Dieue Well

19.

Illustrirtes Unterhaltungsblatt für das Bolk.

Erscheint alle 14 Tage in Heften à 25 Pfennig und ist durch alle Buchhandlungen und Bostämter zu beziehen.

Vom Baume der Erkenntnis.

Bon J. Badeck.

Burghardt war eben im Begriff, seine Wohnung zu ver lassen und hatte sich schon von seiner Frau und Hedwig ver­abschiedet, als er Richard die Treppe hinanstürmen hörte. Er ging ihm entgegen und führte ihn in sein Arbeitszimmer. Richards hübsches Gesicht, das die deutlichen Spuren einer durchwachten Nacht trug, war lebhaft gerötet, als er dem Freunde gegenübertrat. Er war sich bewußt, auch den Freund über der wilden, zügellosen Genußsucht der lezten Monate vernachlässigt zu haben und schämte sich dessen. Dem geübten Menschen­fenner entging dies nicht. Da es indessen nicht in seiner Ab­sicht lag, seinem jungen Freunde, dem er ernstlich zürnte, das Eingeständnis seines Unrechts zu erleichtern, wartete er ruhig Richards Annäherung ab. Dieser aber, dem unter Burghardts prüfenden Blicken immer unbehaglicher zu Mute wurde, schwieg beharrlich. So mußte sich endlich Burghardt wohl oder übel entschließen, das Schweigen zu brechen.

" Du hast dich lange nicht bei uns sehen lassen," fing er an. " Es kann dich darum auch nicht Wunder nehmen, wenn dein Kommen heut, zu so ungewöhnlich früher Morgenstunde mich überrascht. Was führt dich zu mir?"

Einen kurzen Augenblick schien es, als schwebe eine heftige Antwort auf Richards Lippen. Burghardts Kälte verlegte ihn man sah es an dem Aufblizen seiner Augen und an der tiefen Röte, die flüchtig sein Gesicht bedeckte. Dann mußte er sich sagen, daß Burghardt Recht hatte, ihm so zu begegnen. Aber sein Stolz lehnte sich dagegen auf, dem Freunde zu zeigen, wie schmerzlich er unter der Entfremdung litt, die sich zwischen sie geschlichen hatte.

" Du weißt um Hedwigs Aufenthalt, Burghardt," sagte er furz. Du würdest mir einen Dienst erweisen, wenn du ihn mir verrietest, auch wenn sie dir das Versprechen abgenommen haben sollte, ihn vor mir geheim zu halten.

Es ist nicht wahr, daß sie abgereist ist, wie sie ihre Wirtin glauben machen wollte," fuhr er schneller fort, als Burghardt eine Bewegung machte, um zu antworten. " Wohin solte sie gegangen sein? Sie ist hier in deinem Hause und ich fordere von dir, daß du mir eine Unterredung mit ihr verschaffst." Burghardt schüttelte den Kopf.

1883

( 11. Fortsezung.)

Nein," sagte er. Es ist wahr, Hedwig ist in meinem Hause, wenn auch nur für kurze Zeit. Heute Abend begleite ich sie und meine Frau nach einem böhmischen Badeort. In­zwischen bin ich beauftragt dir zu sagen, daß Hedwig dich nicht wiedersehen will."

" Ich muß sie aber sehen," fuhr Richard auf und ging zur Tür, die in das Nebenzimmer führte. Burghardt vertrat ihm den Weg.

Du bleibst," sagte er streng. So lange Hedwig in meinem Hause lebt, steht sie unter meinem Schuze. Und wäre sie selbst nicht hierher geflüchtet, um deinem Anblick zu ent­gehen, ich würde keinen Augenblick Bedenken tragen, ihr dies Wiedersehen zu ersparen."

" Ich muß sie sehen," wiederholte Richard, außer sich ge­bracht durch die falte Ruhe, mit welcher Burghardt sprach.- " Du hast nicht das Recht, mich von ihr fern zu halten und mir die Möglichkeit zu nehmen, mich zu rechtfertigen und ihre Verzeihung und ihre Liebe wieder zu gewinnen."

" Und weshalb nicht," unterbrach ihn Burghardt. Kannst du die Vergangenheit ungeschehen machen? Ich sage dir, das arme Mädchen bedarf der Schonung mehr, als sie selbst es ahnt. Es ist ja nichts neues mehr, daß ein junges Wesen in seinem Vertrauen getäuscht worden ist und was es mit Schmerzen geliebt hat, mit Verachtung aus seinem Herzen reißen muß. Aber vermöge ihrer ungemein sensitiven Natur, ihrer gesteigerten Empfänglichkeit für alle Freuden und Schmerzen, empfindet Hedwig alles, was ihr begegnet, ungleich tiefer als andere. Jezt ist sie an Leib und Seele gebrochen durch den Verrat, den du an an ihr begangen hast. Es wird einer langen Zeit bedürfen, ehe das arme Mädchen sich selbst wiedergefunden hat. Dudu glaubst, wenn du nun vor sie hintrittſt und sie mit zärtlichen Worten deiner Liebe und deiner aufrichtigen Reue versicherst, so müßte alles vergeben und vergessen sein und du könntest wieder frei aufatmen und brauchtest nicht länger das niederdrückende Bewußtsein mit dir herumzutragen, einen Men­schen unglücklich zu wissen durch deine Schuld. Ich zweifle nicht daran, daß es dir in diesem Augenblicke Ernst ist mit der Reue über das Geschehene; daß du wieder voll und ganz für