Die Lene Bell

Illustrirtes Unterhaltungsblatt für das Volk.

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Preis vierteljährlich 1 Mark 20 Pfennig. In Heften à 30 Pfennig. Zu beziehen durch alle Buchhandlungen und Postämter.

No15.Jahrg..

Erscheint wöchentlich.

1878.

Ein verlorener Posten.

Roman von Rudolf Lavant . ( Fortsetzung.)

Wir sind nun wohl genügend über die drei einander so wenig ähnlichen Frauengestalten orientirt, deren weiche Hände in das Ge­schick unsres Helden einzugreifen bestimmt sind, und es dürfte nach grade an der Zeit sein, daß wir uns nach diesem umsehen. Was man von Frauen über einen Mann in Erfahrung bringen kann, ist in der Regel nur wenig und hat mit seiner Charaktereigenthümlich feit nicht viel zu schaffen; sie halten sich an Aeußerliches, und so fein und rasch sie in dieser Hinsicht beobachten, so schwach ist ihr Vermögen, in die Individualität des Beurtheilten einzudringen und Schlüsse aus den bedeutsamen kleinen Zügen zu ziehen, durch welche dieselbe sich verräth. Männliche Beobachter operiren ent­gegengesetzt; sie haben weder eine Gewißheit über die Farbe der Augen ihres Studienkopfes erlangt, noch vermögen sie zu konsta­tiren, daß an einem Handschuh das Schlußknöpfchen fehlte und daß ein Knopf am Rock ein wenig abgeschabt war, aber dafür pflegen sie über die hervorstechendsten Charakterzüge, über die größere oder geringere Originalität und selbst über das Gemüths­leben des Objekts ihrer Beobachtung in der Hauptsache im klaren zu sein. Abgesehen nun davon, daß die drei Damen, deren Ge­plauder wir belauschten, garnicht in der Lage gewesen sind, zu zeigen, ob sie einen Mann nicht nach zufälligen und untergeord­neten Aeußerlichkeiten beurtheilen und daß der am wenigsten Gesprächigen, die also aller Wahrscheinlichkeit nach die beste Beobachterin ist, die Gelegenheit, sich zu äußern, abgeschnitten wurde, bleibt uns schon nichts übrig, als unsern Helden selber unter die Lupe zu nehmen und in sein häusliches Stillleben einen prüfenden Blick zu werfen. Unser Interesse ist ja zur genüge geweckt worden.

des Abends trübe, drückende Schwüle mochten wohl eine un­bestimmte Niedergeschlagenheit in ihm erzeugt haben, denn als die gute Frau Meiling mit Licht und dem frugalen Abendbrot kam, gab er auf die Fragen der plauderlustigen Alten so knappe und kühle Antworten, daß sie bald einsah, er sei weder aufgelegt, sich mit ihr zu unterhalten, noch sie( mit dem ernsthaftesten Gesicht von der Welt) ein wenig zu necken und zu schrauben. Sie wußte bereits, daß es unter solchen Verhältnissen das Gerathenste war, ihn allein zu lassen; es war ein eigner" Herr, dieser ihr Mieths­mann, und garnicht wie andere junge Leute, wie sie ihren Nach­barinnen schon wiederholt mit einem leisen Wiegen des Kopfes und doch auch mit einem etwas stolzen Lächeln versichert hatte, aber so gut und freundlich, daß man garnicht anders konnte, als sich in ihn zu schicken und ihm alles an den Augen abzusehen. Er hatte eine Art, den Leuten selbst ihnen Widriges erträglich zu machen, die unwiderstehlich war, eine sanfte, fast bittende, ein wenig humoristische und doch zugleich ganz bestimmte Art, die Frau Meiling in ihrem Leben noch nicht aufgestoßen war. Daß sie ihm über nichts grollen konnte, hatte sie gleich am Tage seines Einzugs bei ihr erfahren. Als er auf der Suche nach einer ihm zusagenden Wohnung eines Abends in ihr Haus getreten war und sie gefragt hatte, ob im oberen Stock und zwar auf der Rückseite, von wo man die Berge stets vor Augen habe, nicht ein Zimmer zu haben sei, vielleicht auch ein kleines Schlafgemach, er brauche Luft und Licht auch im aber beileibe fein Alkoven Schlafe-, hatte sie zwar zugeben müssen, daß sie recht wohl zwei Zimmerchen abgeben könne, aber sie mochte sich, da sie keine Magd hatte und kinderlos war und von den Zinsen des in viel­Ungefähr zu der Zeit, da wir uns in das Haus des Kom- jähriger Ehe Erübrigten bequem leben konnte, auf ihre alten merzienraths einschlichen, war Wolfgang Hammer, von seinem großen, flugen Neufundländer begleitet, von einer vielstündigen, ziellosen Streife durch den Wald und über die Berge heim­gekommen. Er begrüßte seine alte Wirthiu, eine ehrsame Klempner­wittwe, die strickend in der Hausflur saß, mit einem freundlichen Buruf, stieg hinauf in sein Zimmer im ersten Stock, steckte den großen Strauß gelber Primeln, den er mitgebracht hatte, in's Wasser, öffnete die Fenster und sah in tiefen Gedanken hinaus nach den Bergen, die sich rasch in Dunkelheit hüllten. Am wolken­überzogenen Himmel ließ nur da und dort ein matter Stern sich erkennen, und die Müdigkeit nach dem angreifenden Marsch und

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Tage teine solche Last mehr machen, und hatte also nach Aeuße­rung vielfacher Bedenken und Strupel und nach langem Ueberlegen und Zaudern schließlich doch abgelehnt. Aber es war ihr sauer geworden; der hübsche, stattliche junge Mann mit dem offnen Gesicht, den guten Augen und der einschmeichelnden Stimme, der ihr versicherte, daß er fast gar keine Bedienung beanspruche und daß sie ihn nicht viel merken werde, war ihr die ganze Nacht im Kopfe herumgegangen, das tief in der weiblichen Natur begrün­dete Verlangen, jemanden zu haben, für den man sorgen und dem man das Dasein unmerklich und geräuschlos behaglicher machen kann, erwachte aus jahrelangem Schlummer und ein

III. 12. Januar 1878.