Nr. 1 Beilage zum Borwäris 24. Januar 1924 Sozialismus im Mittag. In Berlin gibt es einige Zehntausend arbettslose Jugendliche. Seit Wochen, ja seit Monaten lastet auf diesen jungen Menschen das harte Schicksal, inachtlos der bittersten Not aus- geliefert zu sein. Bestenfalls können sie der elterlichen Wirtschafts- lasse die paar Mark Unterstützung zuführen, die nicht ausreichen, um die Kosten für ein kärgliches Mittagsmahl in den sieben Tagen der Woche zu bestreiten. Die Wirtjchastslnse{ordert aber nicht nur diese materiellen Opfer, sondern sie schlägt der arbeitslosen Jugend auch .tiefe seelische Wunden. In der Ausweglosigkeit und jämmerlichen Dürftigkeit Ihres Daseins zerbrechen Lebensfreudigkeit und Glauben an eine bessere Zukunft. Wenn man die bürgerliche Presse liest, die gerade jetzt in be- wegten Worten das Klagelied von der verwahrlosten Jugend an- stimmt, dann müßte man fürchten der eisige Sturm der großen Wirt- schastskrise nähme uns neben vielem anderen auch die ideale Schwungkraft unserer schafsenden Jugend. Wir könnten es verstehen, wenn es so käme, denn wir empfinden tagtäglich die große Not dieser Jugend. Wir kommen wie sie aus den Hinterhäusern der Proletarierviertel, wir kennen die duinpsen Wohnstätten, in denen sich die Not als ständiger G a st mit an den Tisch setzt und den Mann gegen die Frau, die Mutter gegen die Kinder, den Bruder gegen die Schwester hetzt, weil Liebe und Gemeinschaft hier nicht atmen können. Feindschaft gegen die Gesellschaft und gesellschaftliche Untüchtigkeit sind natürliche Folgen. Aber das ist nicht das wahre Bild des Seelenlebens unserer heuligen Jugend. Da gibt es in Berlin die 10 Ortsgruppen unserer Sozialistischen Arbeiter-Jugend, die jede Woche mehrere Tausend junger Proletarier zusammenführen zu gemein- schaftlicher Arbeit und zu gemeinsamer Freude. Kürzlich diskutiert« eine Gruppe im Osten das Problem des Jugendschutzes. Eine rege Aussprache zeigte die Mißstände in der Gegenwart, behandelte das Problem der sozialistischen Arbeitsordnung. Es war ein heißes Mühen um die Klärung von Fragen, die weit über den persönlichen Jnteresscnkreis des einzelnen hinaus das Schicksal der ganzen Arbeiterschaft und des ganzen Volkes berühren. Die Not des einzel- nen ging unter in dem Leid seiner Klasse, die wirtschaftlich noch immer hörig ist, die persönlichen Wünsche nach einer gesicherten Grundlage des Lebens wandelten sich in den Willen, mit der ganzen Klasse durch die Macht der arbeitenden Massen aufzusteigen aus den Niederungen unseres sozialen Elends. Unklar und unbeholfen waren manchmal die Redewendungen. Aber jeder fühlte sich mit dem anderen ver- bundcn durch eine Gesinnung: Sozialismus. Alle fühlten sich hinein- gezogen in den großen Strom einer bedeutsamen Bewegung, sahen die eigene Not von der höheren Warte des großen Ganzen, sahen trotz allem wieder einen Sinn ihres Lebens: Der sechzehnjährige Malerlehrling, dessen Ausbildung darin besteht, daß er die Farbtöpfe von einer Wohnung in die andere trägt, ebenso wie der achtzehn- zährige Arbeitslose, der jetzt statt mit dem tarifmäßigen Wochcnlohn mit 5,90 Mark Unterstützung nach Hause gehen muß, sie zählen zu denen, die dabei sind, das Leben zu bezwingen, den freien Menschen, die befreite Arbeit in den Mittelpunkt des Geschehens zu stellen. Und die Bewegung wird auf diele Jugend zählen können, denn sie wird nicht untergehen. Der Sozialismus hat ihnen die sittliche Kraft gegeben. » Ende März veranstaltet unser Jugendverband eine Reichs- werbewoche. Die Jüngsten des Proletariats in den Werkstätten sollen für die Bewegung gewonnen, die indifferenten älteren Jugend- lichen ebenfalls in den Bannkreis der sozialistischen Ideen gezogen werden. In den zweitausend Ortsgruppen ist ein eifriges Rüsten. Rcichszentrale und Bezirksleitungen geben Material und An- Weisungen heraus, um die technischen Voraussetzungen für den guten Verlauf der Aktion so weit wie möglich sicherzustellen. Dann aber sind sie am Ende ihres Könnens. Das entscheidende Werk, die Werbung des jungen Menschen, müssen die organisatorischen In- stanzen in die Hände des Lehrlings oder jungen Arbeiters legen, dl» als Funktionär» i» unseren Reihen stehen, und sie werden ihr« Aufgabe erfüllen. All die Namenlosen werden in den nächsten Wochen jede frei» Stunde opfern, werden Zeit und Kraft, den legten Groschen darangeben, um der Sache zu dienen. Sie haben nicht» zu erwarten an persönlichem Vorteil. Niemand wird sie in da» gleißende Licht der öffentlichen Belobigung zerren, wemr ihre Arbeit besonder» erfolgreich war, ihr Name wird nicht durch die Presse gehen, und trotzdem sind alle auf dem Posten. Sie fragen nicht, ob sie nun auch am richtigen Platz stehen, damit sie mit ihrem Können in Erscheinung treten, sondern sie sorgen nur, daß sie an ihrem Platz feststehen, daß sie alles daran geben, ihre Kraft und ihre Be- geisterung, um den Letzten für die Bewegung heranzuholen. lind so wachsen sie olle heraus aus der elterlichen Woh. nung, aus der Kleinheit ihres persönlichen Lebens, hinein in die große Weltbew-egung des Sozialismus! Ais Sinn ihres Lebens offenbart sich ihnen das sozialistische Ideal: Dienst an der Gemeinschaft! Rang und Würde tritt zurück vor der einzig richtigen Wertung dieses Dienstes, vor der Frage nach dem Grad der Hingabe für das Ganze. Und in diesem Geist bilden sich aus den jungen Pionieren unserer Bewegung, still aber ständig, die Charaktere der sozialistischen Bewegung von morgen. Im Geist sehen wir ein höhnisches und ein mitleidiges Lächeln. Die Gegner wollen das Werden dieses neuen sozialistischen Menschens nicht wahr haben, weil sie nicht zugeben können, daß es eine sozialistische Sinnsetzung des Lebens gibt, lind mancher der Alten in der eigenen Bewegung ist müde geworden im harten Kampf der Vergangenheit und hat unter den Enttäuschungen eine» Lebensalters seinen Glauben längst begraben. Wir hören, es sei Jugendart, leidenschaftlich bis zum Fanatismus für eine Sache einzu- treten und jedes Opfer zu bringen, die eigene Not als gering hinzu- nehmen. Das werde alles mit den Jahren anders. Auch der Schwung unserer heutigen Jugend werde zerriebe» werden zwischen den Mühlsteinen der Alltagsarbeit Und frohlockend schließen daraus die Gegner, im Sozialismus stecke keine sittliche Kraft, er sei nur noch Organisation, die Bewegung nur noch eine politische Zweck- gemeinschast. Sie mögen spotten, wir werden dennoch glauben. Wir sehen nicht nur die Hingabe der Jugend, die Trunkenheit sein könnt», sondern wir sehen auch die Alten, die trotz allem»ach einem Menschenalter von Kämpfen und Entbehrungen als gläubige Sozla- listen der Sache dienen. Es gibt in jedem Ort und in jeder Abteilung heute wohl noch den einen odtr anderen dieser wackeren Alten, dl« ihren Dienst tun wie vor mehr als 30 Jahren. Wir nehmen das oft als selbstverständlich hin, aber rnonchmal stehen ihr Werk und ihre Art doch vor uns als ein leuchtendes und ergreifendes Beispiel für die starke sittliche Kraft des Sozialismus. Um nur einen Fall herauszuziehen. Vor einigen Wochen tagte in Aussig der Verbands- tag der deutschen sozialistischen Jugend in der Tschechoslowakei . E» war eine arbeitsreiche und fruchtbare Konferenz. Aber wie ein schwerer Alpdruck lastet auf der deutschen sozialistischen Bewegung dieses Landes die Hoffnungslosigkeit ihres politischen Wirkens. Sie sind nicht nur gehemmt durch die Wirtschaftskrise, sondern sie sind ein Teil der deutschen Minderheit, die der junge tschechische Staat erbarmungslos von jeder Mitarbeit ausschließt und mit Gewalt unter tschechischen Einfluß zu bringen sucht. Auf Jahre hinaus wird der politische Kampf ohne jede Aussicht auf Erfolg geführt werden müssen, und niemand würde es daher überraschen, wenn sich Re- signation und Passivität in der Bewegung ausbreiten könnten, wenn die Alten nun mutlos und ermüdet abtreten würden. Nichts davon. Auf der Konferenz der Jugend war auch der Parteivorsitzende der deutschen Sozialdemokratie in der Ischechoslowakei anwesend. Er sprach in einer Abendseier zur Jugend und wohnte den Verhand- lungen des Derbandstages bis zum Schluß bei. Er griff nicht in