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3.

Illustrirtes Unterhaltungsblatt für das Volk.

Erscheint alle 14 Tage in Heften à 25 Pfennig und ist durch alle Buchhandlungen und Postämter zu beziehen.

3. Kapitel.

Die Alten und die Neuen.

Roman von M. Kautsky.

An dem einsamen Ufer, an dem die Villa des Gelehrten sich erhob, war es träumerisch stille. Ein sanfter Wind kam über den See herüber und führte den Duft der Alpenkräuter mit sich, die in üppiger Fülle und Mannigfaltigkeit die Felsen überwucherten. Die Sonne stand jezt am Rande des Salz­berges, und ehe sie dahintersank, vergoldete sie mit ihrem glühendsten Licht die schroffen Wände, an denen einige Ziegen herumkletterten. Sie meckerten voll Behagen und suchten sich die saftigsten Sprossen aus, in ihrem Uebermut oft nur die jüngsten Triebe benagend.

Eine lichte schlanke Mädchengestalt in einem furzen faltigen Gewande, das wie ein griechisches Kleid sie umfloß, und nur von einem Gürtel gehalten war, tauchte zwischen den Felsblöcken auf und schritt behende, fast im Laufe, die Anhöhe hinan. Hals und Arme trug sie frei, sie waren von der Luft gebräunt, in der Hand hielt sie einen Strauß von langgeſtielten Blumen und sie schien nach andern gleichartigen sich umzusehen. Ihr kleiner Kopf mit den reichen goldblonden Haaren war von einem Hut beschattet, den sie nun mit der Hand zurückschob. Jede ihrer Bewegungen war von jener natürlichen Anmut, die eine ver­nünftige naturgemäße Entwicklung des Körpers' fast immer be­gleitet, und von jener ausdrucksvollen Lebhaftigkeit, die Geist und ein kräftiges Wollen bekunden. Kluge dunkle Augen guckten aus dem feinen Gefichtchen, die schon zu beobachten, zu ver gleichen gewohnt waren. Wie froh und frei und glücklich blickten

diese Augen!

In Elsa war jener gesunde Egoismus nicht unterdrückt worden, der nach Glückseligkeit verlangt, ja diese als sein Recht begehrt. Sie fand diesen Trieb in allen Organismen wieder, fand alles davon durchdrungen, was Leben hat, und so erkannte sie überall dieselben wirkenden waltenden Kräfte und alles sprach daher zu ihrem Gefühl, zu ihrem Herzen.

Von überweltlichen Wesen und Dingen wußte sie nichts. Sie wußte nichts von einer Unsterblichkeit der Seele, sie glaubte nicht an den Himmel der Seligen, aber auch die Hölle, wo die Verdammten die ewige Marter erwartet, brauchte sie nicht zu beunruhigen.

1884.

[ 1883]

( 2. Fortsezung.)

Die reine Naturanschauung, für die ihr Vater ihr die Augen geöffnet, ließ ihr die Welt in den heitersten Farben erscheinen.

Durch ihre empirische Denkweise, dadurch, daß sie alles als die Wirkungen von vorhergehenden Ursachen zu sehen gewohnt war, hatte sie viel beobachtet und überdacht, was andere Kinder als etwas von Ewigkeit Geschaffenes niemals zum Nachdenken angeregt hatte, und so waren ihre Verstandeskräfte ungemein wach und ausgebildet, während sie wieder in Beziehungen des sozialen Lebens, im Hinblick auf Beremonien und Gebräuche, unwissender war als ein Kind.

Ihre Levensverhältnisse waren eben ganz eigentümliche ge­wesen.

Mit

In England geboren, hatte sie mit ihren Eltern bis nach ihrem vollendeten elften Jahre den stillen Landsiz in Wales bewohnt. Nach dem Tode der Mutter war sie mit ihrem Vater und der alten Gerta nach dem Kontinent gekommen. Sie verweilten nur kurze Zeit in Deutschland und hatten dann in Süditalien und Algier dauernden Aufenthalt genommen. ihrem Deutsch und Englisch konnte sie sich da nur wenigen ver­ständlich machen, und so war sie stets in ihrem Umgang auf diejenigen angewiesen geblieben, die ihr Vater selbst dafür be­stimmt hatte. Aber alle betrachteten das schöne fromme Kind mit den Augen den Wohlwollens, und dieses empfing die stummen sympatischen Kundgebungen voll Freude und Vertrauen und erwiderte sie auf das lebhafteste.( Mit vierzehn Jahren war sie

hierher in die Villa am See gekommen, und es war nun schon

der zweite Sommer, den sie mit ihrem Vater hier zubrachte.

Aber auch hier war ihr Verkehr mit den Leuten im Orte

ein beschränkter geblieben; nur mühsam konnte sie sich in den Gebirgsdialekt finden und ihn verstehen.

Hier lernte sie auch zum erstenmal die Armut kennen.

Sie vermochte es erst nicht zu begreifen, daß diese Leute, die so fleißig arbeiteten und so herzensgut waren, weniger glücklich sein sollten, als andere, als sie selbst zum Beispiel. Sie wollte allen geben, allen helfen.

Als ihr Vater ihr gesagt, daß ein einzelner nicht vermöge,

diesen Zuständen abzuhelfen, daß das und noch manches andere

Uebel in der Beschaffenheit der heutigen Gesellschaft liege, und

Nr. 3. 1884.