Mitteilungs- Blatt

des Verbandes der sozialdemokratischen

Wahlvereine Berlins und Umgegend.

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Nr. 22.

Berlin, den 11. Februar 1917.

11. Jahrgang.

Mittwoch, den 14. Februar: Zablabend in Groß- Berlin.

Und weiter Schlag auf Schlag!

Mit rücksichtsloser Konsequenz geht der Vor­stand der sozialdemokratischen Partei Deutsch­lands weiter auf dem Wege, den er seit Jahres­frist eingeschlagen hat, um die Partei zu, reini­gen" und die Einheit" herzustellen. Den, Gut­achten" des Parteiausschusses vom 18. Januar und der Spaltungsfanfare des Parteivorstandes folgten in den letzten Tagen die großen Taten. Und es ist kein bloßer Zufall, sondern tief begrün­det in der Wesenart der Erscheinungen, die den Weltkrieg jetzt noch mehr verschärfen und ver­bittern, daß die Zertrümmerungswut des Partei­vorstandes auch zeitlich zusammenfällt mit der Proklamierung des verschärften U- Bootkrieges und ihren Folgen. Der Parteivorstand torpediert jetzt

unbefümmert um Parteistatut und Parteiinteresse die Organisationen, um sich der Opposition zu ent­ledigen. In Potsdam- Osthavelland wurde mit der Gründung einer Gegenorganisation der An­fang gemacht, in Groß- Berlin wurde die Arbeit fortgesetzt, in Sachsen arbeitet der Landesvorstand stramm nach den von der Berliner Zentrale aus­gehenden Befehlen und bald wird man aus ande­ren Orten des Reiches von ähnlichen Klärungs": Maßnahmen hören.

Es ist jetzt wahrlich nicht mehr an der Zeit, sich darüber zu entrüsten und zu protestieren. Die Tatsache, daß die führenden Männer der deutschen Sozialdemokratie jetzt den Kriegsgrundsatz: C ..Ge= walt geht vor Recht" zur Richtschnur ihres Han­delns gemacht haben, muß jetzt fühl und flar in die Rechnung der Opposition eingestellt werden. Der Parteivorstand wird taub sein gegen alle Hinweise auf das Parteistatut, er verfolgt grad­linig sein Ziel, sich eine Gefolgschaft zu sichern, die ihm auf dem kommenden Parteitag und bei der fünftigen Abrechnung von allen Sünden frei­spricht und ihm seine Posten läßt. Daher jetzt das groß angelegte und planmäßig durchgeführte Kesseltreiben gegen die Opposition, die der Vor­stands- und Fraktionsherrlichkeit so gefährlich ist. Die Opposition wird wie ein räudiger Hund aus ihrem eigenen Hause herausgestoßen, sie wird heimatlos gemacht von Leuten, denen die Kriegs­tonjunktur formale Machtmittel in die Hände ge­spielt hat, die sie musterhaft anzuwenden verstehen.

Die Opposition fann jetzt nicht mehr darauf rech­nen, innerhalb des Parteirahmens für ihre ehr­liche Ueberzeugung zu wirken. Für sie gibt es und feierlich zu erklären, daß sie das Gutachten" nur drei Möglichkeiten: Entweder klein beizugeben des Parteiausschusses anerkennen und die Frat­tions- und Vorstandspolitik als die alleinselig­machende anerkennen will, oder daß sie sich nach und nach in den Organisationen taltstellen oder hinauswerfen läßt und zerrissen und zerstreut einen aussichtslosen Protestkampf führt, oder aber drittens, daß man nun das tut, wozu sie systema­tisch durch die Ereignisse hingedrängt wird; daß sie alle die hinausgedrängten und versprengten Kräfte zusam= menfaßt zu einem einheitlichen und geschlossenen Gebilde, in dem der alte proletarische Kampfesgeist der Sozialdemokratie, geläutert und gestählt durch die Kriegslehren und Kriegserfahrungen, lebendig ist. Das einzige Mittel, die Gewaltpolitik und die Berechnungen der gegenwärtigen Machthaber in der sozialdemokratischen Partei zu Wasser zu machen, besteht darin, diese Leute zu Generälen ohne Soldaten zu machen, der deutschen Arbeiter­schaft die Augen zu öffnen über die wahre Natur dieser Voltsmänner, ihre Kriegspolitik und ihre Pläne für die kommende Friedenszeit aufzudecken. und damit die Massen von ihren Fahnen fern­zuhalten. Eine Auseinandersetzung auf ehrlich­demokratischem Wege macht der Parteivorstand durch die Gründung seiner Gegenorganisationen auf der einen und durch die Verdrängung der oppositionellen Genossen aus den Organisationen, deren Leitungen ihm noch ergeben sind, auf der Es gibt jetzt gar andern Seite unmöglich. feinen anderen Weg, die sozialdemokratische Be wegung Deutschlands aus dem Kriegssumpfe herauszuführen und den Arbeitern das Vertrauen zum Sozialismus und zur Demokratie zu erhalten und einzuflößen, als durch Zusammenschweißung der Opposition zu politischer und organisatorischer Aktionsfähigkeit.

Wir müssen uns darüber klar sein, daß wir jetzt über das Stadium der Auseinandersetzungen über Parteirecht und Parteistatut hinausgekommen.