Die Zone Well
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No 41, Jahrg. III
Illustrirtes Unterhaltungsblatt für das Volk.
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Erscheint wöchentlich. Preis vierteljährlich 1 Mark 20 Pfennig. In Heften à 30 Pfennig. Zu beziehen durch alle Buchhandlungen und Postämter.
1878.
Wenn alles in uns flutet und stürmt, haben wir eine verhängnißvolle Neigung, das Nächstliegende zu übersehen; Wolfgangs Brief hatte Martha in eine so fieberhafte Aufregung versetzt, daß sie erst gegen Morgen sich die Frage vorlegte, wie dieser Brief wohl auf ihr Fensterbrett und zwischen ihre Blumentöpfe gekommen sei. Anna war zuletzt bei ihr gewesen- dazu kam des jungen Mädchens befangenes und unsicheres Wesen, das ihr wieder einfielund war es nicht sehr denkbar, daß er gerade sie zur Ueberbringerin sich ausersehen hatte, sie früher als jede andre Mittelsperson? Innere Unruhe, erwartungsvolle Spannung und ein letzter matter Schimmer von Hoffnung, von der Kleinen doch vielleicht etwas über sein Reiseziel zu erfahren, trieben sie im Zimmer hin und her und die Minuten dehnten sich zu Ewigfeiten. Endlich wurde es rege im Hause; sie konnte Dorette flingeln und sie ersuchen, Anna so bald als möglich zu ihr zu schicken.
Die Kleine schrak zusammen, als ihr dieser Wunsch hinterbracht ward; cilfertig und mit brennenden Wangen flog sie die Stufen hinauf; zagend öffnete sie die Thür und ein einziger forschender Blick in Marthas Gesicht reichte hin, sie mit der bittersten Reue über die Eigenmächtigkeit zu erfüllen, mit der sie augenscheinlich großes Unheil angerichtet hatte. Die Thränen schossen ihr in die Augen, als Martha hastig und erregt fragte: Haben Sie mir gestern Abend einen Brief auf's Fensterbrett gelegt?" und mit gesenktem Blick und stockender, kaum hörbarer Stimme bejahte sie die Frage und sagte fast demüthig und in bittendem Tone:
" Ach, verzeihen Sie mir, Fräulein Hoyer, ich habe es so gut gemeint und es ist mir so sauer geworden
"
" Von wem haben Sie ihn bekommen?" forschte Martha weiter, ohne die Worte zu beachten.
" Von Herrn Hammer. Er ließ mich am Mittwoch zu sich fommen, sagte mir, daß er fort müsse und bat mich, Ihnen den Brief zuzustellen, nachdem er abgereist sei."
" Seit Mittwoch! Zwei volle Tage schon! Ach, Anna, warum mußten Sie so gewissenhaft sein! Warum haben Sie mir den Brief nicht einen Tag früher gebracht! Sie hätten mir und wohl auch ihm einen großen Dienst erwiesen; er müßte Ihnen verzeihen und ich würde selber für Sie bitten. Nun ist er fort und es ist zu spät."
Die Kleine hatte bei den ersten Worten in frohem Schreck aufgehorcht und der Wechsel zwischen Verzweiflung und Reue und Glück und Triumph war ein so jäher und überwältigender, daß sie sich vor glückseligem Uebermuth kaum zu fassen wußte und lachend und weinend herausstieß:
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„ Aber Fräulein, so ist es ja garnicht, er ist ja noch garnicht fort er reist ja erst heute Nacht ich habe Ihnen den Brief ja früher gegeben, als ich sollte und durfte, weil ich mir dachte, es könnte so besser sein für ihn und für Sie! So habe ich es also doch gut gemacht und Ihnen nicht wehe gethan, und er wird mir zu guterletzt noch danken müssen?"
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Martha suchte mit der einen Hand eine Stüße an dem Spiegeltischchen und legte die andre vor die Augen die Wandlung war ja für sie noch in ganz anderem Sinne überwältigend wie für die kleine Anna, der die hellen Freudenthränen über die Wangen stürzten, dann aber kam es wie ein Jauchzen über ihre Lippen, wie ein Jubelruf, und sie legte ihren einen Arm um den Hals Annas und küßte sie auf die Stirn.
" Freilich haben Sie es gut gemacht, freilich sind Sie klug gewesen, freilich wäre ich jetzt ohne Sie sehr, sehr unglücklich viel unglücklicher, als Sie Sich denken können!" sagte sie leise und herzlich, und ihre weiße Hand glitt schmeichelnd über das in glücklicher Verschämtheit gesenkte Köpfchen. Anna hatte einen scheuen Blick zu Martha erhoben wie leuchteten jetzt diese dunklen Augen, deren trostloser, zerstreuter Ausdruck sie wenige Minuten vorher noch so tödtlich erschreckt und ihr allen Muth genommen, der ihr wenige Minuten vorher noch zum bittersten Selbstvorwurf gereicht hatte! Sie schauerte zusammen unter der liebkosenden Berührung der weichen Hand, die sie am liebsten an ihre Lippen gezogen hätte, und sagte, ihre Bewegung mühsam niederkämpfend: " Wie glücklich mich das macht! Ich hätte keine ruhige Stunde wieder gehabt, wenn es schlimm abgelaufen wäre, und ich habe die beiden letzten Nächte vor Herzklopfen kein Auge geschlossen. Hundertmal habe ich mir gesagt:" Du darfst nicht!" und immer wieder sagte mir dann eine Stimme:„ Du mußt!" Und wie habe ich mich vor Ihrer ersten Frage gefürchtet! Ms Sie mich vorhin heraufrufen ließen, war es mir gerade, als müßte ich vor's öffentliche Gericht! Nein, das war ganz schrecklich, Fräulein aber jetzt möchte ich die ganze Welt umarmen!" Martha erwiderte mit einem gerührten Lächeln:
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III. 13. Juli 1878,