Illustrirtes Unterhaltungsblatt für das Volk.
№o 29.
Erscheint wöchentlich.
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Preis vierteljährlich 1 Mark 50 Pfennig.
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1882.
In Heften à 35 Pfennig.
Zu beziehen durch alle Buchhandlungen und Postämter.
Verschlungene Lebenswege.
Roman von Franz Carion.
Frau Luciens Stimmung verbitterte sich immer mehr bei der ihr von seiner Seite widerfahrenden Beleidigung. Wie konnte der Mann eine ungebildete Person wie die Amme durch ein Vertrauen bevorzugen, das allein sie, des Kindes Mutter, zu beanspruchen hatte! Warum tat er das? Sie konnte nicht anders, als einen Ausdruck seiner Meinung über sie darin erblicken. Es erschien ihr nicht nur als Zurücksezung, sondern als Demütigung, die er absichtlich gegen sie äußerte... die Folge davon war Empörung es gab Stunden, wo sie diese ihr angetane
Kränkung beweinte..
,, Weil ich arm war, als er mich heiratete, bin ich wertlos in seinen Augen," sagte sie zu sich. Zwischen der Amme und mir findet er nur den einzigen Unterschied, daß er sie bezahlen muß, ich aber..." sie erschrak vor dem, was sie aussprechen wollte und schlug die Hände vor die Augen. Es war eine Wohltat, dies Weinen, dem sie sich unwillkürlich überließ; aber es hatte eine Folge, welche sie zu einem ganz andern Gedanken bereich brachte. Die Heide lebte in ihrem Gedächtnisse auf... nicht das aufgebrochene Hünengrab mit seinem kalten Aushauch und seinen Aschengefäßen, sondern der junge schöne englische Cavalier, Sir Richard Clinton, der so lieb sich mit ihr unter halten, an den nicht mehr zu denken, sie sich alle Mühe gegeben hatte, was ihr auch unter schwerem Kampfe gegen sich selbst gelungen war, denn sie wollte ihrem schuldlosen Kinde gegenüber feine Sünderin sein; aber jezt, wo ihr Herz so schwer gekränkt war, jezt gewann die niedergeworfene Erinnerung an ihn neues Leben, neue Kraft.
Gretchen war wieder munter. Es machte dem kleinen Dinge viel Spaß, den Papa am Barte raufen zu können, und als gingen von ihren rosenroten Fingerchen wohltuende Lichtstrahlen auf ihn über, so aufgeräumt wurde er. Aks er die kleine eines Nachmittags schlafend fand und Frau Lucie zu ihrer Obhut bei ihr am Bettchen ſizend, äußerte er scherzend, daß er in ihr wohl bald auch eine Assistentin für die Bereitung von Kräuter- Medizinen in seinem Laboratorium besizen werde.
" In mir?" fragte die junge Frau überrascht, indem sie ihn verwundert anblickte. D, du dürftest dich da sehr täuschen.
( 2. Fortsezung.)
Ich verspüre gar keine Neigung zur Bekanntschaft mit den Manipulationen in deiner schwarzen Küche."
,, Nun, ich will nicht grade behaupten, daß mein Laboratorium durch die Ehre deiner Teilnahme an unsern Arbeiten besonders ausgezeichnet werden würde, denn die Küche, in welcher Frauen walten, ist freilich anderer Art als die eines Chemikers; aber ich glaube, der Verwaltungsposten über mein Herbarium dürfte sich ganz für dich eignen. Du bist auf dem besten Wege, dir die nötigen Kenntnisse dazu zu erwerben."
" Das klingt seltsam," entgegnete die junge Frau.„ Ich fann mich doch garnicht entsinnen, daß ich dir durch Fragen nach einer oder der andern Mischung deiner Medikamente lästig gefallen wäre!"
„ Nein, daß nicht, Kind; aber du studirst in den im Pavillon zurückgelassenen botanischen Werken meines seligen Vaters und ich glaubte darin ein Zeichen zu sehen, daß du Neigung zur Kenntnis der Pflanzenkunde hättest," antwortete Doktor Philipp und fügte scherzend hinzu:„ Nur auf Eins will ich dich aufmerksam machen. Lies die Bücher nicht von hinten nach vorn, das verwirrt im Studiren. Ich fand den lezten Band des botanischen Werkes auf dem Tisch liegen, du hattest ihn in seine alte Ordnung zurückzustellen vergessen."
Lucie wurde über und über rot im Gesicht, als ob er sie
wegen Unordnung ausgescholten, und doch war es nur der Schreck, sich an die von ihr mitgenommene, von seinem Vater zurückgelassene Schilderung der Wirkungen des Cytisin erinnert zu sehen.
Doktor Philipp wurde von einem seiner Arbeiter in die Apoteke hinunter gerufen, der Gegenstand seines Gesprächs mit Lucie hatte somit ein Ende gefunden.
Sie war sehr bestürzt, daß er das Blatt vermissen könne, da er aber desselben nicht erwähnt hatte, beruhigte sie sich allmählich und nahm sich vor, sobald sie wieder den Garten besuche, es an seinen früheren Plaz zu bringen. Wozu sollte es ihr auch nüzen?
Das eheliche Zusammenleben des Doktors und seiner Gattin blieb dasselbe gleichgiltige, wie es bisher war. Niemand hätte mit Bestimmtheit sagen fönnen, es sei kein glückliches