Die Neue Well

23.

Illustrirtes Unterhaltungsblatt für das Volk.

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In Heften à 30 Pfennig.

Erscheint wöchentlich. Preis vierteljährlich 1 Mark 20 Pfennig. Preis vierteljährlich 1 Mark 20 Pfennig. Zu beziehen durch alle Buchhandlungen und Postämter.

Dem Schicksal abgerungen.

Novelle von Rudolph von 33...... ( Fortsetzung.)

Am Morgen des 24. Dezember war Herr Prell wieder in die Redaktion zurückgekehrt. Seme Thätigkeit im Gebirge sei eine allzu anstrengende gewesen, theilte er, freilich etwas klein­lauter als gewöhnlich, dem über seine unerwartete Rückkehr er­staunten Friz Lauter mit, darum habe ihn der Chefredakteur selbst für ein paar Tage abgelöst und ihn zu erholendem Genusse der Weihnachtsfeiertage nach P. zurückgeschickt.

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Er hatte auch nicht ganz unrecht der Herr Prell: seine Thätigkeit konnte wirklich, wenn auch nicht grade als eine allzu anstrengende, so doch als eine sehr angreifende und aufreibende bezeichnet werden. Sie griff zunächst den Geldbeutel des Herrn Berichterstatters derart an, daß er seinen Chefredakteur, als dieser ihm die Nothwendigkeit seines sofortigen Abzugs aus Oberberg­stadt und Umgegend klar gemacht hatte, um einen, wie er sagte, fleinen, in Wahrheit aber für seine Verhältnisse ziemlich beden­tenden Vorschuß ersuchen mußte, um nur aus dem Gasthof, in welchem er inzwischen ganz heimisch geworden war, auch mit Ehren abziehen zu können. Und dann war sie vollauf dazu geeignet gewesen, seine nicht mehr übermäßig feste Gesundheit innerhalb nicht gar langer Zeit aufzureiben das bewies sein ganzes Aussehen; die Gesichtshaut zeigte eine noch fahlere Farbe als sonst, die Augen lagen tief in ihren Höhlen und waren von bläulichen Ringen umzogen und auf seinen mageren Wangen glänzte eine ungewöhnliche Röthe in scharf abgegrenzten, unregel­mäßig gestalteten Flecken, eine Röthe, wie er sie selbst nicht auf den Lippen, höchstens noch auf der Nasenspitze aufzuweisen hatte. Und jener seiner angreifenden Beschäftigung mit Leib und Seele hingegeben, hatte ihn Herr Schweder überrascht. Auf der Eisen­bahnstation kurz vor Oberbergstadt hatte er gesessen, in dem winzig fleinen Zimmerchen, welches den pomphaften Namen Wartesalon erster und zweiter Klasse" führte und an solchen Wintertagen, wie der gestrige war, den Bahnhofsinspektor mit einem wohl­habenden Kohlenhändler, einem noch wohlhabenderen Bauerguts­besitzer in der Nachbarschaft und noch einigen Leuten, welche im Winter nichts Besseres thun zu können glaubten, als mit Karten­spielen die Zeit zu tödten, zu einem gemüthlichen Jeuchen" zu vereinigen pflegte. Herr Prell war auf das bereitwilligste in diesen trauten Kreis eingetreten und aufgenommen worden. Er gebot über ein ansehnliches Repertoir von Schnurren, Wizen und Kalauern, welche zu allergrößtem Theile den mit der großen Welt in seltene Berührungen kommenden Provinzlern noch funkel nagelneu waren, und außerdem hatte er Geld wie Heu und

1880.

Galgenhumor für ein ganzes Dutzend Feinde der Langeweile. Dem Herrn Prell seinerseits war das Kartenspiel die liebste Beschäftigung, und er konnte es auch besser, als sonst was in der Welt. Er rühmte sich, alle Kartenspiele zu kennen und meisterlich zu spielen, die es in den civilisirten Ländern über­haupt gebe. Dieses nach Umfang und Tiefe erstaunliche Wissen bethätigte er auf der Haltestation Steinseifen in hohem Maße. Mit dem Bauergutsbesißer spielte er Piquet, mit der gesammten Tafelrunde Solo oder Schafkopf, mit dem Bahnhofinspektor und dem Kohlenhändler, welch' letzterer früher ein Anwesen im Groß­herzogthum besessen hatte, Preference, und gemeinsam mit dem ersteren, der als junger Eisenbahneleve die Ehre und das Ver­gnügen genossen hatte, Kneipschwanz bei einer studentischen Lands­mannschaft zu sein, seufzte er darüber, daß hier, wo sich die Füchse Gute Nacht sagten, nicht einmal der dritte Mann zu dem Spiele aller Spiele, dem herrlichen, allein eines akademisch gebildeten Mannes würdigen Sfat aufzutreiben sei.

Aber diese vielseitige Bewährung seiner ungewöhnlichen Leistungsfähigkeit hatte dem Journalisten comme il faut noch nicht genügt. Er hatte seine Spielgenossen solange angeeifert, von dem philiströsen Solo und Preference abzulassen, bis sie schließlich beständig mit ihm irgendeins jener blutigen Hazard­spiele spielten, bei welchen schon mancher Haus und Hof, Ehre und Leben eingebüßt hat. Was Herr Prell von alledem noch zu verlieren hatte, war keinen Schuß Pulver werth, das gestand er sich in den Stunden der Einkehr bei sich selbst häufig genug zu; aber er hatte hohe Reisediäten zu verspielen, und das that er denn auch mit der größten Gewissenhaftigkeit. Allerdings spielte er auch die Hazardspiele bei weitem pfiffiger, als seine Mitspieler; aber diese entwickelten das Glück der Anfänger, jenes verhängnißvolle Glück, welches von einem tückischen Geschick dem unerfahrenen Spieler so oft als ein Köder hingeworfen wird, an dem fast jeder hängen bleibt, um die Spielleidenschaft nimmer wieder loszuwerden. Herr Prell dagegen vertraute viel zu sehr auf seine Ueberlegenheit, ging tollkühn drauf und suchte nach dem anfänglichen Verlust das Glück in sein Gefolge zu zwingen. Da mußte zu all' seinem enormen Pech dicht vor den Weihnachts­feiertagen, während der mehr wie je vorher Muße gewesen wäre für den Bahnhofinspektor und die andern zum Spielen von früh bis in die Nacht, den Chefredakteur Schweder der Teufel her­führen und dieser dem endlichen Schicksalswechsel einen mächtigen Riegel vorschieben!

V. 6. März 1880.