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No 17.

Illustrirtes Unterhaltungsblatt für das Volk.

Erscheint alle 14 Tage in Heften à 25 Pfennig und ist durch alle Buchhandlungen und Bostämter zu beziehen.

Vom Baume der Erkenntnis.

Von J. Zadeck.

Als Richard allein war, warf er sich mit einem Seufzer der Erleichterung auf das Sopha. Es war ihm lieb, daß die Freunde gegangen waren. So sehr er an ihren Umgang ge­wöhnt war; wie fröhliche Genossen er auch in guten Stunden an ihnen hatte - es war fein einziger unter ihnen, der seinem Herzen nahe stand. Ja, wenn Burghardt hier gewesen wäre. Ihm hätte er all' die bösen, unfreundlichen Gedanken und Sorgen beichten mögen, die ihn beschäftigten und quälten. Er hätte ihm vielleicht raten, vielleicht helfen können, oder wenn dies nicht anging, ihm etwas von seinem eigenen unerschütter­lichen Gleichmut mitgeteilt. Aber er hatte den Vielbeschäftigten nicht zu Hause getroffen, als er ihn heut aufgesucht hatte, und war zu ungeduldig, zu unruhig gewesen, um seine Heimkehr abzuwarten. Die anderen sie hätten ihn aller Wahrscheinlichkeit nach ausgelacht, wenn sie gewußt hätten, daß es nicht einmal sein eigenes Schidsal war, eigene trübe Erfahrungen, die ihm das Herz beschwerten; daß es nur das Schicksal eines Mäd­chens, eines fremden Mädchens war, das ihn verstimmte.

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Es waren nur wenige Tage verflossen, seitdem er Hedwig zum leztenmal gesehen hatte. Das leztemal an jenem Abende, wo sie ihm ihre Liebe rückhaltslos zu erkennen gegeben und zugleich von ihm Abschied genommen hatte, als wäre nun alles aus zwischen ihnen, unwiderruflich aus. Er hatte sie nicht wieder­jehen wollen, das arme, opfermutige Mädchen. Wozu sollten sie führen, diese ewigen Aufregungen, dieses Kommen und Gehen, ohne Zweck, ohne Ziel, an dem niemand Freude empfand

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welches die Wunde immer von neuem wieder aufriß und das Trennungsweh nur verschärfte? Er wollte sie nicht wieder­sehen, wenigstens fürs erste nicht; es sei denn, daß sie ein­ander Freudigeres mitzuteilen hatten. Aber daß es so kommen fönne, daran glaubte er selbst nicht.

Ihm wurde ganz weich ums Herz, als seine Reflexionen an diesem Punfte angelangt waren, über den er nicht hinweg fonnte. Er sah das Bild seinen fleinen Freundin vor sich, wie es sich ihm in jener schwülen Sommernacht, da sie an seinem Arme den Heimweg zurücklegte, unauslöschlich eingeprägt hatte. Ihr zierliches Profil mit den weichen, findlichen Formen und den dunkeln Flechten um den fleinen, abgerundeten Kopf. Wie

1883

( 9. Fortsezung.)

sie kaum ein Wort über ihre Lippen hatte bringen können und nicht gewagt hatte ihn anzusehen, der Klopfenden Herzens neben ihr herschritt und ihr feines, rundes Handgelenk umspannt hielt, so sicher und fest, als wisse er bereits, daß sie ihn liebe und nicht die Kraft haben werde, den Liebfosungen zu widerstehen, mit welchen er wenige Minuten später sie an sich gezogen und ihre Lippen geküßt hatte, wieder und immer wieder, in auf­flammender Leidenschaft. Er sah ihr liebes, ernsthaftes Gesicht vor sich, wie es sich über ihn geneigt hatte; ein schüchternes der Blick der dunkeln Augen bei Lächeln auf den Lippen

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aller Hingebung so ernst und unschuldsvoll, daß er, einem dunkeln Gefühl folgend, hinausgestürmt war in die nächtige Einsamkeit und stundenlang umherirrte, um das heiße Blut zu fühlen, das ungeſtüm in seinen Schläfen pochte. Wie hatte er sich auf das Wiedersehen gefreut! Ihm war, als habe ihr Freundschaftsbund erst jezt die rechte Weihe empfangen; als seien sie nun, durch das Geheimnis, daß sie miteinander teilten und um welches niemand außer ihnen wußte, so eng verbunden, daß nichts mehr im Leben sie trennen könne? Ob er sie liebte? Er wußte es selbst nicht. Es war ja auch gleichgiltig. Der Augenblick war so schön wie durchtränkt von dem süßen, anmutsvollen Zauber weltvergessener Romantik. Er gab sich diesem Zauber hin mit der ganzen Empfänglichkeit seiner entu­siastischen Natur. Es wäre ihm als eine Torheit erschienen, der Zukunft zu gedenken, wo die Gegenwart sein Empfinden so voll und ganz in Anspruch nahm und seine glühenden Lippen wie im Rausche den Schaum des Lebens schlürften.

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Und nun war sie die Braut eines anderen und alles war zu Ende kaum daß es begonnen. Er fuhr sich mit beiden Händen zornig durch das braune, lockige Haar und schritt erregt im Zimmer auf und nieder. Er hätte dem Verhaßten ihren sie ihm abtrozen wollen, die Befiz streitig machen mögen nur widerwillig in dem leidenschaftlichen Schmerze um den Tod des Vaters die Seine geworden war. Aber sie selbst hatte es so

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gewollt und er er mußte sich ihrem Willen fügen, obschon der Schmerz über ihren Verlust, der Zorn und Ingrimm gegen den Ver­haßten, welcher niedrig genug dachte, ihre Kindesliebe zu seinem Vorteil auszubeuten, seine Leidenschaft jäh auflodern machte.

Rr. 17. 1999