Die Zone Soll

No 26.

Illustrirtes Unterhaltungsblatt für das Volk.

Erscheint wöchentlich.

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In Heften à 30 Pfennig.

Preis vierteljärlich 1 Mart 20 Pfennig. Zu beziehen durch alle Buchhandlungen und Bostämter.

Die Schwestern.

Roman von M. Kautsky.

Mit Malchen wurde es täglich besser, bald waren alle An­zeichen der Krankheit verschwunden, und als sich nun auch ein gehöriger Appetit einstellte, erklärte der Arzt seine weiteren Be­suche für überflüssig, und er gestattete der Rekonvaleszentin, das Bett, jedoch nicht das Zimmer zu verlassen. Als man in der Nachbarschaft davon hörte und Malchen selbst am Fenster bemer­fen fonte, die weder blasser, noch röter als sonst aussah, waren all die erfarenen Frauen, und darunter auch Frau Germanet, der Meinung, daß dies gar kein echter" Scharlach gewesen sein könne. Man nam es nun der älteren Schwester übel, daß sie solches Wesen gemacht und dadurch die Nachbarschaft ganz un­nötig alarmirt hätte. Es sei dies eine reine Heuchelei mit diesem Scharlach gewesen, meinten sie, eine Wichtigmacherei; und nun völlig dieses Absperren, dieses Niemandenhineinlassen, es tam ihnen wie eine Beleidigung vor. Wenn diese Minna, diese un­verständige Person, unsern Rat eingeholt hätte, so wäre ihr manches unnötige erspart geblieben, wir hätten es ihr gleich ge­sagt, daß das auch nicht der Schatten von einem Scharlach ist, nicht eine blasse Idee. Alle wollten nun der armen Minna diesen lächerlichen Frrtum und ihre Unerfarenheit gehörig klar machen, und jede wollte Malchen in der Nähe sehen, um zu beschwören, daß sie nichts als ein gemeines Friesel gehabt; aber zum allge­meinen Erstaunen und zur noch größeren Entrüstung aller dieser woltätigen Damen blieb die Tür der beiden Depauli's vor ihnen versperrt, und Minna erklärte ganz trocken, daß sie vor vier Wochen keine Besuche annemen werde, da der Doktor es so an­geordnet habe.

In der Familie Weiß hatte man täglich genaue Nachricht über Malchens Befinden eingezogen. Bei dieser raschen Besserung war nun auch Madame Weiß der Meinung aller übrigen, und Marie, aus Gutherzigkeit und weil sie dann hoffen durfte, ihr liebes Malchen recht bald wiederzusehen, glaubte es ebenfalls. Sie kam in ihrer Ungeduld gleich selbst, und zwar zu einer Zeit, in der Minna außer dem Hause war. Und sie bat Malchen so lange und so dringlich, sie einzulassen, daß diese endlich nachgab. Marie hatte einige Gläser eingemachten Obstes mitgebracht; sie sezte sich nun zu ihr hin, und sie war glücklich wie ein Kind, daß sie sie füttern konnte und daß es der kleinen Rekonvaleszen­tin so gut schmecke. Und sie klagte über Minna's Grausamkeit, die ihr die Freude, ihre kleine Schwester zu pflegen, so lange vor enthalten konte. Es wäre ihr so süß gewesen, und es hätte ihr geschienen, als ob sie dadurch auch ihrem Alfred etwas liebes

1881.

( Schluß des 1. Teils.)

erzeigt. Er wußte noch nichts von Malchens Erkrankung, sie und Minna waren übereingekommen, ihm den Vorfall zu ver­schweigen, um ihn nicht unnötigerweise zu beunruhigen, jezt aber, wo alles über alle Erwartung so gut und glücklich abgelaufen, wolle sie es ihm mitteilen, heute noch. Malchen mußte ihr hier­auf von ihren kleinen Leiden erzälen, und sie zeigt sich so teil­nemend und liebevoll besorgt, und sie macht sich um sie zu schaffen und begann endlich, ihr das Har zu ordnen. Jezt kam Minna zurück, sie schalt Marie ob ihrer Unvorsichtigkeit. Diese lachte dazu und auch Malchen lachte; sie fülte sich heute ganz wol und von Mariens Besuch erfrischt und aufgeheitert, es käme ihr jezt gar nicht vor, als ob sie gefärlich krank gewesen sei.

" Du warst es auch gar nicht," versicherte Marie, und sie füßte sie wieder und wieder, und sie versprach ihr, morgen wie­der zu kommen und alle Tage.

Sie fülte sich am nächsten Tage etwas unwol, sie hatte einen schweren Kopf und Halsschmerzen; das zog sich so einige Tage hin, endlich brach ein heftiges Fieber aus. Der Arzt wurde ge­holt. Er konstatirte eine Scharlacherkrankung. Diesmal war es Luise, die die energischsten Maßregeln traf, um Elvira vor einer Ansteckung zu bewaren. Sie mußte sogleich das Haus verlassen; sie sollte das Zimmer der Tante bewonen, wärend diese, um sich mit der Mutter in Mariens Pflege zu teilen, zu ihrer Schwä­gerin zog.

Luise, die ihre Stunden aufgab und sich in allem so opfer­willig zeigte, um Elvira vor einer Gefar zu schüzen, sie ahnte nicht, daß sie dadurch das junge Mädchen einer weit größeren nahe brachte.

Eugen Hellenbach war sehr bald von diesen neuen Ereignissen unterrichtet und von der erwünschten Freiheit, die dadurch der schönen Kunstnovize erwachsen war. Er wußte sie zu bestimmen, diese günstige Gelegenheit zu benuzen und ihm einige weitere Besprechungen zu gewären.

Elvira hatte diesen dringenden Einladungen nachgegeben und war zweimal in die Villa gekommen. Sie hatte, wie das erste­mal, die frühen Morgenstunden dazu gewält und war, wie da­mals, mit Entzücken empfangen und mit übertriebener Auszeich­nung behandelt worden. Und wieder trafen, wie in einem Turnier, diese beiden Intelligenzen aufeinander, jedes von ihnen bemüt, die Schwächen des andern zu erspähen, zu benuzen, um über ihn zu herrschen. Elvira verteidigte sich nicht nur gut, sie lernte immer mer eine in ihr wonende Macht kennen und üben, von

VI. 26. März 1881.