Die Ziene Well

19.

Illustrirtes Unterhaltungsblatt für das Volk.

Erscheint alle 14 Tage in Heften à 25 Pfennig und ist durch alle Buchhandlungen und Bostämter zu beziehen.

20. Kapitel.

Die Alten und die Neuen.

Roman von M. Kautsky.

Arnold traf unverzüglich alle Vorbereitungen um das Haus seines Vaters zu verlassen. Er wollte keinen Augenblick länger darin verweilen, als es unumgänglich nötig war. Julian hatte den Befehl erhalten, einen Koffer zu paden, er selbst raffte einige Bücher und seine Schriften zusammen.

Er trat an den Schrank mit eingelegter Arbeit und schloß ihn auf.

Innen zeigten sich rechts und links eine Anzahl kleiner Schubfächer.

Die alte Haushälterin hatte ihn darauf aufmerksam gemacht, daß die verstorbene Frau Baronin hier ihren Schmuck und ihre sämmtlichen Briefschaften verwahrt gehalten, und er hatte nun auch seine Papiere hier untergebracht.

Er öffnete die Laden und entnahm den Inhalt. Als er sie wieder zurückschob, schloß die eine nicht völlig, als ob ein Gegenstand dazwischen steckte.

lich, daß das oberste Papier zurückgeschoben worden und nun Dieselbe war ziemlich angefüllt gewesen, es war leicht mög­zwischen der Lade und der rückwärtigen Wand sich spießte.

Er zog die Lade vollständig heraus, um nachzusehen. Erst fonnte er nichts bemerken, als er aber mit dem Lichte hinleuchtete, sah er ganz in eine Ecke gepreßt ein Stück Papier . Er nahm es hervor, es war ganz zerknittert und zusammen­

geballt.

Es gehörte nicht zu seinen Schriften, dies mußte sich schon früher einmal hier festgespießt haben, und man war es bei einer flüchtigen Durchsicht des Schrankes nicht gewahr worden. Hatte er doch selbst schon wiederholt diese Lade herausgezogen, ohne daß er einen Widerstand verspürt hätte.

Es war ein Brief; er strich ihn glatt und wollte ihn in die Lade zurücklegen.

Sein Blick fiel auf die Adresse und blieb daran haften. Baronin Jlona Reinthal las er, und diese Worte waren

von seiner eigenen Hand geschrieben.

War es möglich, täuschte er sich nicht?! Nein, es war seine Handschrift.

Hastig besah er den Poststempel, und nun war ihm mit

1884.

18. Fortsezung.

einemmale alles flar geworden. Hier in Solenbad hatte er selbst vor zwölf Jahren diese Worte geschrieben; die ganze Situation von damals erstand vor seinem geistigen Auge. Er sah die sterbende Frau vor sich, die Großmutter, mit dem tief traurigen Blick, die erst im Augenblick des Hinscheidens ihren Groll beseitigt und ihren Enkel dem Vater zurückgegeben.

"

Schreibe die Adresse, ich kann nicht mehr," hatte sie ge­seufzt, und als er sie erstaunt gefragt, warum sie sich nicht direkt an den Vater wende, hatte sie gestöhnt: Es ist besser so". Jezt, in dem Augenblick, fuhr es ihm wie ein Stich durchs Herz. Hätte er fein Herz dazu gehabt? wäre seine Mutter doch nicht so rein gewesen, wie es ihm bisher Bedürfnis war zu glauben? Sein Vater hatte heute ein abscheuliches Wort gesprochen, ein tiefverlezendes für seine arme Mutter, durfte er es? Er wollte Gewißheit, und dieser Brief mußte sie ihm bringen.

Er wendete sich der Lampe zu und seine Hand zitterte, eine hochgradige Aufregung war über ihn gekommen.

Er schlug den Brief auseinander, die unklaren Schriftzüge seiner Großmutter tanzten ihm vor den Augen.

Da wurde die Tür nicht ohne Geräusch geöffnet und Julian trat herein. Er meldete, daß alles in Ordnung sei, und fragte, ob der Herr Doktor noch weitere Befehle für ihn habe.

Sein Lächeln war dabei so insolent, daß man deutlich merkte, er sei von dem Vorgefallenen hinlänglich unterrichtet und nicht gesonnen, den Doktor fürderhin als seinen Herrn zu betrachten. Arnold, den Brief in der Hand, wies ihm die Tür, und er mußte sich zurückziehen.

Aber war es nun Zufall, war's Verabredung, jezt kam Felix herein und überbrachte ein Billet.

Der Ueberbringer wartet auf Antwort," sagte er nachlässig. Arnold schob den Brief seiner Großmutter in die Brust­tasche.

Er wollte ihn nicht mehr in diesem Hause lesen, er mußte ruhiger werden und hier irritirte ihn alles.

Er öffnete das Billet, es war vom Grafen Falfenau, er erbat darin für morgen Vormittag die Ehre seines Besuches. " Ich möchte einiges mit Ihnen besprechen, ehe Sie die Volksversammlung besuchen," hieß es darin.

Nr. 19. 1884.