Nummer 18 4. Mai 1423 _ öx� �lnterhaltuntzsbeilatze öes Torwarts > <« Der alte Krug. Von FrltzInngnitsch. Er ist ein Stück von der Straße aus hineingebaut. Wieviel Jahre auf seinem Schindeldache ruhen, weiß ich nicht. Ich Hab ihn sonst kaum angesehen. Seitdem mir Mutter Kerker von ihm erzählt hat, Hab ich eine besondere Liebe zu ihm. Ich muß immer mit jener Verehrung zu ihm hinübersehen, mit der wir Jungen das Alter, be- sonders das verdienstvolle Alter, betrachten sollen. „Ja, det war friha unsa Kruch... ach, wissen Se.. sagt Mutter Kerker, und ihr Blick geht in die Ferne und hat den Glanz der Erinnerung. Der wortkargen Frau geht beim Erzählen das fierz auf. Dinge und Leben malt sie so wirklich, als waren sie gestern. Und doch kann ich's mir kaum vorstellen... der.Saal" war » groß— ja, so groß eben, wie Büdnerstuben auf dem Lande sind. illle acht Wochen war Tanz. Auf ein paar Brettern an der Wand standen die Schnapsflaschen, ein Tisch in der Ecke für den Wirt— vi« Schenke war fertig. Die beiden kleinen Holztische und die vier klapperigen Stühle waren rausgeräumt. Es mußte doch Platz sein, der Kümmel mit Kirsch wurde schnell im Stehen getrunken. Der älteste Bursche war der Tanzmeister, ein Kreideoiereck auf dem ge- scheuerten Fußboden war schnell gezogen. Die Musik machte ein Fachmann, ein Pfiffiger auf der Harmonika, manchmal kam auch der Nachtwächter mit der Fiedel. Da» Repertoire war nicht groß, man kannte die Lieder. Das war schön. Die Mädchen sangen so gern mit, und die Burschen pfiffen dazu. Dn war schon Rhythmus dabei, das ging nur so. Die Mädcken wurden rot, und der Kirsch macht« auch warm. Da zogen die Burschen die Jacken aus, warum auch nicht.„Aber uffsepaßt wurde, det kann ick Ihn' sagen..." Immer drei Paare tns Kreideviereck, jede» erst wieder,„wenn'» die Reih cum war..." Di« anderen standen wartend und sehnsüchtig auf der Schwelle oder im Flur, oder sie hockten aus dem Kellerhals im Garten und kühlten sich ab: die Burschen rauchten dabei eine richtige Dreier- zigarre. Kam mal eine gerade voin Abendmelken, nacktbeinig mit Holzpantinen, dann konnte sie schnell einen mitdrehen.„Et i» schonst um de fufzig her,..." meint Mutter Kerker noch und nickt wehmütig. Das ist Jugenderinnerung und Werturteil über die neue Zelt zugleich. Der alte Krug kriegte dann Konkurrenz. Doppelte sogar. Zwei „Gasthäuser" machten sich auf. Der alte Krug war vergessen. Sein Nimbus n>ar dahin. Er tat. was das beste war, er ging ein. Ein paar Jahre hat er leer gestanden. Dann wurde er Gemeindehaus. Hin und wieder hockte ein mickriges Männlein oder Weiblein in seinen armseligen Kämmerchen und wartete auf den Sterbetag— vielleicht gerade früher seine Treusten, Lustigsten... Dann stand er wieder leer. Im Kriege besann man sich auf ihn, wie aus so vieles. Er wurde Gefangenenkager. Eines Tages lagen ein paar Militärbettstellen und Strohsäcke vor seiner Tür. Er bekam Spinnennetze aus Stachel- draht vor die Fenster und sah sehr wütend aus. In die große Stube kamen die Gefangenen, in die kleine Kammer etablierte sich ein Land- sturmmann zum Durchhalten. Er pflanzte Kohl auf den paar Quadratmetern vor der Tür, ließ ein paar Hühner laufen und hamsterte sonstwie für die Seinen in der hungernden Stadt, er transportierte seine Gefangenen morgens mit geschultertem Gewehr auf die Bauernfelder und brachte sie am Abend ebenso gemächlich wieder zurück. Nach dem Essen saßen sie vor dem 5iause, der Kosak, der Sibirier, der Pole, später noch ein junger Franzose dazu. Sie schnitzten dann au» weißem duftigen Kiesernholze ihre Sächelchen und sangen dabei ihre traurigen, leisen Lieder. Die Bauernmädchen waren zu stolz, um offen und neugierig hinzusehen, aber ein paar Mal mußten sie.schon vorbeigehen— es waren doch eben Männer, und was für welche, kräftige, braune Kerle. Als der Krieg verloren war, konnte der Landsturinmann nach Hause gehen: fast tat es ihm ein wenig leid. Den Rüsten nicht. Als die Heimkehrer da waren und die Wohnungsnot, bekam der alte Krug neue Gäste. Er war erstaunt und beunruhigt. Die Ratten unter den Dielen auch Es ging das Ausmisten los. Vater kannte das noch vom Felde der. Die Frauen schimpften, die Flachsköpfe grölten. Die Leutewohnungen im Gut sollten ja bald fertig wer- den.— Es war nur wieder ein Uebergang... Neulich bin ich wieder beim alten Krug vorbeigekommen. Ja, was war das? Ein Wunder? Hier mitten in unserem vergessenen Dorfe, zu dem nur selten ein gerissener Aufkäufer den Weg findet? Es geschehen ja im Frühling manchmal Wunder. Und um Pfingsten herum besonders. Sollte etwa...? Nein, wirtlich, das war der alte Krug nicht mehr... Jungfräulich glatt waren die alten, rissigen Wände, ein paar Mörtelkleckse hatten ihr Bestes getan. Und der Pinsel auch. Was muß auch nicht heute noch so ein Pinsel alles reparieren. Aber hier hatte er es wirklich gut gemeint. Und Ge- schmack hatte er auch gehabt: himmelblau die Wände, schokoladen- braun die Fensterkreuze. Wie die Scheiben glänzten, und die gold- gelben Strohflicken auf dem moosgrünen Schindeldache auch. Sogar der Zaun war geflickt und schützte stolz seine Pfingstrosen, Iris und Stiefmütterchen vor den herumlungernden Dorfkötern, die sich in der Dämmerung immer hier trafen. Ja, das war ein Bild, wie es die Jungen in der Schulstube mit ihren Wastersarben ins Zeichenheft tuschen. Ganz schüchtern und beklommen bin ich um alle vier Wände herumgegangen. Wenn ich nur wüßte, was das da am Giebel ist? Ach so, ich weiß schon... Wasser tut's freilich, meinte der Alte und reichte nun doch noch mit dem blauen Rest im Zimmer. „Schäme dich," grollte Petrus , und sein Frühlingsregen wusch lange helle Streifen hinein in den frischen Malerhimmel, wie wenn blanke Tränen über Kinderbacken kullern. So sieht der Giebel immer ein bißchen verweint aus, aber es ist ja nur ein Giebel. Und er wird sich trösten, die Sonne bescheint auch ihn. „Nu sind de Flüchtlinge ooch oll Widder raus," sagte einmal Mutter Kerker zu mir,„de armen Lüde, wo nu widder hin: man weeß nich, wie jut ma's hat..."„Wat aus den alten Kruch jetz wird? Ach, wissen Se, ma redt so allahand..." Im Dorfe sprechen sie von einer Siedelung. Es ist eine neue Zeit. Ein Witziger blinzelt zum alten Krug hinüber. Weiß man's?? Junge Herzen in der Enge hoffen auf eigenes Glück. Ja, es ist eine neue Zeit. Und der Frühling ist auch wieder da. Nervofltät. Bon Wilhelm Lichtenberg. „Sprechen Sie doch nicht so laut— das macht nstch nervös!" „Stellen Sie sich doch nicht immer so dicht vor mich— da» macht mich nervösl" „Schlürfen Sie Ihren Kaffee nicht— das macht mich..." „Tragen Sie nicht diese Krawatte— das macht..." „Lächeln Sie doch nicht immer— das.. Ach, tausend und aber tausend Dinge gibt es, welche die Unleid- lichen. Unausstehlichen„nervös" machen und wenn sie gerade wollen, dann können es noch zehntausend beliebige Ding« mehr sein. Man kann sich gar nicht vorstellen, was einen unausstehlichen Menschen alles nervös machen kann und weil man es nie vorher wissen kann, gerade deshalb werden diese Menschen sich selbst und den andern zur ständigen Qual! Daß sie unausstehlich sind, wollen sie nicht zugeben. Also sind sie— nervös... Das soll ihnen Achtung verschaffen, einen Aus- nahmezustand, der ihnen sonst nicht zukäme, das Recht, auf Kosten einer falsch angebrachten Gutmütigkeit, über andere zu herrschen, sie mit ihren Launen zu tyrannisieren. Denn, wo geben sie sich„nervös"— diese Guten? Doch nie- mals dort, wo es ihnen schaden könntet Immer nur dort, wo sie, kraft ihrer sonstigen Lebensstellung, ein Ucbergewicht haben und nicht fürchten müssen, sich unleidlich zu machen. Oder dort, wo eben nichts mehr daran liegt, unmöglich zu sein, weil die Partner nicht die Macht oder nicht die Kraft besitzen, sich gehörig zur Wehr zu setzen. Also— im Restaurant, in der Eisenbahn, im Theater: im Amt— wenn es sich um Untergebene handelt— und in der Familie... O. in der Familie! Die bürgerlichen Ehemänner sind alle nervös! Schrecklich nervös. Im Leben find sie dann manchmal die liebenswürdigsten Menschen. Aber wenn sie die Tür ihres Heims aufklinken, dann kriegen sie es mit den Nerven. Irgendein bißchen Galle hat jeder Menjch— auch der Sanftmütigst«— und irgendwo will er doch auch was für seine Galle haben. In der Familie ist's am be- quemften. Die Gattin meint, es müsse so sei», rveil doch alle Ehe-
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