Die Gene Woll gtoue
№ 47.
Illustrirtes Unterhaltungsblatt für das Volk.
Erscheint wöchentlich.
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Preis vierteljärlich 1 Mark 20 Pfennig. In Heften à 30 Pfennig. Zu beziehen durch alle Buchhandlungen und Postämter.
Herschen oder dienen?
Roman von M. Kautsky.
Es war Morgen, als Madame Douais, aus einem unruhigen Schlafe erwachend, in Elviras Schlafgemach trat, um nach ihr zu sehen. Das Bett war unberürt; durch die Spalten der Tür drang Licht.
Elvira war noch in ihrem Boudoir. Die gute Duenna horchte; es war still, nichts regte sich. Sie öffnete leise die Tür, und nachdem sie den Kopf ein wenig rekognoszirend vorgestreckt, trat sie endlich ein.
Die Lampen droten zu verlöschen.
Als sie näher trat, bemerkte sie Elvira vor ihrem Schreibtisch in ein Fauteuil zurückgelehnt. Sie schlief.- Seitwärts lagen Schriften und Dokumente, einiges davon zerrissen, andres unter Bandschleifen gebracht. Zwei fuvertirte Brife mit den Aufschriften: Friz Berger und Impresario Marchetti lagen vor ihr, und darunter der ganz ausgefüllte Kontrakt, der sie für zwei Jare einem amerikanischen Manager verpflichten sollte. Ihr Name war unter den des Unternemers gesezt, der Kontraft war giltig. Die gute Douais schüttelte den Kopf, sie war durchaus nicht einverstanden mit diesem Beschluß. Einigermaßen besorgt wante sie sich wieder der Signora zu. Das graue Zwielicht des frühen Morgens und das flackernde einer verlöschenden Lampe ließen Elviras Antlig plözlich so fal, fast leichenhaft erscheinen. Madame Douais berürte ihre Hand, sie war eisigfalt, ein fiefer Seufzer, der jezt der Brust der Schläferin entstieg, klang wie ein schmerz liches Aufschluchzen. Mein Gott, was ist denn nur vorgegangen," dachte sie, sie hat wol die ganze Nacht hier geschrieben und geweint, ach freilich, ihr Taschentuch ist auch ganz feucht noch, und sie ist endlich vor Ermüdung eingeschlafen. Bon dieu, wenn sie's so fort macht, wie lange wird sie's treiben? Und heute Abend soll sie wieder singen das arme Kind!"
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Sie war wirklich bekümmert, aber ihre Neugier war dadurch nicht gemäßigt, und ihre Augen forschten aufs neue nach den in wilder Unordnung herumliegenden Gegenständen. Alle Laden waren herausgerissen, zum Teil ihres Inhalts entleert, und dieser mußte in diese kleinen Backete gebracht worden sein, die versiegelt auf einer Seite des Schreibtisches aufgehäuft lagen. ,, Bon dieu, es ist grade, als ob sie ihr Testament gemacht hätte oder als ob sie morgen schon nach Amerika reiste, es ist mir unbegreiflich!" Elvira fur jezt aus dem Schlafe auf. Mit großen, verstörten Augen sah sie um sich.
„ Sie müssen ins Bett, teure Signora," bat die Douais, Sie bedürfen der Ruhe, wie sollen Sie abends die Arda singen."
1881.
( 20. Fortsezung.)
Elvira war kraftlos wieder gegen die Lehne zurückgesunken. ,, Es ist spät geworden oder vielmehr früh-, ich bin recht müde." Sie stüzte sich auf den Arm der guten Douais und ließ sich nach ihrem Schlafzimmer geleiten.
Vierzehntes Kapitel.
In die Calle Minio drang ein früher Sonnenstral. Domenika, barfuß, ein dünnes Röckchen sehr nachlässig umgebunden, zerrauft wie immer, war auf den Balkon herausgetreten, um eine Bütte mit Spülicht gleich von diesem erhabenen Standpunkte aus nach dem Gäßchen zu entleeren; aber einmal draußen und in Freiheit, fand sie es nicht für nötig, sogleich wieder zu den häuslichen Verrichtungen, die ihrer harten, zurückzukehren. Sie legte die Hände auf dem Rücken zusammen, und von einem Fuß auf den andern tretend, wiegte sie sich in den Hüften und guckte mit weit offenem Munde nach dem blauen, sonnigen Himmel empor. Dann, es mußte ihr etwas eingefallen sein, verzog sie den Mund zu einem frölichen Grinsen, wobei sie alle ihre schönen Zäue zeigte, und in die Tasche ihres Rockes greifend, zog sie eine getochte Zwiebel daraus hervor. Sie hatte sich dieselbe noch außer ihrem Früstück zugelegt und wollte sie nun hier außen verzehren. Sie biß in den großen, weichen Knollen, als ein kräftiges Schnalzen, dem Knall einer Pistole vergleichbar, an ihr Ohr schlug. Sie sah hinab, one die Zwiebel von dem schlürfenden Munde zu nemen. Richtig, er war's; da stand er, und sein dunkles Gesicht mit den blizenden, schwarzen Augen lachte zu ihr hinauf, wärend seine Zunge ein zweites, gellendes Schnalzen hervorbrachte.
,, Cencio!" rief sie staunend und kauend. Wie, so früh des Morgens!?"
,, O vita della mia vita!" rief er in einem übermütigen Patos, den vollen, bis über die Ellbogen entblößten Arm in graziöser Weise erhebend, gleichsam ihr entgegenschwingend. Hätte ich gewußt, daß du dich, so wie du aus dem Bette kriechst, auf dem Balkon zu zeigen pflegst, so wäre ich noch früher gekommen, vielleicht hätte ich dich dann noch- paradiesischer gefunden."
,, O, l' insolente!" rief sie, und im ausgelassenen Mutwillen, der sich den Anschein des Zornes gab, riß sie die Zwiebel aus dem Munde und warf sie so geschickt nach ihm, daß die weiche Masse in seinem Gesichte aufklatschte, dann lachte sie wie toll und schlug vor Freude in die Hände, wärend er lachend und fluchend sich den warmen Brei vom Gesicht wischte.
VI. Leipzig, 20, August 1881.