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Cleichher

Illustrirtes Unterhaltungsblatt für das Volk.

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Erscheint wöchentlich.- Preis vierteljährlich 1 Mark 20 Pfennig. In Heften à 30 Pfennig. Zu beziehen durch alle Buchhandlungen und Postämter.

[ 1876

Goldene und eiserne Ketten. Erzählung aus schweren Tagen von C. Lübeck.

Es ist der Sommer 1843. Glühend heiß brennt die Sonne, und unter ihren sengenden Strahlen bleicht das frische Grün der Wiesen und verdorrt die kräftige Vegetation, welche die Höhen­züge des Riefengebirges bedeckt., Welk und matt blickt Alles in der Natur, nur die Menschen in den armen Dörfern des Ge­birges klagen über Kälte, obgleich auch auf ihre Dächer die Sonne fast senkrecht fällt und in den Zimmern der Ofen, der als Herd dient, keinen Tag ohne Feuerung bleibt. Seit vielen Jahrzehnten schon herrscht in den schlesischen Weberbezirken ein trostloser, grauenhafter Winter, und kein Sommer in der Natur vermag ihn zu mildern. Die Perle in der Krone Preußens" hat ihren Glanz verloren und schreckliches Siechthum die arbeit same Bevölkerung ergriffen, deren Fleiß Schlesien einst einen ruhmvollen Namen in allen Welttheilen erwarb.

Einer der armen Weberbezirke des Riesengebirges liegt vor uns. Verfallene Dörfer erheben sich aus den Thälern. Da ist fein Stall, fein Zaun, keine Hundehütte mehr, nicht einmal ein Schornstein auf den Dächern-Alles verwittert und verfallen, das Gebält verfault wie das Stroh, das seit einem halben Jahrhundert auf den Dächern liegt, ohne je erneuert worden zu sein. Zerlumpte, hohläugige Gestalten beleben die Straßen, matt und kraftlos wanken sie dahin, und doch wird in diesen Dörfern rastlos gearbeitet, tagein, tagaus, vom frühen Morgen bis tief in die Nacht hinein. Jung und Alt sitzt hier bei der Arbeit, vom zarten Kinde bis zum Greise hinauf, keine Hand läßt der Hunger, der schreckliche Gast in den Besthöhlen, ruhen, keinen Augenblick die fruchtlose Arbeit unterbrechen. Immer wieder setzt er die ermattenden Arme in Bewegung und belebt die erblinden­den Augen. Hungrig steht man des Morgens auf und hungrig sinkt man des Abends wieder auf das Lager nieder, und so geht es fort, Tag um Tag, jahrein, jahraus. Ein verlockendes Wüstenbild ist die Arbeit und ihr Lohn. Weiter und weiter ward die Last des Lebens geschleppt, Strauchelnde und Fallende raffen sich wieder auf, um weiter zu taumeln, und am Ziele der Wanderung die ewige, trostlose und höhnische Verwandlung! an Stelle der Rettung die bleiche Gestalt des Hungers!

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Keine Feder vermag die Kämpfe der Verzweiflung zu schil­

dern, die sich hinter den trüben Scheiben abspielen, Niemand die Thränen zu zählen, die auf die Weben fallen, und die Seufzer, Klagen und Flüche gegen Gott und Menschen, die mit hinein­gewebt sind in die Leinwand, welche allmonatlich die Dörfer ver­läßt und in die Städte wandert, wo von ihrem Verkaufe zahl­reiche Händler ihr Auskommen finden.

Die Kriege der europäischen Dynasten gegen das freigewordene Volk in Frankreich versetzten der Leinenindustrie Schlesiens den ersten gewaltigen Stoß. Bei der ersten Erschütterung schon zeigte es sich, daß die Industrie auf ungesunder Grundlage ruhte. Paläste hatten die Händler von der Arbeit der Weber erbaut, diese aber waren arm und elend geblieben wie die zahlreichen Hülfsarbeiter, die ihnen zur Seite standen. Bei aller Arbeit hatten sie nicht mehr als ihr dürftiges Auskommen gefunden; doch war es noch Brauch gewesen, daß die Kaufleute die Weber leben ließen". Das hörte nun auf, und die hervorbrechende Noth führte zu Regungen wilder Verzweiflung, die sich gegen die reicy gewordenen Händler richteten. Mit den Bajonetten, den unfehl= baren Beruhigungsmitteln der Könige, wurden die Ausschreitungen erstickt, der Noth selbst wurde nicht gesteuert. Mit Riesenschritten eilte von da ab die Industrie ihrem Verfall entgegen; die Kon­tinentalsperre, die englische Maschinen- Konkurrenz und die her­metische Abschließung Rußlands durch den Schirmvogt der heiligen Allianz, den Kaiser Alexander, vollendeten das Werk der Zer­störung.

Tief drückten die Händler die Löhne und Preise herab, um der englischen Konkurrenz zu begegnen und die alten reichen Ein­fünfte aus dem Fleiße der Arbeiter sich noch weiter zu sichern. Lawinenartig schwoll die Noth an, von Jahr zu Jahr schrecklichere Formen annehmend. Höher und höher thürmten die Wogen sich, Tausende gingen darin zu Grunde, lange aber währte es, ehe der Staat seiner Pflicht sich erinnerte und zu helfen versuchte. Unter dem Staatskanzler Hardenberg machte er einen Anfang, die Leinenindustrie staatlich zu organisiren; er eröffnete Fabriken und beschäftigte viele brotlose Arbeiter. War auch dieser Versuch des Staates vom glänzendsten Erfolge gekrönt, so wurde doch Schlesien bald wieder seinem schrecklichen Schicksale preisgegeben, höhere