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des Verbandes der sozialdemokratischen Wahlvereine Berlins und Umgegend. Zu beziehen durch die Bezirksführer die Nummer zu 5 Pf. oder durch die Post»ierteljährlich 72 Pf. frei ins Haus.

Nr. 12.

Berlin, den 17. Juni 1917.

12. Jahrgang.

Spotten ihrer selbst... B e r l i n, 11. Juni 1917. In seiner letztengrotzen" Reichstagsrede im Mai anläßlich der sozialdemokratischen und kon- servativen Kriegsziel-Jnterpellationen hat be- kanntlich Herr Scheidemann mit der Revolution gedroht. Allerdings nur bedingungsweise. Er hat es wirklich damit nicht böse gemeint. Die staats- männischen Verbeugungen, die er vorher in seiner Rede vor der Monarchie machte, vor allem aber seine dreijährige burgfriedlich-durchhälterische Kriegsbravheit hätte ihn wirklich vor dem Ver- dachte bewahren sollen, daß ihm das Wort Revo- lution mehr sei als eine demagogische Phrase, ein Mittel, um vor ungeschulten Arbeitermassen als radikaler Volkstribun zu posieren. Wir sind über- zeugt, daß das gefährliche Wort für Scheidemann weder einen Gedankeninhalt hat noch seine Willensfunktionen irgendwie ernstlich beeinflußt. Höchstens, daß die Revolutionen, die in anderen Ländern gemacht werden, einen Posten in seinen ftaatsmännischen Kalkulationen bilden. Aber es ist mit dem Wort Revolution eine eigene Sache. Es wirkt auf gewisse Menschen- kinder wie die Teufelsfratze, die die ersten christ- lichen Anachoreten in ihren fanatisch-llberreizten Fieberphantasien sahen und auf die sie in heiliger Tobsucht losschlugen. Auf der andern Seite aber gibt es Leute, die mit dem Worte eine Art Fetisch- dienst treiben und blind für alle materiellen und psychologischen Tatsachen es so oft wiederholen, wie der tibetanische Mönch sein o mani padme hum. Als ob Revolutionen noch mehr als Kriege nicht das Endergebnis einer Unzahl treibender und gärender Kräfte wären, die man wohl in be- stimmte Bahnen drängen, nicht aber durch ein Zauberwort zu plötzlicher Reife, noch viel weniger aber zu dauernder Fruchtbarkeit bringen kann. Auf die konservativen, ja fast auf alle poli- tischen Kreise des Bürgertums, nicht zuletzt auch auf die Herren der Regierung hat Scheidemanns Revolutionsdrohung die zuerst gekennzeichnete Wirkung erzielt. Am lautesten tobt der heilige Zorn natürlich in der alldeutsch-konservativen Presse, die dadurch in ihrem urwllchsig-feudalen Kampfe gegen den mit allzuviel Bourgeoisethik belasteten Reichskanzler Bethmann-Hollweg neues Material erhielt. Das Zentralorgan der Regie- rungssozialiften, derVorwärts", dessen derzeit leitender Redakteur im Hauptberufe Reklamechef für die Firma Scheidemann ist, hatte alle Hände voll zu tun, die Angriffe derDeutschen Tages- Zeitung", derKreuzzeitung" usw. abzuwehren. Beim Durchstöbern ihrer Zettelkästen machte die ,.Vorwärts"-Redaktion die großartige, in der poli- tischen Welt aber schon längst bekannte Entdeckung, daß auch in konservativen Kreisen der Revolu- tionspopanz ein beliebtes Drohmittel ist, wenn die Regierung sich einmal gegen feudale und agra- rische Wünsche blind und taub stellte. Das diente dann immer als prasielndes rethorisches Feuer- werk, das die stille, aber meist erfolgreiche Minier- arbeit, die man dank der Beherrschung des staat- sthen Verwaltungsapparates und der guten Be- zrehungen emsig betrieb, maskieren sollte. DerVorwärts" hatte das Glück, sogar aus der Krregszeit eine alldeutsch-konservative Revolu- tionsdrohung aufzutreiben und sie als Retour- kutsche gegen die Widersacher Scheidemanns auf- fahren zu lassen. Es handelte sich um einen Brief- Wechsel des bayerischen Generals Freiherrn von Gebsattel mit dem Reichskanzler. Der alldeutsche General droht darin mit einer Explosion der kochenden Volksseele, wenn Herr Bethmann-Holl- weg nicht ein Regientngsprogramm aufstellt, nach dem halb Europa und noch einige umliegende Oist- schasten für Deutschland annektiert werden sollen. Dieser Briefwechsel stammt schon aus dem Jahre 1915, konnte aber, da damals die Kriegsziel-Er- örterungen streng verpönt waren, nicht veröffeirt-

licht werden. Rur durch Flugblätter der sozial- demokratischen Opposition wurde er weiteren Kreisen bekannt. Auch die heutigeVorwärts"- Redaktion wird davon gewußt haben, sie hat ihn aber totgeschwiegen, denn seine Veröffentlichung würde die Kreise der regierungssozialistischen Diplomatie gestört haben. DieVorwärts"- Redaktion stellte sich auch taub und stumm, als im März dieses Jahres der Eebsattel-Vrief im Reichstage zur Sprache kam. Es war Genosse Haase, der ihn in seiner Rede zitierte und die eigenartige Revolutionsphraseologie gewisser staatserhaltender Kreise in das rechte Licht setzte. Aber als es nun galt, Freund Scheidemann aus der Tinte zu ziehen, da besann sich derVorwärts" auf die Eebsattel-Episode und er druckte den Briefwechsel ab. Es zeugt von der ganzen Oberflächlichkeit und Kritiklosigkeit des Scheidemännlichen Zentral- organs und der ganzen bürgerlichen und regie- rungssozialistischen Presse, daß nun auf einmal der Gebsattel-Briefwechsel wie eine Sensation wirkte. Es zeigte sich, wie blind man unter dem Einfluß der Kriegspsychose gegen bedeutsame politische Por- gänge geworden ist und wie wenig man die Kräfte zu beurteilen versteht, die durch mehr oder minder scharfe Betonung weitgehender Kriegsziele uns an die Schwelle des vierten Weltkriegsjahres ge- führt haben. Die sozialdemokratische Opposition hatte nur zu sehr recht, auch unter den Erschwer- nissen des Belagerungszustandes allen imperia- listischen Katzen die Schelle an den Schwanz zu hängen. Sie ist darob von den Regierungssozia- listen in Acht und Bann getan worden, jetzt aber, wo diese Herrschaften selbst in die Enge geraten sind, suchen sie sich mit allen Mitteln herauszu- hauen. Die Palme gebührt aber bei dieser tragikomi- schen Geschichte der I. K., in der jetzt der einstige Leiter derChemnitzer Volksstimme" den neuzeit­lichen, feldgrau kostümierten deutschenEozialismus aufmarschieren läßt. Dieser Herr schreibt über die Wirkung der Eebsattel-Enthüllungen:.. Daraus geht hervor, daß eben bei den Reden des Abgeord- neten Haase und seinerunabhängigen" Freunde schon lange kein Mensch mehr zuhört. Sie können drohen, was sie wollen, ganz gleich, sie haben sich durch ihre ewigen Brandreden, hinter denen nicht der kleinste Wille zur Tat stand, so lächerlich gemacht, daß es niemanden lohnt, erst noch.anzu- hören, was sie erzählen. Und das ist eigentlich der beste Witz an der Gebsattel-Enthüllung." Der Herr, der so etwas schreibt, gibt sich noch immer als Sozialdemokrat aus. Aber er hat total vergessen, daß von jeher die Totschweige- taktik eins der beliebtesten Kampfesmittel war, mit der die Gegner der Sozialdemokratie deren Tätigkeit und Bedeutung aus der Welt zu schaffen suchten. Lasialle, Bebel, Liebknecht und viele andere konnten davon erzählen. Unzählige For- derungen und Kritiken der Sozialdemokratie muß­ten immer und immer wieder verkündet werden, ehe sie Beachtung in der Oesfentlichkeit fanden. Wie mancher bürgerliche Politiker hat sich die eine oder andere lange totgeschwiegene Forderung der Sozialdemokratie zu eigen gemacht, wenn ihm die Konjunktur dafür günstig erschien. Aber sich blind, taub und stumm zu stellen gegen soziale Zustände, proletarische Regungen und Lebensäußerungen einer entschieden sozialdemokratischen Politik war bis m die neueste Zeit hinein eine unseren bür- gerlichen Gegnern vorbehaltene Taktik. Der Weltkrieg hat auch darin Wandel geschaffen. Der Regierungssozialismus hat auch auf diesem Ge- biete gründlich rungelernt. Ja, er schlägt sein bürgerliches Porbild noch-um eine Nasenlänge: er rühmt sich seiner Wanzentaktik sogar. Aber wenn die Herrschasten auch unendlich viel in dieser Kriegszeit totgeschwiegen haben, einnral wird doch die Zeit kommen, in der ihnen von allen Seiten Ankläger entstehen werden, über die sich

nicht mehr unter dem Schutzdach des Belagerungs- zustandes witzeln läßt. Und dann wird sich zeigen, auf wen die Massen mehr hören werden, auf die unabhängigen Sozialdemokraten oder auf die Re- gierungssozialisten mit ihrer selbstgewollten Ab- hängigkeit. *~* * Saulus Heine. Der sich zur sozialdemokratischen Partei zäh- lende Abgeordnete Wolfgang Heine, der imBer- liner Tageblatt" als wortgewandter Advokat während der ganzen Kriegszeit den regierungs- sozialistischen Kriegswillen und schwärmerische Reuorientierungs-Jllusionen in zahlreichen Ar- tikeln vertreten hat, ist über Rächt aus- einem Saulus ein Paulus geworden. Für ehrlich sozial- demokratisch empfindende Menschen mußte es oft einen halb peinlichen, halb belustigenden Eindruck machen, wenn er in Dutzend Fällen sah, daß im Gegensatz zu dem national überhitztenSozial- demokraten" Heine der Chefredakteur desBer- liner Tageblatts", Herr Theodor Wolff, in der Kriegsziel- und Friedensfrage viel ruhiger, ver- nllnftiger und weitblickender urteilte. Jetzt hat aber auch Herr Heine seine Anschauungen revi- diert und es für, zeitgemäß gehalten, statt schwung- voller Sieges-Plaidoyers auch einmal eine Ver- teidigungsrede für den Frieden zu halten. Er tut das in der Sonntagsnummer desB. T." vom 19. Juni, indem er seine Meinung über Stock­holm zum besten gibt. Es har fast den Anschein, als ob Heine seinen regierungssozialisftschen Freunden, die sich jetzt in Stockholm in einer recht brenzlichen Situation befinden, beispringen wolle. Denn die früheren Kriegsartikel Heines haben draußen in der sozialistischen Internationale sicher- lich sehr viel dazu beigetragen, das leibhaftige Vorhandensein eines neudeutschen Regierungs- sozialismus in der offiziellen Partei handgreiflich zu demonstrieren. Um den Scheidemann, Ebert. David usw. die Möglichkeit zu geben, sich in Stock- Holm als ehrlicheFriedensmakler aufzuspielen, legt Heine die Kriegsposaune beiseite und greift zur Friedensflöte. Unsere Leser wissen, daß Herne einer der wütendsten Gegner der Opposition ist. Seine maß- losen Temperamentsausbrüche und Schimpfereien gegen die Minderheit in der Fraktion haben viel zur Verbitterung und Vertiefung der Gegensätze beigetragen. Und all das geschah, weil die Oppo- sitiön seit zwei Jahren eine entschiedene und klare Friedenspolitik von Fraktion und Partei ver- langte, weil sie mit aller Kraft auf einen Verstän- digungsfrieden hindrängte. Das und nichts anderes ist, abgesehen von dem Kampfe gegen die opportunistischen Reformtendenzen der regierungs- sozialistischen FraktionsnreHrHeit, der Ausgangs- und Kernpunkt des Konfliktes in der deutschen Sozialdemokratie. Alles andere ist nur Beiwerk, ist Folgeerscheinung der Ueberhebung, Unduldsam- keit und Gewaltpolitik der Parteibürokratie. Und jetzt kommen die Leute, die bis vor kurzem in der Fortsetzung des Krieges die einzige Lösung des Weltkonfliktes erblickten, und tun so, als ob sie von jeher ehrlich und entschieden für einen gerech- ten Verständigungsfrieden eingetreten seien. Jetzt kommt ein Heine und schreibt, daß es höchste Zeit sei, daß sich die Menschheit aus demLabyrinth des allgemeinen Wahnsinns" herausfinde. Der- selbe Heine, der am Kriege nicht genug gute, das nationale Leben Deutschlands fördernde und be­fruchtende Kräfte entdecken konnte und dadurch wacker mitgeholfen hat, das Volk in das Labyrinth hineinzuführen. Jetzt kommt Heine, der am 12. Dezember vorigen Jahres im Verein mit seinen regierungssozialistischen Freunden der Regierung nicht genug Hosianna singen konnte, weil sie eine platonische Friedensbotschaft in die Welt gehen ließ; der nebst seinen Freunden mit Klauen und Zähnen gegen die Opposition ankämpfte, die eine unzweideutige Erläuterung dieser Friedensbot-