№ 24.
1880.
In Heften à 30 Pfennig.
Illustrirtes Unterhaltungsblatt für das Volk. Erscheint wöchentlich. Preis vierteljährlich 1 Mart 20 Pfennig.- Zu beziehen durch alle Buchhandlungen und Postämter.
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Dem Schicksal abgerungen.
Novelle von Rudolph von 33...... ( Fortsetzung.)
Herr Schweder dachte darüber nach, ob es nicht irgendwie von Vortheil sein könnte, wenn er den Rittergutsbesitzer Willisch einmal in seinem neuen Heim überraschte. Eine Frucht hatte indeß das Gespräch vom Grog gehabt; der Doktor Wichtel erinnerte sich plötzlich, daß er noch eine Flasche von jenem weltberühmten Benediktinerliqueur in seinem Reisekoffer hatte. Der Koffer wurde unter dem Rücksitz hervorgezogen, die Flasche herausgenommen und der Feuertrank machte in dem silbernen Reisebecher des sybaritischen Juristen unter den ,, Herren " die Runde. Schweder nippte nur, das süßliche Zeug sei ihm zuwider; er hatte sich mit anderm Stoffe versehen, den holte er jetzt gleich falls hervor. Es war uralter Portwein, von dem er noch zwei volle Flaschen in seiner Reisetasche hatte. Auch eine Flasche von dem besten Nordhäuser, den er in dem Wirthshaus gekauft, wo sie zu übernachten gezwungen waren, nahm er aus der weit bauchigen Tasche und reichte sie dem Kutscher, damit er mit August sich in der heute empfindlicher noch als gestern sich bemerklich machenden Kälte gleichfalls zu beleben suche. Keiner ließ sich lange nöthigen. Sowohl die Herren, als der Kutscher und August sprachen den Getränken eifrig zu. Am thätigsten war der Doktor Wichtel, der Benediktiner und Portwein kunter bunt untereinander trank und die spöttische Frage Schweders, ob sein Magen und sein Kopf an den tollen Tanz gewöhnt seien, die zwei so verschiedene Geister, wie der des französischen Mönchs gebräus mit dem der portugiesischen Rebe aufführen möchten, mit der renommistischen Versicherung beantwortete, daß selbst ein Mensch, der nicht halb soviel vertrüge, als er, in dieser eisigfalten und reinen Luft ohne Gefahr trinken könnte, was er wollte. Darauf verstehe ich mich, bester Schweder," fügte er selbstgewiß hinzu.
Da der Fuhrherr trotz der Flasche Nordhäuser, welche Schweder seinem Durste geopfert hatte, mit größter Gewissenhaftigkeit vor jedem Wirthshause am Wege gehalten hatte, damit die Pferde von der ,, verfluchten Strapaze" auf dem Glatteise verschnaufen könnten, langte die Gesellschaft erst kurz vor Mittag in Waltersdorf an.
Waltersdorf ist ein langgedehntes, weitläufig gebautes Dorf mit über tausend Einwohnern, die fast ausnahmslos arm sind und zum weitaus größeren Theile von der bitteren Wintersnoth jenes Jahres hart getroffen worden waren. Es galt in der Gegend ringsum für ein besonders kindergesegnetes, und da überall in den kleinen Gebirgsnestern Armuth an Kindern nicht
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zu spüren war, so wollte das etwas heißen. Der hat Kinder wie' n Waltersdorfer, sagte man sprichwörtlich fünf Meilen in der Runde.
Grade deshalb hatte sich Wanda Alster das Dorf für die erste ihrer Weihnachtsbescheerungen ausgesucht. Sie hatte vom Gebirge aus einen Aufruf an ihre Freundinnen erlassen und sie um Weihnachtsspenden aller Art für die armen hungernden und frierenden Kleinen in den Bergen gebeten. Die Freundinnen hatten den Aufruf unter allen Töchtern der wohlhabenden Familien cirkuliren und die meisten hatten sogar die gemessene Weisung ergehen lassen an die jungen Herren, welche sich eine Ehre und ein Vergnügen daraus machten, den Triumphwagen der Schönen zu ziehen, alle, alle sollten für die hochromantischen Weihnachtsbescheerungen Wanda Alsters beisteuern und sammeln. Natürlich kamen Geld und Geschenke in Menge zusammen. Das Geld war nun unter allen Umständen zu gebrauchen, aber die Geschenke machten der Sammlerin und ihren Beiständen viel Kopfzerbrechen. Es zeigte sich nämlich, daß die jungen Damen und Herren in der Stadt meist gar keine Ahnung davon hatten, was die armen Dorffinder am besten gebrauchen konnten. Wenn sie ihnen Winterhandschuhe, wollene Gamaschen, Leibbinden, Taschentücher schickten, so mochte das noch angehen; Notizbücher gingen auch noch, aber Portemonnaies rangirten bereits zu den Luxusgegenständen, welche die liebe Dorfjugend, zumal in einem Hungerwinter, gewiß nicht nöthig hatte. Aber das war noch lange nicht das Schlimmste, außerdem gab es noch Papeterien mit bunten Briefbogen und Couverts mit geschmackvollen Gratulationskarten zu Neujahr und anderen Festen, mit Oblaten in Gestalt von Rosen und Veilchen 2c.; ein Gänschen von fünfzehn Jahren hatte die Gutmüthigkeit und den Unverstand soweit getrieben, daß sie ein Parfümkästchen nebst Inhalt schickte, das sie im vorigen Jahre selbst zu Weihnachten bekommen und wegen Ueberfluß an dergleichen überflüssigem Zeuge nicht benutzt hatte; eine andere hatte ein paar Dußend höchst zierlicher Kleiderschürzer gespendet, und eine dritte hatte sämmtliche alten Sonnenschirme, die sie in der Rumpelkammer ihrer Familie entdecken konnte, dem guten Werke aufgeopfert.
Wanda war wirklich in die größte Verlegenheit gekommen. Sie hatte getreulich über die Verwendung der Geschenke Rechenschaft geben und mit Hülfe des alten Herrn Klose den Namen jedes der beschenkten Kinder aufzeichnen und dazu bemerken wollen, wer jedes einzelne Geschenk erhalten habe. Da hätte denn natürlich, um keine der freundlichen Geberinnen zu kränken, kein
V. 13. März 1880.