Die Zene Well

No 21.

Illustrirtes Unterhaltungsblatt für das Volk.

Erscheint alle 14 Tage in Heften à 25 Pfennig und ist durch alle Buchhandlungen und Postämter zu beziehen.

Vom Baume der Erkenntnis.

XIV.

Von J. Zadeck.

Der Herbstwind rüttelte an den Bäumen. Die leuchtenden Farben des Sommers waren verblaßt; eine sanfte Schwermut -die Poesie des Verfallslag über der Natur ausgegossen. Es war spät am Abend und Dora saß in ihrem Toiletten zimmer vor dem Spiegel, der ihre glänzende Erscheinung voll zurückwarf. Vor wenigen Stunden erst war sie von einem Spazierritt heimgekehrt, den sie in Gesellschaft einiger Freunde des Hauses unternommen hatte. Sie war eine leidenschaftliche Reiterin und ihre Kühnheit und Unerschrockenheit forderte die blasirten, jungen Lebemänner, aus denen sich der Verkehr in ihrem Hause zusammensezte, zu lebhafter Bewunderung heraus. Sie hatte in aller Eile das Reitkleid abgeworfen und sich um­gekleidet. Nun lag sie nachlässig auf dem Divan inmitten des Zimmers und ihre Hände zerpflückten achtlos die Rosen, die auf dem Tischchen vor ihr standen und mit ihrem berauschenden Dust die schöne Träumerin fast einschläferten. Sie wartete auf ihren Mann, der in seinem Zimmer die lezte Hand an seine Toilette legte. Der Wagen, der die beiden zu einer Soiree im Hause eines auswärtigen Gesandten führen sollte, wartete ihrer bereits vor der Haustür. Ungeduldig stampften die feurigen Tiere den Erdboden. Der Kutscher sah verdrossen zu den hell­erleuchteten Fenstern hinauf und brummite einen halblauten Fluch in seinen Bart, als eine Viertelstunde nach der anderen dahin­ging, ohne daß er aus seiner abwartenden Stellung erlöst worden wäre. Helldorf war nicht gewohnt, in seinem Tun und Lassen auf seine Untergebenen Rücksicht zu nehmen.

Dora hatte ihre Toilette längst beendet. Ein weiches, gold­durchwirktes Spizenkleid umschloß ihren Körper und ließ ihren Hals und die wundervoll geformten Schultern blendend hervor

So oft sie die Augen aufschlug und ihr Blick auf ihr Spiegelbild fiel, das mit seinen goldigglänzenden Haaren und den bei aller Regelmäßigkeit von einem warmen, lebensvollen Hauch durchglühten Zügen von berückender Schönheit war, ver­zogen sich ihre Lippen zu einem spöttischen Lächeln.

Die lezten Monate hatten sie wenig verändert. Vielleicht, penn man genauer hinsah, daß ein fremder, müder Zug um

1883

( Schluß.)

ihre Mundwinkel das Interesse noch erhöhte, welches die unge­wöhnliche Erscheinung der schönen Frau einem jeden einflößte. Sie hatte in ihrer Versunkenheit den leichten Wortwechsel über­hört, der im Vorzimmer erflungen war. Sun ließ ein Geräusch neben ihr sie zusammenfahren. Sie wandte sich um und eine glühende Röte schoß ihr in das Gesicht. Neben ihr stand Burg­hardt, mit umwölfter Stirn, einen finsteren Zug um die dunkeln, scharfblickenden Augen. Es war ihm nicht leicht geworden, das Haus des Mannes zu betreten, der einst seine Frau unglücklich gemacht.

Verzeihen Sie, gnädige Frau," sagte er, schneller als sonst seine Art war, daß ich in dieser späten Abendstunde unange= meldet bei Ihnen eintrete. Ich muß Sie bitten, mit mir zu kommen Mein Wagen steht vor der Tür. Hedwig ist krank und verlangt Sie zu sehen."

Sie war so bestürzt, daß sie nicht gleich antworten konnte. Mechanisch ließ sie es geschehen, daß er sie in den Burnus hüllte, der auf dem Stuhle neben ihr lag und, ohne eine Ant­wort abzuwarten, ihren Arm nahm. Sie kam erst zu sich, als sie ihm gegenüber in dem Wagen saß, der mit rasender Schnellig­feit über das Pflaster rollte. Es fiel ihr ein, daß ihr Mann nicht wenig erstaunt sein werde, wenn der Diener ihm ihr plöz­liches Verschwinden melden würde. Im nächsten Augenblick dachte sie nicht mehr daran. Es war ihr imgrunde genommen sehr gleichgültig, was er dazu sagen würde. Sie sah Burg­hardt an, der ihr gegenüber saß und in die Nacht hinaussah, und ein brennendes Gefühl überkam sie. Wenn sie vergessen fönnte, was zwischen ihnen stand; wenn sie die Stimme des Gewissens verstummen machen könnte, die in ihrem Herzen für Lisbeth sprach und ihre Leidenschaft ausströmen würde in einem einzigen Worte, in diesem Augenblicke des Alleinseins mit dem geliebten Manne. Eine unwiderstehliche Lust wandelte sie an, ein Aeußerstes zu wagen in ihren Schläfen hämmerte es und ihre Lippen brannten. Es war nicht ihre Schuld, wenn es nun anders kam, als sie es sich gedacht hatte. Sie hatte ihn nicht wiedersehen wollen, von dem sie sich mit blutendem Herzen losgerissen. Und nun saß er an ihrer Seite, ohne daß sie ihn gerufen, ohne daß sie ihrem Gelübde untreu geworden

Nr. 21. 1882