die ihn hielten, stieß ihn, schrie, wies zum Notsegel und packte das Ruder mit beiden Händen. Er begriff, was sie von ihm wollte, fühlte, wie sein Kopf kreiste und kroch doch über die Luke, glaubte, jeden Augenblick müsse ihn ein Brecher über Bord spülen. Aber während er das Segel packte, der Besan zu schlingern begann und mit den gelösten Tauen die Leinwand von oben stürzte, war es, als zwänge ein fremder Befehl ihn körperlich, als bewegie er sich für das Weib, mit der Kraft der Fäuste, mit der sie ihn ge- weckt hatte. Das Schiff begann hilfloser zu treiben, Neels blickte zum Steuer zurück, hörte die Schreie der Frau, er sah, wie der fremde graue Rumpf ihnen nahe war, sah, wie er unklar wurde und dann, nach einer Weile, wie ein tanzendes Boot auf den Gischtköpfen stand. Da kam es auch über ihn, daß das Leben noch einmal in ihm ausfieberte, er arbeitete sich mit stoßender Brust zurück, schlang die Stricke um und wartete Körper an Körper mit dem Weib auf das dunkle Boot, das sich näher und näher arbeitete. Und während er sich gegen sie lehnte, spürte er dumpf, wie ein Trieb zum Leben von ihr ausströmte. Der Ewer stampfte und schlingerte unier den Brechern, das Deck tauchte schräg vornüber, hob sich und bog sich wieder voll in den brechenden Gischt. Es kann jeden Augenblick aus sein, dachte Hinnerk Neels noch einmal, aber er fühlte, wie die Angst von der andern zu ihm kroch, die Angst um ihrer beider Leben. Ein Tau flog herüber, Schreie kamen mit der Gischt. Er lockerte die Stricke, begann zurückzufchreien und dann, einen Augenblick, stieß der Wille zu leben, gewaltsam in ihm hoch. Wie ein Baum reckte sich der Schiffer, faßte den Leib der Frau und warf sich, als das Boot mit einer der Wellen längsseit kam, mit einem gewaltigen Satz drüben unter die Ruderer. Er schlug schwer auf, hob sich wieder, ihm war, als müsse er zurück, als sei er nur aufgelebt, um die zu retten, die das Schiff gerufen hatte. Aber er fühlte, daß ihre Arme sich fest um ihn klammerten, er sah, wie Wogen und Gischt drüben um den sinkenden Ewer brandeten. Und er fühlte ein neues dämmerndes Bewußtsein in sich und stöhnte tief und glücklich, dem Leben enl- gegen,
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