Die Lene Bell

ch

23.

Illustrirtes Unterhaltungsblatt für das Volk.

Erscheint alle 14 Tage in Heften à 25 Pfennig und ist durch alle Buchhandlungen und Postämter zu beziehen.

Die Alten und die Neuen.

Roman von M. Kautsky.

Wie lange Arnold so gelegen? Jede Berechnung für Zeit war ihm abhanden gekommen, aber jezt horcht er doch wieder in die Nacht hinaus. Nichts regt sich, aber sie kann nicht fort sein, sie kann nicht so von ihm gegangen sein, und wenn er ſie getränkt, so war es nur im Uebermaß der Liebe. Er horcht nach einem Schritt, nach dem Rauschen ihres Kleides hört nichts.

er

Er richtet sich empor, die Luft war heller geworden, ein leichter Morgenwind war aufgesprungen; er tut einige Schritte und sicht nach der Stelle, wo sie gesessen- sie war leer.

Da erfaßt ihn grimmige Verzweiflung; sie war gegangen, sie hatte getan, wie er es gewünscht, sie hatte ihn verlassen. Wie fonnte sie es wie durfte sie es, sie war sein.

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Aber hatte er sie nicht selbst fortgewiesen? Ach, er war ein erbärmlicher Schwächling, ein Elender! Er hatte das Weib, das ihn liebte, dem er selber mit seinem Herzblut anhing, gehen heißen, weil er sich nicht die Kraft zutraute, es zu schüzen, es glücklich zu machen.

1884.

22. Fortsezung.

Arnold, ich habe nicht Vater und Mutter, die mich dir

gegenführen können, aber frei und bewußt gebe ich mich dir selbst, und ich sage es dir im Vollbewußtsein meiner Handlung, im Vollbewußtsein meiner Liebe, ich verlange nichts heißer und ich ersehne kein größeres Glück, als an deiner Seite zu bleiben, mit dir eins zu sein, mit dir alles zu teilen, Not und Be­drängnis, Kampf und Sieg. Willst du mich zum Weib, so bin ich dein mit Leib und Scele für alle Zeit!"

Er hatte die Hände gefaltet, anbetend stand er vor ihr und seine Brust hob sich unter dem Schauer der höchsten Wonne, die ein Menschenherz empfinden kann.

Dann schlang er mit einem schönen, ernsten, heiligen Blick seinen Arm fest um den Leib seines Weibes.

24. Kapitel.

Georg hatte an jenem Nachmittage des Peter- Paul- Festes, nachdem ihn Arnold noch rechtzeitig von den gegen ihn geplanten Maßregeln unterrichtet, zugleich mit diesem Solenbad verlassen. Ueber das Gebirge auf weiten Umwegen waren sie nach

Elender, Elender, rief es in ihm, und wenn du hättest alles berlassen und Tag und Nacht für sie arbeiten müssen, du hättest Amsee gegangen, und es war ein Uhr des Morgens, als sie

sie nicht mehr aus deinen Armen lassen sollen.

Wild sprang er vorwärts, er wollte sie wieder haben. Als er aber um den Felsen herum kam, sah er sie plözlich

bor sich stehen.

an die Tür des alten Frieder geklopft hatten, wo Eva nach furzer Verzögerung sie eingelassen.

Als es zu dämmern begann, verließen die beiden wieder das Haus.

Ein Freudenruf kommt von seinen Lippen, aber wie er ihr in die großen Augen blidt, bleibt er zaghaft, wie gefesselt hatte Georg mit einem entschiedenen Nein beantwortet.

Arnolds Aufforderung, mit ihm nach der Villa zu kommen,

in scheuer Ehrfurcht. Der erste Schimmer des Morgens lag auf ihrem schönen Gesicht und verklärte es wunderbar,

Sie sah blaß aber entschlossen aus, ihre Haltung war voll edler Würde, und die Augen mild und ernst. Sie blickten ihn

so offen an und so tief.

" Arnold", sagte sie, ich mußte uns beiden Zeit lassen uns zu fassen. Du solltest mich nicht in einem Augenblick der un gestümen Leidenschaft gewinnen, und ich wollte dir nicht in einer Stunde angehören, wo alles in mir in Aufruhr war, alles Denken und Fühlen unklar und verworren."

Sie senkte die Augen und ein feines Rot trat auf ihre

Wangen.

Er erriet, daß Elsa nicht zögern würde, sich dort einzu­finden.

Er betrat das Haus seiner Mutter, verweilte daselbst aber nur kurze Zeit, dann ging er in das enge Tal hinein, den Waldbach entlang.

Als er die Schlucht erreicht hatte, stieg er aufwärts, dem Blassen entgegen.

Der Holzhauer Franzel hatte in dieser Bergwildnis sein Häusel aus rohen Stämmen gefügt.

Dorthin begab er sich, ohne indes den Holzhauer vorzu­

finden.

Er hatte mit Arnold die Verabredung getroffen, daß sie

Rr. 23. 1884.