Nummer 38
20.September 1923
Heimwelt
Unterhaltungsbeilage des Vorwärts
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" Hüte dich, Gevatter! Ist das dein Dank? Ich habe dir das Leben gerettet! Fürwahr, das ist nicht recht getan, und es gibt auf Erden kein Wesen, außer dem Wolf, das so schlimme Gedanken hegt."
" Glaubst du?"
„ Ich stehe dafür ein. Wenn's dir recht ist, nehmen wir zum Schiedsrichter die Hündin, die da angehintt tommt. Sie ist alt, muß also Erfahrung befizen."
3u alter Zeit stand am Fuße des Berges Peruwelz , auf der belgischen Seite, im Felsgeflüft eine alte Eiche, die Wolfseiche genannt. Sie stand bicht am steilen hang und ihre Krone reichte just bis zur Ruppe des Hügels, also daß man ebenen Fußes mitten in ihre Aeste hineinschritt. Eines Morgens geschah etwas Gelt- fie fames und wahrhaft Unglaubliches. Ein Wolf, der einen Hafen jagte, war so im Schuß, daß er vgn der Anhöhe in den Baumt geriet und sich mit der Hinterpfote in dem Efeugeschlinge verfing. So blieb er mit dem Kopf nach unten hängen und versuchte um sonst, sich zu befreien.
Damals stand die Wallfahrtskirche unserer Lieben Frau noch nicht, und der Berg von Peruwelz war wüst und leer. Zwei geschlagene Stunden quälte sich der Gehängte ab, und seine Eingeweide fullerten ihm im Leibe, wie Steine in einem Schieblarren. Da glaubte er in der Nähe Geräusch zu hören. Er hielt feine beiden Borderpfoten ans Maul, nahm alle Kraft zusammen und rief um Hilfe. Ein Mensch tam auf sein Geschrei herbei. Als er das arme Tier in so fläglicher Lage sah, plagte er heraus und Sprach:
"
Was machst du da eigentlich, Gevatter? Seit wann tlettern bie Wölfe auf die Bäume, um sich zu erhängen?"
„ Es geschah nicht mit Absicht, Meister," entgegnete der Wolf. Ich verfolgte nur den räuberischen Iltis, der das ganze Land verwüstet. Ich fiel in den Bium und verfing mich in dem ver> bammten Efeu."
„ Das muß man sagen, Gevatter, du bist ein großer Tolpatfch." Ich leugne es nicht, Meister, aber befreie mich, bitte, ungefäumt, sonst bin ich ein verlorener Wolf."
,, Und wenn ich dich befreit habe, wer steht mir dafür, daß du mich nicht auffrißt?"
" Ha, wofür hältst du mich? Außerdem fresse ich nur schädliche Tiere, Iltiffe, Marder, Wiesel und Frettchen. Statt den Menschen zu schaben, leiste ich ihnen vielmehr die größten Dienste." Was hab' ich davon? Ich hab weder Hühner noch Schafe. Ich bin nur ein armer Korbflechter."
Rorbflechter? Nun erkenne ich dich. Du wohnst in La Cicogne, gerade neben dem dicken Medardus , dem Schäfer. Befreie mich, Meister, und ich schwöre dir, die Schafe des braven Medardus nie anzurühren."
,, Das ist mir einerlei. Dem diden Medardus geht es lange gut. Er düngt seinen Ader mit seinen Schafen."
,, Er düngt seinen Aderl Das trifft sich gut. Ich wollte juft nach seinem Schafftall, um nachzusehen, was e: treibt." „ Schwörft du, mich nicht zu treffen?"
" Ich schwöre es," sprach der Wolf und faßte sich mit dem freien Fuße ans Maul, wie es landesüblich ist.
Der gute Korbmacher befreite ihn. Sobald der Wolf auf feinen vier Beinen stand, gähnte er, recte fich. Iecte sich die schmerzende Pfote, verfuchte zu gehen und humpelte fort. Beide schlugen un vermerkt den Weg nach dem Weiler ein. Nach einer Viertelstunde, als der Wolf wieder laufen konnte, begann er seinen Retter heißhungrig anzuschauen.
Weißt du, Gevatter," sprach er, du bist ein schöner Mann, und in La Cicogne ift's gut leben, nach deinem Bauch zu schließen." " Hoho," machte der Korbflechter.
" 1
Ein prächtiger Mann, fett wie ein Mönch der Abtei von Crespin. Und ich habe einen Hunger...!"
,, Reine Scherze, Gevatter! Du weißt, was du mir gelobt haft!"
" Ich weiß, ich weiß... Aber meine Eingeweide sind unzu frieden. Sie fnurren so start, daß ich die Stimme meines Ge. wiffens nicht mehr höre. Ich fürchte, ich werde mein Wort brechen."
"
Schön, fragen wir sie, aber rasch."
Sie hielten die Hündin an.
" Frau Hündin,", sprach der Korbmacher,„ bieser Wolf hat sich mit der Pfote in der Eiche am Berge von Peruwelz aufge hängt. Er hätte seine Seele aufgegeben, hätte ich ihn nicht befreit. Zum Dank dafür will er mich fressen. Ist das recht?"
,, Du tommst an den Falschen, Mynherr," entgegnete die Hündin. Ich kann fein Urteil über euch sprechen. Ich habe meinem Herrn bis heute treu gedient, und nun segt er mich auf meine alten Tage vor die Tür, um mich nicht mehr ernähren zu müssen. Sucht euch anderswo einen Richter."
Damit verabschiedete sich die Hündin.
" Bozzbliz!" rief der Korbflechter, ich ertenne sie. Es ist die Hündin des dicken Medardus . Aber gibt es einen größeren Lumpen als ihn? Da sie sich weigert, tönnen wir den Fall wohl der ehrbaren Stute vorlegen, die dort weidet."
,, Schön, aber rasch," entgegnete der Wolf und bleckte bie
Zähne.
Gie riefen die Etute und der Mensch legte ihr den Fall dar. „ Du kommst durchaus an die falsche Schmiede, Mann Gottes," sprach die Stute. Zeitlebens habe ich mich abgeradert, um den Ader für meinen Herrn zu pflügen, und jetzt, da ich zu nichts mehr gut bin, will er mich schlachten lassen. Ich wäre also eine sehr schlechte Richterin in eurem Streit."
Run, Mann Gottes, was fagst du dazu?" sprach der Wolf. ,, Die elenden Haustiere sind nie zufrieden," entgegnete der Rorbflechter. Aber da kommt ein Fuchs, der den Kopf aus seinem Bau hervorgeftredt hat. Rufen wir ihn. Er ist ein freies Tier und wird in voller Freiheit richten."
"
Meinetwegen, fragen wir ihn. Aber ich sage dir im voraus, ich habe sechs Ellen leere Därme und meine Zähne wachsen, wachsen mir zum Maul heraus... Wirst du von meinem Gevatter Reinhard verurteilt, so verspreche ich dir, du kriegst sie zu spüren!"
Sie riefen den Fuchs herbei und der Mensch legte ihm noch mals den Fall dar. Gevatter Reinhard fann ein Weilchen nach. Schließlich sagte er:
Den Hunger des Wolfes verstehe ich wohl, denn man tann nicht leugnen, mein Lieber, du bist ein lederer Bissen."
" Nicht wahr?" sprach der Wolf , über diesen Anfang entzückt. ,, Aber ich muß zu meiner Schande gestehen, ich begreife nicht recht, wie man sich mit der Pfote im Efeu verfängt. Ich kann alsg tein Urteil über euch sprechen, ehe ich nicht gesehen habe, wie die Eache vonstatten ging. Führt mich nach dem Berge von Peru welz ."
"
Meinetwegen," sprach der Wolf.
Als sie auf dem Berge dicht bei der Eiche waren, blickte der Fuchs den Baum lange an. Dann fragte er sich am Ohr und fprach:
" Fürwahr, ich begreife noch immer nicht, wie der Wolf es fertig gebracht hat, fich aufzuhängen.“
,, Trotzdem ist es sehr einfach," entgegnete der Wolf arglos. Es geschah fo." Damit sprang er in den Baum, lnb dann?" fragte der Fuchs.
Und dann so," sagte der Wolf und stedte feine interpfote in ,, Und bann?" fragte der Fuchs.
den Efeu.
Und dann fo," fprach der Wolf und ließ sich topfüber fallen. " So also hingst du?"