Nummer 20
Heimweh
17. Mm 1023
ilnterhaltuntzsbeilatze öss vorwärts- � yr* �
Der weg. Von Ernst Preczang. Nebel ballten sich und kreisten. Weltmateri« glüht« auf und feiert« Hochzeit mit dem Allweltgeist. Flüssiges Erz schwang durch den Raum. Ein Stern ward geboren. 1km ihn das große, finstere Nichts. Flammendes Feuer im eisigen Meere der Dunkelheit. Rinde erstarrte. Rinde brach ein. Wasser fluteten. Land tauchte empor. Schollen türmten sich. Zacken und Schroffen bauten Gebirge. Weltgeist enlflüchtet« dem Erz, stieg in glutbrodelnde Tief«. Tote Hänge trieben ziellos auf flüssigem Feuer. Finsternis baute Eis. Gletscherberg« begruben den Stern. In der Tief« brannte die Flamme. Auf und ab. Jahrtausends. Jahrmillionen. Ab und auf. Sonn« schmolz Gletschergebirge. Allweltgeist befruchtet« das Meer, vermählt« sich dem Staube. Urschleim begann sich zu regen. Grüne Halme sproßten. Leben ward geboren. Leben in wallenden Fluten, Leben auf toter Rinde. Sonn« lockte und rief aus strahlender Höhe. Sehnsucht schwang auf in Halm und Amöbe: zu wachsen, zu zeugen. Welken und Sterben. Gebären und Auferstehn. Auferstehn in neuer Gestalt. Größer, schöner, gewaltiger. Jahrmillionen. Auf und ab. Schöpfung, Vernichtung, Neu- »erden. Rastloser Trieb zur Vollendung. Blume und Aehre ward. Strauch und Baum. Fisch und Vogel und Tier. Aus dem Tiere stieg der Mensch. Allweltgeist lächelte froh: Du sollst Ich werden. Baute sich eine labyrinthische Höhle in ihm, versteckt« sich im Hirn. Eisen floß ins Blut, Flamm« suchte ihren Herd im Herzen. Sehnsucht ist im Winde, Sehnsucht im Baum: die gewaltigste Sehnsucht ist im Menschen. Schöpfersehnsucht: Dunkles zu erhellen, Kaltes zu erwärmen, Totes zu erwecken. Leblos ruhte das Erz. Ein Stein ward Hammer. Zwei Steine wurden Funke. Aus der Hand des Menschen rann das Feuer. Iahrzehntaufende....-. Spaten umwühlten die Schollen der Erde. Spitzhacken dröhnten im toten Gestein. Werde Leben! grollte der Mensch. Feuer und Erz ward Eisen. Wasser ward Dampf. Dampf Bewegung. Eisenblöcke streckten sich zu schlankem, blinkendem Weg fauchen- den Maschinen. Schwimmende Häuser durchfurchen sicher den Ozean. Hochöfen flammen. Kräne klirren am Hafen. Von Eisen- geräusch donnern die Maschinenhallen. Allweltgeist vermählt« sich der schaffenden Hand. Idee und Materie fanden sich wieder. Tausendfältige Wunderwerk« zeugten sie. Ruhloser Schöpfer wardst du, Mensch. » Brücken von deiner Hand schwingen sich weit über den Fluß. Metallene Kuppeln ragen hoch in die Sonne. Eiserne Türme spießen in Wolken hinauf. Leblosem Stoffe gabst du gigantische Form. Brücke du selber vom Tode zum Leben. Selber Tempelkuppel, darunter Andacht um letzte Erlösung betet. Turm der Sehnsucht du selber: über Wolken hinauszuragen. Klar in der Sonne zu stehn. Ganz freier Weltgeist zu fein. Schöpfer nur noch und nicht mehr Tier.
Schneckenbrautfahrt. Von PaulDahms. Eine Weinbergschnecke zog auf schmalem feuchten Pfade, der von der Erde erwärmt wurde, gemächlich ihr« Bahn. Sie kümmerte sich nicht um Lattich und Salat, der zu beiden Seiten den Weg säumte. Es schien, als wollt» sie nach erquickender Regennacht den schönen Maimorgen auf einer behaglichen Wanderung ganz aus. kosten. In bewundernswerter Ergebenheit trug sie ihr stilvolles Haus auf dein weichen Rücken. Sie brauchte sich nicht zu sorgen um ein Heim. Und mochte sie auch von vielen bemitleidet werden, sie war offenbar mit sich und ihrem Los, ein Haus durch ihr ganzes Leben tragen zu müssen, zufrieden. Ihr gepanzertes Eigenheim war ein Bollwerk gegen äußere Gewalten und Gefahren und vor allem ein Schild geKn die Sonnenstrahlen, die sie haßt, weil die Schnecke ihr Dasein zwischen Licht und Dunkel fristen muh. Ihr größter Feind ist die Trockenheit! Dann zieht sie sich in die schlüpfrige Wohnung zurück, verschließt die Tür mit einem festen Deckel und schläft eingekapselt, bis«in warmer Regen sie wieder hinauslvckt auf die reichlich gedeckte Tafel im Gartenbeet an der verwitterten Parkmauer. Nach dem nächtlichen Maircgen schien heut« ein besonderer Tag zu sein. Die Feuchtigkeit hatte alle Lebensenergie der Flelix pomatia) neu geweckt. Sie kroch plötzlich in einem Schneckentempo dahin, wie es sonst nicht bei den Geschöpfen ihrer Art Sitte und Brauch ist. Und das hatte seinen Grund: Auf ihrer Wanderung stieß die Bar- fußllluserin auf eine Schleimspur von der gleichen Masse,, die auch sie aus Drüsen absonderte, wenn sie kroch. Dieser schleimige Läufer der anderen erregte auf einmal die ganze Aufmerksamkeit der stillen Pilgerin. All ihr Stumpfsinn und ihre Trägheit schwanden, und mit vorgestreckten Fühlern ging es unaufhaltsam der einen nach, und mochten die großen Kopssalatblätter, die sich dann und wann gleich einem Baldachin über dem Wege wölbten, noch so verführe- risch zu lukullischem Imbiß locken. In dieser Stunde machte das kleine Weichtier seine Brautfahrt! Das Sinnen und Trachten der freitelustigen Schnecke galt allein der Genossin, die hier des Weges vorausgezogen war. Als Zwitter müssen die Schnecken einander suchen, wenn der Mai ihres Lebens gekommen ist. Im Zickzack lief die im Licht wie Mattsilber glänzende Spur über emen breiten Stein und verriet, daß sich auch die noch Un- bekannte suchend aus dem Liebespsade befand. Auf hoher stumpfer Kante saß sie nun halb zusammengekauert und hob von Zeit zu Zeit den Oberkörper als halte sie Ausschau nach jener, die Erfüllung bringen soll. Die Sehkraft einer Schnecke aber reicht nicht weit. Darum ließ sie ihre Fühler spielen. Und wurde plötzlich in ihren Bewegungen so lebhaft, als wittere sie etwas Besonderes im kleinen Umkreis ihres Bezirks. Wenn Mephistopl)eles hier zufällig des Weges gekommen wäre, hätte er sicher sein« Worte wiederholt, die er in der Walpurgisnacht feinem Begleiter zuruft:„Sielsst du die Schnecke da? Sie kommt herangekrochen: mit ihrem tastenden G» ficht hat sie mir schon etwas abgerochen..." In diesem Augen- blick aber fürchtete die Lebhafte weder Menschen, die sie beobachte- ten, noch den Sonnenstrahl, der sich vergeblich bemühte, den nassen Stein zu trocknen. Auf schleimigem Pfade hatten sich die Schnecken gefunden. Und das Liebesspiel, dos nun folgte, ist einzig in seiner Art. Es ist im Nehmen und Geben sein seltsam mmniglich-sinnigss Werben um Liebe. Man möchte meinen, daß die Schnecke ein ver. wunschener kleiner Amor mit dem Liebesvfcil ist. der hier im wahrsten Sinne des Wortes der Liebe Höchste Glut entfacht und Tribute fordert. Erst„tanzen" die Tierchen einen 5)ochzeitsreigen, bei dem sie sich lustig umkreisen und umschmeicheln, sich mit den Fühlern leise betasten und zärtlich streicheln. Dann heben sie die weichen Vorder- körper pressen die Fußsohlen eng zusammen und verharren regungs. los wie zwei Menschen in liebender Umarmung. Und immer von neuem beginnt das Schäferfpiek: die Tierchen gleiten neckisch auf und ab und hin und her und belecken sich kosend mit den Mündern, um auf einmal voneinander zu lassen. Scheinbar ruhig sitzen sie Seite an Seite, doch wer ahnt oder weiß, was jetzt im Innern der sonst so kaltblütigen Geschöpfe vorgehen mag. Handelt es sich hier