Die ene Well
№ 15.
Illustrirtes Unterhaltungsblatt für das Volk.
Erscheint alle 14 Tage in Heften à 25 Pfennig und ist durch alle Buchhandlungen und Postämter zu beziehen.
Vom Baume der Erkenntnis.
VIII.
Von J. Zadeck.
Auch zwischen den Eheleuten war es mittlerweile zu einer heftigen Auseinandersezung gekommen. Dora hatte einen der Armleuchter ergriffen, die auf dem marmornen Kaminsims standen, und war im Begriff, sich in ihr Zimmer zurückzuziehen, als Georg, der bis zu diesem Augenblick mit unruhigen Schritten das Zimmer durchmessen hatte, plözlich vor seiner Frau stehen blieb und ihr den Leuchter aus der Hand nahm.
" Verzeih," sagte er nachlässig und sah sie an. Ich habe mit dir zu sprechen."
Sie blieb stehen. Es war ihr nicht entgangen, daß eine tiefe Gereiztheit sich hinter der scheinbaren Nachlässigkeit seiner Worte verbarg. Und bei dem tiefen, unversöhnlichen Haß, den sie gegen ihren Gatten empfand, schrak sie nicht davor zurück, ihn durch ihre spöttische Ruhe noch mehr zu reizen.
" So spät noch?" warf sie ein, während sie sich müde in einen Sessel gleiten ließ und die blonden Locken mit einer anmutigen Neigung des schönen Kopfes zurückwarf." Ich bin sehr müde. Es wäre jedenfalls menschenfreundlicher gewesen, wenn du diese interessante Besprechung auf morgen verschoben hättest." Er sah zornig auf sie nieder, die seinen Blick lächelnd erwiderte. Er wollte heftig antworten. Dann schien er sich eines besseren zu besinnen. Er fuhr sich mit der Hand durch den dunklen, wohlgepflegten Bart, der sein schönes Gesicht umrahmte, und lehnte sich gleichmütig an den Tisch. Dann kreuzte er die Arme über der Brust.
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„ Du weißt, liebes Kind," fing er so ruhig an, als berühre ihn das, was er ihr zu sagen im Begriffe stand, nicht sonderlich tief,„ daß ich dir von jeher in deinen Vergnügungen und deinem Verkehr die vollste Freiheit ließ. Ich bin nicht der Ansicht, daß Eheleute sich aus purer Sentimentalität das bischen Freiheit noch berkümmern müssen, das ihnen die leidige Sitte kümmerlich genug zugeteilt hat. So war es mir auch immer sehr gleichgiltig, wer aus deinem Hofstaat sich vorübergehend deiner Gunst erfreute, vorausgesezt, daß du mich nicht dabei kompromit tirtest und die Rücksichten beobachtetest, die eine verheiratete Frau ihrem Manne schuldig ist. Nun möchte ich dich indes in
1883
( 7. Fortsezung.)
aller Entschiedenheit darauf hinweisen, daß dein vertraulicher Verkehr mit dem jungen Menschen, mit welchem ich dich heute in einer idyllischen Schäferstunde überraschte, an deren Nachwirkungen Ihr den Abend über auffallend laborirtet, mir nicht gefällt. Ich liebe es nicht, was mir gehört, mit andern zu teilen."
Dora hatte sich zurückgelehnt und schien die Spize ihres kleinen Fußes aufmerksam zu betrachten. Eigentlich war sie neugierig, wohin ihr Mann mit seinen Worten, mit der wunderlichen Art und Weise, wie er das, was er ihr zu sagen hatte, einleitete, zielte. Sie hatte mit einer heimlichen Schadenfreude die ungewöhnliche Erregung ihres Mannes wahrgenommen und war durch die Anwandlung von Eifersucht, die er nun plözlich an den Tag legte, nicht wenig belustigt. Als sie dann aus seinen Worten ersah, wem dieser Ausbruch eifersüchtiger Laune galt, war sie so verwundert, daß sie sich heimlich fragte, ob sie auch recht gehört und ihr Mann wirklich von dem jungen Referendar eine Gefahr für den Frieden ihrer Ehe erwarte. Doch lag es, in ihrer Gleichgiltigkeit gegen die Empfindungen ihres Mannes, gar nicht in ihrer Absicht. seine Aufregung zu beschwichtigen, wie sie es mit wenigen wahrheitsgetreuen Worten hätte tun können.
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Eine Eifersuchtsszene zwischen uns beiden wie geschmacklos," sagte sie kühl und sah ihn mit einem leisen, Höhnischen Lächeln an, das nicht geeignet war, seine Gereiztheit zu vermindern. Ich habe Richard sehr lieb und sehe nicht ein, weshalb deine veränderten Gefühle gegen ihn unsern warmen, freundschaftlichen Verkehr stören sollten. Die äußern Rücksichten, die meine Stellung mir auferlegt, habe ich jederzeit beobachtet und denke dies auch in Zukunft zu tun. Das andere ist meine Sache."
Er beugte sich in hellem Zorn zu ihr nieder und faẞte ihre
Hand.
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„ Es ist nicht klug von dir, mich so zu reizen," sagte er mit unterdrückter Heftigkeit. Du bist meine Frau. Und wenn die Nachsicht, mit welcher ich dich so lange gewähren ließ, dich kühn gemacht hat, so sollst du es von nun an erfahren, daß ich dein Herr bin und du dich meinem Willen fügen mußt."
15 1983