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Summer 9

Has no s 1. März 1923

Heimwelt

Unterhaltungsbeilage des Vorwärts

Machtspruch.

Laßt uns nur ins Blaue fchweifen;

Scheltet nur, wie weit wir's treiben. Aber ein Band follte bleiben: Jeben, wie er strebt, begreifen.

Richard Dehmel .

Ebbe Wulfs Jung.

Bon Hans Fr. Blund.

Thies Möller, der Wattenarbeiter, pacte langjam Draht und Art zusammen, hing die dicken, gelb geschälten Pfähle, die er von der Arbeit übrig behalten hatte, über die Schulter und fah noch einmal prüfend über die ausgebefferten Buhnen, die in dunklen Etreifen weit über den graublonen Schlick liefen. Dann holte er bedächtig feine furze Pfeife aus der Nocktasche, stopfte fie, riß ein Streichholz an und sah einen Augenblick in die hell auffladernde Flamme in feiner hohlen Hand. Als die Pfeife brannte, wandte er sich und stapfte mit schweren Schritten durchs Watt dem Deich zu, der fern wie eine dunkle Welle vor dem Land lag.

Bom Meer, das in grauen Strichen fern unter der Kimmung lauerte, wehien Frühlingsböen, herb hoch, doch lenzfroh und flügge wie junge Möwen. Ein einfamer, versonnener Mann war der Arbeiter. Einjam wie sein Werk mitten in der braunen, unendlichen Weite. Ein paar Fischerfrauen, die mit ihren hohen Kiepen am Briel entlang wanderten und tie Wasser, die täglich stiegen und fielen, waren feine einzigen Nachbarn geblieben.

Thies Möller fchaute auf. Bom Briel war ein helles Lachen zu ihm herübergedrungen. Scheu blickte er sich um und fah Hans Wulf und hinter ihm Friz Lassen, die mutterseelenallein nach Brunskoog liefen.

Er drohte ihnen: Bohin?"

" Na Hus," lachte Hans Wulf und sprang wie ein Wiefel mit nadien Füßen durch Pfüßen und Rinnen, daß der Größere Mühe hatte zu folgen.

" Baß op, Hans, de Tide( Flut) tommt!" rief der Arbeiter war­nend, aber der Junge war längst vorbei und wirbelte im Baufen mit beiden Armen durch die Luft. als spiele er mit dem Wind.

Ebbe Wulfs Jung! Thies Möllers Gedanken flogen zehn Jahre zurüd, damals, als er als Bursch zu den Soldaten sollte. Zwanzig Jahre mag er gewesen sein, und Ebbe Wulf war achtzehn. Und Thies Möller und Ebbe Wulf waren ausgemacht im Dorf bei den Leuten und jeder dachte, daß es ein schwerer Abschied würde. Aber tie Leute hatten zuviel gesprochen und zuviel geneckt, und feiner von beiden wollte dem andern das erste ernste Wort geben und ihm zeigen, wie lieb er ihm sei.

Der Wattenarbeiter schritt schwer über den Schlick. Aus Rillen und Lachen wuchs das Wasser heimlich unter ihm, als strömte es aus der Erde empor. Möwen segelten hoch, und ihr verwunschener König fchrie ungefühnt vor Reid und Qual. Ein warmer Regen ⚫trieb im West, der pfeifend in kurzen Böen vom Meer auffuhr. Thies Möller dachte an die Jahre.

Buffs Haus, und in seinen Gedanken war er statt des anderen, der sie freite, war der Jung sein.

Thies Möller recte sich, drehte sich um und starrte mit weilen Augen auf das Watt. Die Sorne mar gejunten, und fern vom Meer trodjen braune, dunkle Wolken auf. Fritz Lassen lief unruhig den Briel entlang, bem Land zu. Einen Augenblic starrte ber Ar­beiter über die Welte. Dann brach ein gurgelnder Ton: Der Jung!" aus seinem Mund. In wenigen Schritten war er am Wasser. Wo ist Hans?" schrie er den Jungen an.

Der blickte ängstlich auf. Idk weet nich, he is alleen wider­Topen." Thies Möller fab den anderen besinnungslos an, dann fuhr cine zitternde Angst in ihm auf. Mit einem Ruck wandte er sich, fette in langen Sprüngen am Briel entlang über Rinnen und Lachen und rannte in das weite, braune Batt zurück, dahin, wohin er Hans Gulf zuletzt gefehen hatte. Das Wasser wuchs unter thm und schob vom Priel aus weiße Schaumstreifen über ben geriffellen Schlid. Möwen flogen trächzend auf und suchten Schuh vor dem sinkenden Abend.

Thies Möller rannte, als gelte es sein Leben. Ihm fiel jäh ein, daß der Sompriel felt drei Tagen einen neuen Weg weiter ab den Brunskoog wählte, der tief und reißend war, daß faun einer sich barüber wagen durfte.

Bom Meer kaum langsam ein dichter Dunst. Der troch heran wie ein fables Tier ohne Augen, das tausendfach wogende Arme ausstreckte und mit ihnen Flut und Land grau und endlos um schlang. Die Möwen flogen zum Land, und der Wind lag lautlos auf den Watten, als fürchte er sich.

Thies Möller irrt, tappt verzweifelt durch die wachsende Flut und sucht einen Weg durch den Rebel. Dann, als er am Brief mit feuchendem Atem entlanggelaufen war, ohne jemanden zu finden, blieb er plötzlich stehen und schrie laut auf vor Qual und Angst umi Ebbe Wulfs Jung, daß es gellend über die Watten schallte und ben Abend zerriß.

Fern, jenseits des Briels tam eine dünne Knabenstimme, ängst­lich, als wagte sie nicht, den Nebel zu wecken. Da sprang Thies Möller in die aufspritzende Flut, watete bis an die Bruft durchs Waffer, bis langsam der Boden stieg und in weite, überschwemmie Wattenfelder verlief.

Thies, Thies," der Junge hing fich zitternd an ihn. Seine Glieder bebten, willenlos ließ er sich auf den Arm nehmen.

Langjam suchte Thies Möller feinen Weg durch die Flut zurück. Zwei alte, halbgefüllte Briele, die er quer durchschritt, gaben ihm Lie Richtung nach Brunstoog. Dann verlor fich wieder alles in einer wachsenden, einfarbenen Wasserfläche, in der er fich mühsan durchzuarbeiten suchte. Aber der Rebel wurde dichter, braungelb, und das Wasser um sein Knie wurde unruhig, fing an, schaumige Wellen zu werfen, spritzte und pifchtete ringsum auf unter seinen Schritten. Thies Möllers Bruft ging schwer. Er feuchte, als brenne der Nebel in seiner Brust. Mitunter stolperte er, raffte sich wieder auf und suchte im Grau weithin nach Begen und Händen, die ihm helfen könnten. Aber unbarmherzig quoll das Dämmern von allen Seiten auf ihn ein, und ihm war, als müßte er erstiden unter den dichten Leitern, die ihn rings umdrängten und sich schwer auf ihn und seine Bruft legten.

Da wuchs das Waffer wieder unter seinen Schritten. Ihm war, als neigte sich der Boden langfam, als griffe die Flut gierig und jchadenfroh nach seiner Rehle. Thies Möller blieb stehen und schrie Ebbe Wulf war verheiratet, als er wiederkam, und hatte ihn den einen Namen um Hilfe, als müßte der ihn erlösen von einer Last. angesehen wie einen Fremden, so lange war er fort gewesen und Der Junge auf seinem Arm griff nach seinen Backen, als wollte so müde fam er zurück. Da war sein Troßz tiefer gegangen bis ins er die streicheln. Herz und er war noch einmal hinausgezogen in die Welt. Und Ebbe Wulf war Wilfrau, als er wiederkam, und ihr Junge spielte um ihre Knie. Aber der Troß war der alte geblieben bei beiden. es nicht zulaffen, um des Jungen, um des Beibes willen. Da hörte Gie grüßten sich kaum und saben sich feindselig an, wenn sie sich trafen.

Ein gelber Widerschein brach langsam vom Meer. Die Tropfen begannen zu blinken, wie splitternde Steine zu fallen. Eine riesige Lohe schlug dunkelrot auf im Westen und verbrämte Watt und Lachen mit brennenden Farben. Die Wolfen schienen tief zu sinten, wurden bunt im Glanz der sterbenden Sonne und ließen rötliche. Nebel weithin über die Fläche sinken.

Thies Möller fah sich um und wunderte sich, daß der Abend ber gleiche war wie damals, als er aus seiner Heimat sollte. Und er vergaß die Zeit, die verronnen war, und lief mit seinen Gedanken noch einmal durch den dämmernden Abend über den Deich zu Ebbe

Mudder, Mudder," sagte er leise und begann zu wimmern. Thies Möller war, ais dürfte er nicht vergehen, als dürfte Gott

er, wie weit rechts hinaus der Schlepper, der vor Hellmort lag und beim Nebel feine Einfahrt fand, laut und warnend pfiff, und wußte, daß vor ihm Brunskoog liegen mußte, und daß er mitten im alten Priel war. Mit lehter Kraft beugte er sich vor, drängte gegen die Strömung, suchte Halt on dem gleitenden Sande unter seinen Füßen und reckte den Leib aus dem Wasser, das gegen seine Brust stieg. Bis der Boden wieder näher wurde, und die Flut niedriger und aus dem Nebel ein zitterndes Feuer, das Lotfenfeuer von Brunskoog, auftauchte.

Da riß Thies Möller noch einmal das Kind an sich. Ihm war, als müßte er jubeln, laut auffubein. Lachend schrie er in den Rebel hinein: Komm, Jung, nu wüllt wi to Mudder."