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Nummer 40 4. Oktober 1423 --___, Anterhaltungsbeilage öes Vorwärts verantwortliche Vernehmung. Ein Erlebnis vonStefanMarjan. Ihretwegen wurde ich aus dam Schlafe gestört; nicht etwa mitten tn der Nacht, sondern schon ziemlich spät am Morgen furz nach acht Uhr. Heute war aber Sonntag, und ich kam erst gegen drei Uhr von einer Revision zurück. Und hatte am Sonnabend gut zwölf Stunden hinter dem Schrsibttsch tn meinem Dienstzimmer gesessen. Führen Sie mir die Frau zur Vernehmung vorl' wende ich mich an den verschmitzt dreinschauenden Wärter, der das Polizei» gefängni » zu betreuen hat. Während seiner Abwesenheit sehe ich die kurz« Anzeig« des Beamten durch und tege mir ein Formular zu einer verontwortlichen ver»hmung zurecht. Am Ofen seh« ich zwei Säcke stehen, voll- gepfropft mit verschiedenen Sachen wie zwei fette Bauern. Sie pusten mich ordentlich aus gut genährten Gesichtern an. Ein schüchternes Klopfen unterbricht mein« Betrachtungen. Auf meinBitte" öffnet sich die Tür. Eine Frau tritt ein. An ihrem tummervollen Gesicht, an ihren hungermatten Augen seh« ich, was sie aus Berlin in das Nein« Landstädtchm getrieben haben tonnte. Ich biet« ihr einen Stuhl an und frage st« nach den Personalien. Ruhig, leise, resigniert gibt sie auf meine Fragen Auskunft. Dann komme ich zur Sache selbst: Es ist eine Anzeig« gegen Sie wegen Kartoffeldiebstahls er» stattet worden." Nicht streng, sondem ruhig sage Ich dies und beob- achte sie. Sie weicht meinem Blick nicht aus. Es liegt ein« so unheimliche Ruhe in ihren Augen. Es ist nicht Gleichgültigkeit es ist Hunger. Ein« vom Hunger nietergeknüppelte Seele Ist es, die sich gegen diesen Borwurf nicht mehr wehrt. In mir steigt etwa, hoch. Sehen Sie, lieb« Frau, da» ist doch nicht richtig, wa» Sie da getan haben," zwing« ich mich zu sagen, al» sie wortlos immer noch zu mir herüber sieht. Ja, Sie haben recht." sagt sie endlich mit einer müden, schleppen- den Stimme. Sie scheint dtes« Stimnte wie eine schwere Last hinter sich zu schleifen.Ich habe aber schon eine Woche lang kein« Kar- toffeln gesehen. Mit drei Kindern bin ich auf mich aliein angewiesen, und ich hungere bereit» seit dem Kriege." Ich wußte die», noch ehe die Frau es mir sagte bilde ich mir doch nicht nur ein, ein Menschenkenner zu sein. Mit Gewalt zwinge ich mich b«m Schreiben, um bei der Sache zu bleiben, denn mein« Feder will über da» Papier rasen sie darf e» aber nicht. Denn sonst würde sa kein« verantwortlich« Ver- nehmung darau», höchstens eine Verieidigungsschrift. Und das darf Ich nicht. Ich beiße die Zähne zusammen und würge meine revolutionären Gedanken, die gegen diese unverdient« Rot und da» Hungerdasein einer Frau, die ebenso auch mein« Mutter sein tonnt«, aufbegehren. Höhnisch, wie«in weiße« Totenlaken grinst mich da» verantwortliche Bernehmungsfoanulor an und bald liegen meine erwürgten Ae- danken al» starrer Leichnam auf dem Laden. So mutet mich der trockene, starre Amtsstil tnr Gegensatz zu meinen tobenden Ge- danken an. Nun lese Ich der Frau das Protokoll vor und werde rot dabei. Ich schäm« mich, daß ich da» geschrieben habe. Die Frau sagt nichts sie nickt nur einigemal mit dem Kopse. Erst al» ich im letzten Satz vorlese:... und au» diesem Grunde bitte ich um milde Bestrafung bzw. Straflosigkeit", zuckt e» etwas lebhafter in ihren Augen auf und sie sagt: Kann ich mir dann auch die Kartoffeln mitnehmen"? Gut, daß dl« letzten Wort« da» Protokoll beendet hotten denn ich hätte nicht weiter vorlesen lönnen. In mir weinte etwas auf. well'ch im Leben schon viel gehungert habe. Wortlo» schiebe ich mlt einer mlldm Handbewegung das Pro- totoll vor die Frau und halte>hr den Federhalter zur Unterschrist «ra»«» m.....T«winWTnrrgM<» hin. Zaghaft unterschreibt sie mit dünnen, geknickten Buchstaben. So ist auch das Leben dieser Frau, denke ich. Sie gibt mir den Federhalter zurück und sagt: Lieber, lieber Herr! Nur für eine Mahlzeit überlassen Sie mir von den Kartoffeln, denn sonst haben wir heut» nicht» zu essen." Noch während sie spricht, fallet sie d!« Hände und streckt sie gegen mich au». Fast genau so habe ich einmal meine eigene Mutter im Gebet ihre gesalteten Hände gegen ein Heiligenbild ausstrecken sehen, al» ich noch ein Kind war es ging uns damal» sehr schlecht. In Erinnerung an sene längst vergangene Szene wäre Ich am liebsten vor der Frau niedergekniet, hätte ihr« abgearbeiteten, vom Hunger ausgetrockneten Hände geküßt, und freudig hätie ich ihr zu- rufen mögen: Nimm alles, alles, was dir abgenommen wurde, fahr« zurück zu deinen Kinderchen nach Berlin und eßt euch satt daran--- ich selbst werde für deine Tat büßen. Doch schon stieg das Bild einer sungen Frau, eines siebenjährigen Mädchen» und«ine» vierjährigen Knaben vor meinen Augen auf Die beiden Kinder sagen zu mirPapa", und die jung« Frau ist meine Ehegefährtin seit acht Jahren. Bel dem Gedanken, daß meine Frau einmal auch so vernommen werden könnte, erstarrt mein Empfinden zu El» tot wird es in meiner empfindlichen Seele. Wie ein rettender Engel erscheint mir der jetzt in» Amtszimmer eintretende Gefangenenwärter. Während ich noch metn« Gedanken würgend aufs Papier legt«, hatte er die Kartoffeln tn einen Korb ausgeschüttet, damit die Frau ihren Sack zurücknehmen konnte. Tief sohe ich der Frau in ihr« matten Augen. Ich will, daß ihr« Gedanken durch meine Augen den Weg in mein Hirn finden sollen- Dann sag« ich langsam: Liebe Frau, ich selbst darf Ihnen von den Kartoffeln nicht» geben, denn sonst würde ich ja meine Stellung verlieren." Mein« Stimme ist ohne Klang etwas kratzt mich im Halse. Aber nur sür ein« Mahlzeit, lieber Herr! Nur da» kleine Kochgeschirr oollt" sagt sie mit weitgeöffneten Augen sie gebären das Entsetzen vor dem Hunger de» heutigen Tages. Packen Sie Ihre Decke, Ihren Rucksack, Ihr Kochgeschirr und di« anderen Sachen«mt Dann können Sie gehen." Noch während ich die» sage, gehe ich zur Tür. Ich möchte mir die Zellen ansehen," sag« ich zu dem Wärter. Ich habe dort nichts zu tun, absolut nicht» ich möchte nur dt» Frau allein lassen, wenn sie ihre Sachen einpackt. Wähnend ich mir dt» drei Zellen umständlich ansehe, schreit e« wüst durch meine Gedanken: Nur für eine Mahlzeit! Nur für eine Mahlzeit! Davon werde ich so«rgrisfen, daß ich den Wärter nach der Zahl der in jeder Zelle vorhandenen Decken frag«. Erstaunt sieht er mich an und lächelt dumm. Augenblicklich wird mir der Unsinn in meiner Frage klar. Ich wende mich zur Tür und stehe draußen. i Der Wärter schließt langsam die schwer« Gefängnislür. Beim Betreten meines Dienstzimmer» hält die Frau im Packen Inn «. Sie hält meinen Blick au». Ich erschrecke, denn ein kurzer Blick in den Kartosseltorb überzeugt mich, daß die Frau während meiner Abwesenheit ehrlich gewesen war. Ich geh« frühstücken," sagt der Gefangenenwärter zu mir. Erlost nicke Ich ihm nur zu, und er geht. Nur für eine Mahlzeit, lieber 5>errl" sängt die Frau wieder an. Ihre Augen schwimmen in Tränen, sie selbst weint nicht. Wa» weint tn der Frau? denke ich. Wieviel Berzweiflung, wieviel Hungerschreie ihrer Kinder mußten wohl auf diese Frau eingehämmert haben, ehe sie sich dazu entschloß, in der Nacht zu stehlen. Und wie- viel Schamüberwindung wird diese Frau haben ausbringen müssen« ehe sie sich zur Tat entschloß... E» erscheint mir, als ob der Himmel selbst sich dieser Frau an- nehmen will: denn plötzlich stürzt c'.n gewaltiger Regen auf da» Pflaster vor meinem Fenster. Es gießt, al» ob die ganze Welt