Die Zeng Well

Illustrirtes Unterhaltungsblatt für das Volt.

No 29.

Erscheint wöchentlich.

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Bweites Kapitel.

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Preis vierteljärlich 1 Mark 20 Pfennig. In Heften à 30 Pfennig. Zu beziehen durch alle Buchhandlungen und Bostämter.

Herschen oder dienen?

Roman von M. Kautsky.

Die falten Tage mit Schnee und Regen, mit ihren Nebeln und Springfluten waren endlich vorüber, der Früling, sehnsüchtig erwartet und freudig begrüßt, entfaltete all' seine Pracht und übergoß mit all' seinem Zauber die oberitalische Ebene. Wie ein Garten lag sie da, und überall keimte und knospete es, und schon rankte sich das feine, eben entfaltete Laub der Weinrebe guirlanden­artig von Baum zu Baum. Auch über Venedigs alter Bracht wölbte sich ein tiefblauer Himmel und spiegelte sich wieder in den Gewässern der Lagune, in der es von Schiffen aller Arten und aller Größen wimmelte.

In voller Pracht tauchte jezt die Sonne hinter den Kuppel­bauten der Giudeca ins Meer, und ihre Gluten schwammen in roten Reflegen auf dem Wasser und ließen die farbigen Wunder­bauten der Piazza und Piazzetta farbiger und herrlicher noch erscheinen.

Auf der Riva dei Schiavoni und den Quai entlang, bis zum Giardino Reale herscht um diese Zeit das regste Leben und Treiben. Hier waren zalreiche Gasthäuser und Cafés und die Kneipen der Matrosen und Gondelfürer; hier, vor den breiten, weißen Marmorstufen der Piazzetta, war der Standplaz der Gondeln und Barken, und hier landeten die kleinen Dampfer, die allſtündlich nach dem Lido furen und von dort zurückkamen. Alle Arten von Schaustellungen wurden da zum besten gegeben. Deklamatoren und Improvisatoren, Sänger und Musiker, Taschen­spieler und tanzende Affen machten sich Konkurrenz und ver­sammelten gleichwol einen dichten Kreis eines äußerst dankbaren und beifallslustigen Publikums, der sich freilich zu Ende der Produktion und ehe noch die Sammelbüchse herumging, bedeutend lichtete.

Die Gondoliere und Facchini, fast alle hübsche, kräftige Bursche, in farbigen Hemden und geflickten Lederhosen, die sie über die Wade mit allerlei Lappen gamaschenartig umwickelten, eine rote Schärpe um die Mitte geschlungen und den großkrempigen Kala­breser teck nach rückwärts gesezt, sahen äußerst malerisch aus, und jede ihrer kühnen, geschmeidigen Bewegungen erhöte diesen Eindruck. Sie saßen oder lagen auf dem Marmorpflaster am Rande des Wassers herum, oder saßen rittlings auf dem Geländer der kleinen Brücken, welche über die Kanäle füren, eines Winkes, eines Auftrages gewärtig, unter einander im lautesten und leb­haftesten Geplauder oder vor sich hin eine Melodie singend und

1881.

( 2. Fortsezung.)

pfeifend. Eine müssig bummelnde Menge flutete hin und wieder, wandelte auf und ab, die heitere und unvergleichlich schöne Ansicht des Kanal grande und der sich hier weitenden Lagune betrachtend und sich daran ergözend.

Die Fischerbote hatten ihre in der Abendsonne leuchtenden Segel aufgesezt; gegen die Battare zu aber erhob sich ein Wald von Masten. Einige große Indienfarer lagen noch weiter draußen, und ein Teil ihrer Bemannung promenirte hier ebenfalls an der Riva, in weißen, flatternden Gewändern, unter denen die nackten Füße hervorsahen, wärend die dunklen Köpfe sorgfältig mit dem weißen Turban umwunden waren. Sie gingen rasch, aber mit ungleichmäßigem und schlotternden Schritt, sie gestikulirten mit Armen und Händen, lachten und schrien. Die kleinen zarten Hindus hatten ein bescheideneres Aussehen, aber die großen, fräftigen Gestalten der Neger traten weit sicherer auf; sie gingen hoch erhobenen Hauptes und frech musterten sie mit ihren blizenden Augen die sie verwundert anstarrende Menge und zeigten ihr lachend die Zähne.

An diesem Punkt des lebhaftesten Verkehrs befindet sich das Hotel Danieli, auch Grand Hotel Royal geheißen, das erste Benedigs. Im ersten Stock desselben wurden vielumfassende Vorbereitungen zum Empfange eines im voraus angemeldeten Gastes getroffen. Zwei Camerière kommandirten eine Anzal Dienstleute und Arbeiter, die in eilfertiger und vielgestaltiger Tätigkeit sich in den Gemächern tummelten. Ueberall wurde ge= bürstet und gepuzt, wurden dicke Teppiche gelegt, neue Möbel aufgestellt und eine Unzal jener Gegenstände des Luxus und der Bequemlichkeit aufgehäuft, die die Weichlichkeit und eine über­mütige Verwönung als unumgänglich" zu bezeichnen belieben. Die Camerière ranten hin und her und gaben noch ungestümer ihre Befele, als ihnen hinterbracht wurde, daß der deutsche Baron, der diese Appartements bestellt hatte, nun selbst gekommen war, um sie, ehe sie bezogen wurden, in Augenschein zu nemen.

Baron Hellenbach trat in der Tat einige Augenblicke nachher in den Salon, von dem Hotelier begleitet, der ihm die Honneurs machte. Eugen von Hellenbach sah etwas echauffirt aus, etwas ungeduldig. Er prüfte und gustirte, er ging von einem Gemach in das andere, und fand keines so elegant, als er es gewünscht hätte. Er hatte frische Blumen befolen, und sie waren noch nicht da, er hatte orientalische Teppiche in zarten Tönen gewünscht, und man hatte einheimische Produkte hingelegt, deren Ornamentik und grelle Farbe ein an Schönheit gewöntes Auge beleidigen mußte.

VI. 16. April 1881.