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Mitteilung;-»
des Verbandes der sozialdemokratischen Wahlvereine Berlins und Umgegend. In beziehen durch die Bezirksführer die Nummer zu 10 Pf. oder durch die Post.— Redaktion u. Verlag: 0.27. Schicklerstr. 5. Fernruf: Alexander, 3007.
Nr. 21.
Berlin, den 25. August 1918.
13. Jahrgang.
Soziallmperialiftirdie Purzelbäume.
Uaulchens Sorgen. Vor ungefähr 10 oder 15 Jahren konnte man folgendes Eefchichtchen aus der russischen revo- lutionären Bewegung lesen: Ein fanatisch tätiger revolutionärer Agitator verschwand eines Tages aus den Reihen seiner Kampfgenossen. Nach länge- rer Zeit stieg ein Bekannter zufällig aus ihn und sah, dag der Wiedergefundene die Uniform eines — zaristischen Gendarmen trug. Zur Rede gestellt über den sonderbaren Berufs- und Kostümwechsel, sagte der Mann:„Ich bin noch genau der über- zeugte Revolutionär wie früher. Aber da das Volk noch viel zu schlaff und stumpf ist, um Revo- lution zu machen, mug es erst aufgereizt und noch weit mehr gebüttelt und drangsaliert werden. Da- zu kann ich als Gendarm am besten beitragen. Je mehr ich die Muschiks peinige, desto eher kommt für mich die Möglichkeit, mich wieder als Revo- lutionär zu betätigen." An diese Geschichte wird man erinnert, wenn man das Treiben des extrem sozialimperialistischen Flügels unserer Regierungssozialisten betrachtet, wie es vor allem in der„Glocke" seinen litera- Tischen Niederschlag findet. In erster Linie ist es da Herr Dr. Paul L e n s ch, der Tag und Nacht nur von der einen großen Sorge geplagt wird: wie können die— englischen Arbeiter revolutioniert werden? Um dieses Ziel zu erreichen, zieht er zwar keine Gendarmen- oder gar feldgraue Uniform an, dafür unterstützt er aber in Wort und Schrift die militärische Aktion, die das„weltbe- herrschende, perfide England" zertrümmern und die englischen Arbeiter, nach Lensch's Meinung, reif machen soll für den internationalen Sozia- lismus. Lensch verficht bekanntlich seit den November- tagen 1914, wo er aus einem kriegsgegnerischen Saulus ein kriegsbejahender Paulus wurde, die These: Der Weltkrieg ist die Weltrevolution an sich. England repräsentiert die Weltreaktion, Deutsch- land verficht das revolutionäre Prinzip. Veth- Mann-Hollweg, Michaelis, Graf Hertling, Hinden- bürg, Ludendorff, der preußische und der bayrische Kronprinz, die Generäle von Eichhorn und Kirch- dach in der Ukraine, der General von der Goltz in Finnland, General von Falkenhayn in Belgien usw., sie alle sind oder waren nach des genialen Pauls Meinung Heroen'der Weltreoolution. Und es war ein Glück für Paulchen, daß er eine Stätte fand, wo er mit seinesgleichen allwöchentlich den „sozialistischen" Segen über das Walten und Wir- ken des deutschen Imperialismus sprechen kann. Der Oberrenegat und„sozialistische" Kriegs- gewinnler P a r v u s gibt nicht umsonst das Geld für die„Glocke" her. Er weiß, daß es genug Vögel gibt, die auf die vergol- dete Leimrute gehen und dann das Lied pfeifen, das seinen Wünschen entspricht. Aber es ist viel- leicht nur ein ganz zufälliger Zufall, daß so man- cher Umlerner seine neue Ueberzeugung auf dem Wege fand, der zu den Leuten führt, die über den größeren Geldbeutel verfügen. Aber es genügte Herrn Lensch nicht, mjöerem mit dem wissenschaftlichen Condottiere der Schwer- industrie und des Großkapitals, dem Herrn Pro- fesior Plenge. am Strange der sozialimperialisti- schen„Glocke" zu ziehen; er setzte sich auch hin und schrieb zwei Bücher, in denen er seine funkelnagel- neue Revolutionstheorie wissenschaftlich und als einzig erleuchteter Marx-Jnterpret begründete. Dem Buche mit dem Sensationstitel:„Die Sozial- demokratie, ihr Ende und ihr Glück" folgte das Werk:„Drei Jahre Weltreoolution". Der büraer-
liche Verlag, der diese beiden Prachterzeugnisse „sozialistischer" Kriegsliteratur mit sensationellem Reklametamtam auf den Büchermarkt warf, hat damit sicher ein gutes Geschäft gemacht und Herr Paul Lensch auch. Ueber sein zuletzt.genanntes Buch wird im„Archiv für Sozialwissenschaft und Sozialpolitik" folgendermaßen geurteilt: „Lensch erniedrigt die Idee, welcher er einst dienen wollte, welche er lauter im Munde führte als irgend jemand. Er hat nicht den Mut sich zu einer anderen Anschauung zu bekennen, daß er heute für des Deut- schen Reiches Macht und Herrlichkeit! streitet und das Prinzip des Wcltbaues, wie es dem Sozialismus vor- schwebt, für irreale Phantasie hält— und er geht hin und putzt sein machtpolitisches Ideal mit den Emble- men des sozialistischen Gedankens. Wem es irgendwie ernst ist mit der Realität von Ideen, wem sie Reali- täten sind, ebenso real und stark als die handfesten Dinge der Wirklichkeit(welche ja gar keine Wirkung üben können, ohne in eine Idee einzugehen), der wird ein solches Buch nur mit dem Gefühl einer u n tt b e r- windlichen Abneigung und des Wider- willens aus der Hand legen— wie immer er zu der Idee stehen mag, aus welcher ein ehemaliger Jünger das Aushängeschild für seine intellektuelle Schaubude gemacht hat." Doch die Ignoranten, die so etwas schreiben, kapieren natürlich nicht, daß Herr Paul Lensch bei der Abfassung seiner Meisterwerke nur von der einen Sorge getrieben wurde, unter allen Um- ständen dazu beizutragen, daß die englischen Ar- beiter durch Zerschmetterung des kapitalistischen Englands revolutioniert werden. Leider hat er aber damit nicht viel Glück gehabt. Die Regie- rung Lloyd Georges hat vielmehr die Niederträch- tigkeit besessen, die„Drei Jahre Weltrevolution" schleunigst ins Englische übersetzen und in großer Auflage unter der Arbeiterschaft verteilen zu lassen. Die englischen Kriegstreiber können sich gar kein besseres Material wünschen, um den Nachweis zu erbringen, daß die deutsche Sozialdemokratie im- perialistisch bis auf die Knochen fei. Seht, sagen sie zu ihren Arbeitern, so schreibt ein„radikaler" deutscher Sozialdemokrat; müßt ihr euch da nicht erst recht hinter eure Regierung stellen und die Anschläge des deutschen Imperialismus abwehren helfen? Ob Herr Paul Lensch mit diesem praMschen Erfolge seiner Revolutionstheorie zufrieden ist, mag er mit sich selbst ausmachen. Vielleicht erfüllt es ihn mit Stolz, daß sein Opus der gleichen Ehre teilhaftig geworden ist, wie weiland das des Gene- rals von Bernhardy, das ja auch in einer Millio- nenauflage von den englischen Imperialisten unter das Volk geworfen wurde. Und wenn der General von Bernhardy während des Krieges den Orden pour le merite erhalten hat, so ist nicht einzusehen, warum nicht auch dem großen sozialimperialisti- schen Strategen an der Heimatfront eine ähnliche Auszeichnung zuteil wird.. Denn ein Bursch wie Paul Lensch läßt� nicht locker. In der neuesten Nummer der„Glocke" ver- öffentlicht er wieder einen Artikel über„die soziale Revolutionierung Englands". Der geplante Ueber- gang des kapitalistischen Englands zum Schutzzoll- system begeistert ihn zu dem Satz:„Damit bricht das alte Gesellschaftssystem Englands zusammen. Und weiter jubiliert er:„Mit dem Uebergang zum Schutzzoll gibt England das Eingeständnis ab, daß es den Krieg, wie es ihn von Anfang an aufgefaßt und geführt hat, nämlich als Handelskrieg, ver- loren hat." Mit anderen Worten also: Deutsch- land hat beute schon besagten Handelskrieg ge-
Berlin, den 20. August 1918. wonnen! Das scheint uns ein etwas ver- frllhter Jubel. Denn was für ökonomische Er- rungenschaften Deutschland aus dem jahrelangen Ringen davongetragen und inwieweit England der wirtschaftlich Unterlegene sein wird, das liegt vor- läufig noch sehr im Dunkel. Aber Herr Paul Lensch betrachtet die Dinge aus einer hohen, weltumspannenden Perspektive. Für ihn stürzt mit Preisgabe des Freihandels in England„'das letzte Bollwerk liberaler Weltan- schauung in Trümmer. In Zukunft wird es nur noch Imperialisten oder Sozialisten geben". Der Uebergang zum Schutzzoll wird die englischen Ar- beiter zum internationalen Sozialismus bekehren, und wenn dann der n ä ch st e Krieg kommt, dann, ja dann wird„die Aussicht auf eine Ueber- windung der gegenwärtigen widerspruchsvollen Gesellschaftsordnung sein. Und um zur Erreichung dieses hohen Zieles im n ä ch st e n Kriege beizutragen, spielt Paulchen im gegenwärtigen Kriege die Rolle des ein- gangs erwähnten Revolutionärs im Gendarmen- kittel.
Arvetterklasse«nd Sozialimperialismus. Das vorstehende ist geschrieben worden nicht aus Lust an der Katzbalgerei mit einem Paul Lensch, sondern weil in der sozialimperialistischen Theorie und Praxis eine große Gefahr für die deutsche Arbeiterklasse und den internationalen Sozialismus überhaupt liegt. In der Theorie von der Weltrevolution st la Lensch kommt die Arbeiter- klasse als selbständig handelnder politischer Faktor überhaupt nicht in Betracht oder höchstens als Material, mit dem seine Heroen der Weltrevo- lution schalten und walten können. Und die Aus- schaltung der Arbeiterklasse als bewußt handeln- des Subjekt ist auch der Grundgedanke in den zahl- losen Artikeln der Gesinnungsgenossen Paul Lensch's, der Winnig, Jansson, Heilmann und der Männer der„Sozialistischen Monatshefte"; dieser Gedanke beherrscht Theorie und Praxis der Herren von der Eeneralkommission der Gewerkschaften. Und er kehrt immer wieder in den Spalten der regierungssozialistischen und gewerkschaftlichen Presse. Die Arbeiterklasse soll das bemutterte Ob- jekt der Parlamentarier, Gewerkschaftsführer, Or- ganifationsleiter usw. sein. Während des Krieges soll die Arbeiterklasse auf die regierunFssozia- listische These von der Landesverteidigung fest- gelegt bleiben, nach dem Kriege schwebt den Heil- mann, Winnig, Plenge usw. das Ideal eines Staatskapitalismus, gemildert durch etwas deko- rative Scheindemokratie, vor, bei dem die Führer im Parlamente Pfennigerfolge erlisten und die Ge- werkschaftsführer dem großindustriellen und fis- kalischen Kapitalismus kärgliche Zugeständnisse abschachern können, während die Arbeiterklasse ge- duldig die Kriegsfolgen und die Entbehrungen eines Notfriedens auf sich nehmen muß, bis sie— nach Lensch— beim nächsten Kriege von ihren Führern an ihre vaterländische Pflicht gemahnt wird. Die sozialimperialistischen Apostel zwingen der regierungssozialistischen Partei ihren Willen auf. Sie stützen sich auf den Einfluß der Ernernßom- Mission und den des sich im Hintergrunde halten- den Parvus. Sie haben immerhin ein festes Ziel und einen festen Willen. So geniert sich Herr Lensch nickt, in diesen Tagen der Kolonialkriege r- spende Agitationsreden für die kapitalistische Kalo- nialpolitik zu halten. Spricht er doch am 22. August