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Nr. 224.
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Vorwärts
8. Jahrg.
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Redaktion: Beuth- Straße 2.
Moderne Feudalherren.
Freitag, den 25. September 1891.
Expedition: Beuth- Straße 3.
Politische Itebersicht.
wieviel Geflügel der Hintersasse Ulrich dem Herzog von Lauenburg alljährlich darzubringen hatte; vielleicht sind auch noch andere Naturallieferungen vereinbart gewesen. Berlin , den 24. September. Die mittelalterlichen Bauern lieferten Hühner, Enten, Das alte Rezept. Die Tagespresse weiß zu melden: Der Rechtsstreit des Fürsten Bismarck, resp. Gänse, Eier, Butter, Käse, Korn, Wein, Stroh, Heu zc. In den letzten Tagen sind in Zawierze( Polen ) unter des Herzogs von Lauenburg gegen den Tagelöhner Es wäre interessant zu erfahren, was von diesen Feudal - den Textilarbeiter Unruhen ausgebrochen. Die Ulrich ist mehr, als nur ein interessanter Einblick in lasten in Varzin bestehen geblieben ist. lärmenden Kundgebungen richteten sich gegen die dortigen die häuslichen und ökonomischen Verhältnisse des GutsDamit aber das Bild des mittelalterlichen Hörigen preise. Zur Wiederherstellung der Ruhe wurde Kaufleute wegen der hohen Lebensmittelherrn von Varzin ; die Affäre erhebt sich zu einer Art sozialer Charakteristik der Klasse, welcher der ehemalige bas moderne Arbeitsverhältniß übergeführt. Der Tage- infolge der militärischen Hilfe die Lebensmittelpreise gevollendet werde, hat Bismarck auch Frohnarbeit in militärische Hilfe in Anspruch genommen." Daß Kanzler angehört. Bekanntlich hat er schon des Defteren die Bewirthschaftung und Verwaltung seiner Landgüter löhner wird zu„ Arbeitsleistungen" verpflichtet und zwar fallen und die nothleidenden Arbeiter ihrer und ihrer als„ musterhaft" bezeichnet. Ohne uns näher darüber auf lange Zeit hinaus, sonst könnte Bismarck für die Kinder Hunger stillen konnten, davon weiß die Presse natürauszulassen, sind wir der Meinung, daß der Haufe von Unterlassung dieser Arbeiten nicht 65 M. 50 Pf. ver- lich nichts zu melden. War auch gar nicht nöthig; wissen wir doch, daß die Regierung die Existenz eines Nothstandes Junkern und Junkergenossen, die zu Bismarck als zu langen. ablengnet. dem Heros und dem mächtigsten Interessenverfechter ihrer Der mittelalterliche Hörige mit Ab= Kaste emporschauen, seinen Wirthschaftsbetrieb nicht nur gaben, 3insen und Frohnden erscheint also am Nothstandsnotizen liefert jeder Tag in Hülle und als musterhaft anerkannt, sondern sich auch der Nach- Ende des neunzehnten Jahrhunderts auf dem Bismarck Fülle. Und wäre die Sache nicht so hochernst, so unsäglich ahmung befleißigt. Man wird sonach die Art der schen Landgut zu Varzin. traurig, man könnte über die sozialen Quacksalber lachen, die Bismarck 'schen Gutsbewirthschaftung als typisch für das Leider wissen wir nicht, was sonst noch in dem famosen sich gegenwärtig im öffentlichen Leben breit machen. Weil feudale Junkerthum Preußens betrachten können. bas Bolk zu arm ist, Roggen- oder Weizenbrot in genügendem Kontrakt steht; zur Vervollständigung des Bildes vom Maße zu kaufen, strengen sich verschiedene Leute an, ein Die von der französischen Revolution zertrümmerte mittelalterlichen Hörigen gehörte aber eigentlich noch der misch brot herzustellen, das zwar billiger herzustellen, in buntscheckige Feudalwelt mit ihren Raubschlössern, Rittern sogenannte Todfall, auch Best haupt genannt, Bezug auf den Nährwerth aber fast werthlos ist. So weiß und Knappen, zinspflichtigen, hörigen und leibeigenen hinein. Diese schöne und hochfeudale Einrichtung be- der Telegraph aus Posen zu melden:" Der Vorstand Bauern blieb und bleibt der schönste Traum des Junker- stimmte, daß der Gutsherr bei dem Ableben des Hörigen des Provinzialvereins zur Bekämpfung thums. Da der Feudalismus auf staatlicher Grundlage sich aus dessen Besitz das Stück auswählen konnte, das sozialdemokratischer Bestrebungen beschloß, nicht wohl wieder herzustellen ist, so führen ihn die Junker ihm am meisten zusagte ein Stück Vieh, ein Kleidungs- hierselbst auf eigenes Risiko Proben mit der Her auf ihrem erbeigenthümlichen Boden wenigstens wieder stück oder was der gemeine Mann" sonst zu besigen stellung eines billigen Mischbrotes anzustellen." ein, so weit sich dies machen läßt. Deffentlich leugnen sie, pflegte. Auch gab es für die unbotmäßigen Leute, denen Leider sagt der Telegraph, den man mit dieser wichtigen daß fie so große Freunde des Mittelalters seien; sie diese Dinge nicht gefallen wollten, ein Auswanderungs- Nachricht beauftragt hat, uns nicht, wie der Vorstand das wollen sich natürlich die rein modernen Annehmlichkeiten verbot. Die Wiederherstellung desselben ist eine bekannte eigene Risiko" auffaßt. Ob er dieses Brot selber essen des Lebens nicht entgehen lassen. Aber nichts däucht junkerliche Forderung; da sie aber bis jetzt glücklicher aber unsere Zustände, daß auf der einen Seite solch ein will? Und das als Risiko betrachtet? Es kennzeichnet ihnen angenehmer, als die mittelalterliche Abhängkeit des Weise nicht verwirklicht werden konnte, so sucht man, wie Verein sich Verein zur Bekämpfung sozialdemokratischer Bauern und Tagelöhners vom Grundherrn und wo immer aus dem Fall Ulrich ersichtlich, die Tagelöhner resp. Bestrebungen" nennen darf, und daß auf der anderen möglich, suchen sie den Arbeitsvertrag so zu gestalten, daß Hörigen durch Kontrakte zu binden, um sie mit der Polizei Seite ein Verein zur Bekämpfung der sozialdemtodas Gespenst der alten Hörigkeit und Leibeigenschaft dar- und den Gerichten verfolgen zu können, wenn ihnen das fratischen Bestrebungen als erste Thätigkeit den von aus hervorschaut. Hörigkeitsverhältniß zu drückend wird und sie sich zu der der Sozialdemokratie behaupteten, von von der Regierung Der Vertrag Bismarck's mit dem Tagelöhner Ulrich großen Masse der Sachsengänger" gesellen. aber geleugneten Nothstand bekämpfen muß. ist in dieser Beziehung geradezu ein Muster. Man könnte noch andere mittelalterliche Institutionen Namensänderung wäre für diesen Verein wirklich am Plate. Der Tagelöhner hat als richtiger Hintersaffe die Woh- anziehen, aber das Bild genügt, der Hörige ist wieder da. die auf diesen genialen Einfall kamen. Die„ Köln . Ztg." Die Pofener Sozialistenfresser sind aber nicht die einzigen, nung vom Gutsherrn angewiesen bekommen, wofür er In dem Arbeitsvertrag enthüllt uns Fürst Bismarck mehr ihm einen Zius in baarem Gelde zu entrichten hat. Das von seinem innersten Denken und Fühlen, seinem Geschmack weiß aus Oberhausen zu melden: ist vielleicht noch das Modernste an dem ganzen Arbeits- und seinen Neigungen, als in seinen sämmtlichen politischen vertrag, denn die mittelalterlichen Bauern zahlten meistens Reden; noch niemals ist so deutlich das heißersehnte Ideal in Naturalien, wenn es auch öfter, namentlich bei geist- des von Bismarck repräsentirten Junkerthums gezeigt lichen Herrschaften vorkam, daß sie so und so viel Pfund worden. Heller" als Zins zu entrichten hatten. Diesen Mann haben die national= Aber Ulrich hatte, wie aus dem Vertrage hervorgeht, liberalen Narren fünfundzwanzig Jahre auch Hühner und Gänse zu liefern. Ganz wie die lang für den ersten Träger liberaler über den Nothstand des Volkestroy Herrn Bauern des Mittelalters. Wir erfahren leider nicht, Ideen gehalten!
Feuilleton.
Mabrud verboten.]
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Er kehrt zurück!
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Originalroman von Jean Meroz. Und ohne ein Wort hinzuzufügen, zog er sachte die Bettdecke weg und zerschnitt das Hemd über der linken Schulter mit einer Scheere; dann schlitzte er den Aermel bis zum Handgelenk auf. Die Schulter war bald entblößt. Sie bot einen schrecklichen Anblick.
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eine blitzende Sonde demselben entnommen, mit der er unn langsam die Wunde untersuchte.
Plötzlich hellte sich sein Gesicht auf, er wandte sich um mit den Worten:
Nun, beruhigen Sie sich, ich habe die Kugel gefunden. Sie ist nicht tief eingedrungen, sie ist völlig im Fleisch geblieben, ohne etwas zerschmettert zu haben.
Einen Augenblick hatte ich gefürchtet; aber Gie können ruhig sein, Madame, in höchstens drei Wochen wird man nichts mehr sehen.
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Eine
Mehrere hiesige Bäcker haben den Versuch gemacht, eine neue Sorte Brot aus Weizen- und Roggenschrot herzustellen. Das Gebäck soll recht schmackhaft sein, ist aber in Bezug auf den Nährwerth von geringerer Güte. Da der große Laib aber 20 Pf. weniger tostet als reines Roggenbrot, so dürfte das neue Brot schnell Eingang finden!
Die Krefelder Hausbesiger jammern auch Caprivi; und so beschäftigte sich denn auch der Vorstand
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Er verdiente ziemlich leicht, was er zu seinem Lebensunterhalt bedurfte und hatte in stiller Verehrung seiner Mutter gelebt, in der Hoffnung, eines Tages Charlotte als sein Weib heimführen zu fönnen.
Jetzt aber hatte er gesehen, wie ihm seine Hoffnungen betrogen hatten und er vergaß über seinen seelischen Leiden die Wunde und die Mutter.
In der Tiefe seines Herzens empfand er einen unbestimmten Groll gegen Robert Guidal, der doch sein bester Freund war. Aber rasch erstickte er dieses Gefühl.
Ein wenig fühlte Michel Ferrand sich wohl entmuthigt, aber seine gesunde Natur trug den Sieg davon. Er wollte leben. Er sah ein, daß er der Sache der Arbeiter, der er sich ohne Rückhalt weihen wollte, noch Dienste leisten könnte.
Unter dem Eindruck des Schmerzes, den ihm das Ge- Robert Guidal war sein ehemaliger Regimentsständiß des jungen Mädchens der Mutter gegenüber in dem famerad in Afrika gewesen, und stets hatten sie Moment als der Arzt eintrat, verursachte, hatte Michel ohne brüderliche Beziehungen unterhalten. Darüber freilich Das Fleisch war angeschwollen. Oberhalb des Schlüssel- eine Klage die schmerzhafte Untersuchung ausgehalten. Er empfand er einen Groll gegen Robert, daß dieser ihm beines sah man einen schwärzlichen Kreis, dessen Mittel- hatte sich nicht gerührt, nicht eine Muskel seines Gesichtes seine Liebe zu Charlotte verheimlicht hatte; er meinte, ein punkt eine Masse geronnenen Blutes bildete. An den hatte sich bewegt. Die Seufzer, welche zu Zeiten seiner Bruder dürfe vor dem Bruder weder im Glück, noch im äußersten Rändern des Kreises ging die schwärzliche Färbung Bruft entschlüpften, hatten ihre Ursache weniger in dem Unglück ein Geheimniß haben. in eine violette über und verlor sich schließlich in der Ge physischen Leiden, als in einem tiefen Schmerze, welcher sein schwulst des Fleisches. Herz zu brechen drohte. Der Arzt war ein alter Mann, groß und stark gebaut, Michel Ferrand betete Charlotte an, ohne jemals gemit weißem Haar und glattrajirtem Gesicht, sein Mund wagt zu wagen, ihr seine Liebe zu gestehen. hatte den Ausdruck großer Güte, und hinter einer goldenen Er fam oft zu Deshommes, dessen rechte Hand und Brille glänzten zwei lebhafte jugendliche und intelligente Bertrauter er war. Er hatte das junge Mädchen heranAugen. wachsen, sich entwickeln und zur Jungfrau reifen sehen. Nachdem er unter Beobachtung großer Vorsicht, fast Ihre Schönheit, Anmuth und Liebenswürdigkeit hatten ihn durch bloße Berührung, die Wunde untersucht hatte, hob gefeffelt. Er selbst war groß gewachsen, ein schmucker, er unmerklich den Kopf des Patienten in die Höhe. Sein junger Mann, voll Kraft und von außerordentlicher Sanft Gesicht legte sich in ernste Falten, wodurch die alte Mutter, muth. welche angstvoll, aufmerksam ganz nahe bei ihm stand, so Ein ausgezeichneter Arbeiter in seinem Fache war erschreckt ward, daß sie ein Zittern überlief. es ihm gelungen, sich auf eigene Rechnung zu etabliren und Sie that einen Schritt vorwärts, aber dann blieb sie sich der Tyrannei des Arbeitgebers, sowie der Sklaverei stehen. Der Arzt hatte soeben sein Kästchen geöffnet und der Werkstatt zu entziehen.
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Der alte Arzt war mit dem Verbinden der Wunde fertig geworden. Nachdem er den Patienten das Deckbett wieder über die Schulter gelegt hatte, schrieb er ein Rezept und nahm seinen Hut.
- Alles geht gut, sagte er, als er auf der Thürschwelle stand. Beunruhigen Sie sich nicht, wenn das Fieber auch heftiger wird, in zwei bis drei Tagen wird es nachlassen. Uebrigens werde ich morgen in aller Frühe wiederkommen. Besonders wachen Sie darüber, daß er nicht zu viel spricht und lassen Sie ihn regelmäßig die Arznei einnehmen, welche