Die Wue Welt

Nr. 31

( Schluß.)

Kaschel.

Illustrirte Unterhaltungsbeilage.

enige Tage darauf erschienen zwei Herren vom Gericht bei Karl Bittner. Es handelte sich um die Voruntersuchung gegen Richard

Karl wurde aufs Eingehendste vernommen. Viel war freilich nicht aus ihm herauszubekommen. Er wußte nur wenig von jenem für ihn so verhängniß­vollen Abend im Kretscham zu Halbenau. Darüber, wie er zu der Wunde am Kopfe gekommen, ver­mochte er nichts Stichhaltiges anzugeben.

Immerhin belasteten die Aussagen anderer Zeugen den jungen Kaschel soweit, daß es zur Ver­handlung kam.

Es war festgestellt, daß es Streit gegeben habe zwischen Karl und seinem Vetter. Ferner wurde ausgesagt, daß Richard Kaschel es gewesen, der die Leute aufgefordert habe, den Betrunkenen hinaus zuwerfen. Das Gravirendste aber war, daß mehrere Zeugen sich besinnen konnten, die eiserne Stange, die zum Festhalten der Thür diente, in der Hand des Angeklagten gesehen zu haben. Daß aber Richard den Schlag geführt habe, der Karl verlegt haben sollte, wollte Niemand beschwören.

Der Angeklagte selbst behauptete, er sei nicht mit draußen gewesen vor dem Kretscham, habe viel­mehr die eiserne Stange, auf Befehl seines Vaters, sofort wieder eingelegt.

Der alte Kaschel, der unbeeidigt vernommen wurde, bestätigte die Aussagen seines Sohnes.

Der Angeklagte wurde freigesprochen. Die öffentliche Meinung schrieb troßdem dem Gast­wirthssohne die That zu.

Man schimpfte weidlich auf die Kaschels und verwünschte sie. Erst hatten sie den alten Büttner ruinirt, ihn von Haus und Hof gebracht, und nun hatten sie ihm auch noch den Sohn für Lebzeiten elend gemacht.

Aber solche Worte fielen nur hinter dem Rücken der Kaschels. Ihnen etwas in's Gesicht zu sagen, wagte Niemand; sie waren zu gefährlich.

Richard Kaschel zeigte sich, nachdem er hier mit einem blauen Auge davon gekommen, anmaßender und übermüthiger denn je. Das Spielen sezte er fort. Er ging oft weit über Land oder fuhr in die Stadt, um seiner Leidenschaft zu fröhnen.

Dem alten Kaschel wurde unheimlich zu Muthe dabei. Mehr als einmal schon hatte er ein Loch zustopfen müssen für den Hoffnungsvollen Sprößling.

XXXII.

Nun begannen große Umwälzungen im Bauern­hofe. Baumeister und Zimmermann erschienen. Im Wohnzimmer wurden die Dielen aufgerissen, die alten erblindeten Fensterscheiben durch neue, große,

Der Büttnerbauer.

Roman von Wilhelm von Polenz.

glänzende ersetzt. Dann kamen die Ofensezer. Der alte Kachelherd mit Backröhre und Pfanne, der zwei Zimmer geheizt hatte, auf dem die verstorbene Bäuerin das Essen für die Familie, zugleich mit dem Angemenge für das Vieh, zubereitet hatte, wurde weggerissen und an seine Stelle ein städtischer Porzellanofen gesetzt. Die Küche kam in den Neben­raum. Maler und Tapezierer erschienen. Die Holz­verkleidung ward von den Wänden geriffen, gemalt und geweißt wurde, und in die Zimmer für die zukünftige junge Frau tamen sogar Tapeten.

Der neue Herr fam öfters von der Stadt heraus, und trieb die Handwerksleute zur Eile an; er wollte bald einziehen.

Der Büttnerbauer wurde von einem Winkel in den anderen getrieben. Er war wie ein altes Thier, dem aus Gnade das Leben gelassen wird.

Ueberall im Hause herrschten die Handwerker. Schließlich zog sich der Alte mit einem Bündel Sachen in einen Bretterverschlag auf den Boden zurück, um dort zu hausen.

Auf dem Felde war's ein Gleiches. Ueberall Neuerungen!

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Die Ziegelei wuchs und dehnte sich aus. Jetzt hatten sie ein neues Lehmlager entdeckt, das noch besseres Material enthalten sollte, als das erste. Dort wurde abgegraben. Herr Berger, der neue Besizer, ließ einen Schienenstrang von der Grube nach der Ziegelei legen. Das ganze Gut ward verbigelt. Die großen Schläge, einstmals des alten Bauern Stolz und Freude, waren in lauter schmale Streifen zertheilt, auf denen kleine Wirthe ihre vier, fünf verschiedenen Früchte bauten.

Auch im Walde gab es Veränderungen. Schon im Herbste hatte der gräfliche Oberförster Kahlschlag machen und Hügel zur Kultur auswerfen lassen. Kaum war der Schnee gewichen, wurde mit der Anpflanzung begonnen.

Der alte Mann haßte all' das Neue, das vor seinen Augen entstand. Es lag so etwas Aufdrings liches, Vorwißiges in Dem, was diese jungen Leute anstellten.

Vierzig Jahre hatte er nach der Väter Weise gewirthschaftet, und nun über Nacht, plöglich, ward Alles umgestürzt, das Oberste zu unterst gekehrt, seine Arbeit verwiistet, als sei sie nichts werth.

Sein Lebenswert wurde für nichts geachtet. Die Spuren seiner Thätigkeit waren ausgewischt. Das, was jeder Mensch als mächtigsten Trieb und Sporn zum Handeln in sich trägt, der eigentliche Erreger alles menschlichen Strebens und Schaffens, das Verlangen nach irdischer Unsterblichkeit, der Wunsch, in seinen Werken das ewige Leben zu haben dieses Denkmal, das jeder Tüchtige sich zu errichten

1898

strebt, damit Kinder und Kindeskinder seiner gedenken, auf daß sein Wesen und Wollen nicht von der Vergessenheit Nacht verschlungen werde- dieser Abdruck seiner Persönlichkeit, der in diesem Grund­stück: Haus, Hof, Feldern, Wiesen und Wald, ein­geschlossen lag, war zerstört; fremde Hände hatten in wenigen Monaten das zur Unkenntlichkeit ver­ändert, was er und seine Vorfahren im Laufe eines Zeitraumes, der nach Generationen gerechnet werden mußte, in Treue und Liebe und Frömmigkeit auf­gerichtet hatten.

Die Zeit war über ihn hinweggeschritten.

Nun wurde er in die Ecke gestellt, ein ver­brauchtes altmodisches Geräth. Er war ein Baum­stumpf, der mit sammt den Wurzeln ausgerodet ist; so lag er auf dem Boden, dem er, als er in voller Kraft und Blüthe gestanden hatte, seinen Schatten gespendet hatte. Die tausendfältigen Beziehungen, die Jeden mit der Mitwelt verbinden, die unzähligen Wurzelchen, mit denen wir jeden Augenblick Kräfte saugen und Kräfte zurückgeben, waren durchschnitten. Er war unnüz geworden für sich und die Anderen. Er konnte aus der Welt gehen, und nirgends würde eine Lücke klaffen.

Zweck und ziellos ging er umher, im Dorfe, über die Felder, durch den Wald. Wann wäre das früher jemals vorgekommen! Da hatte jeder Gang sein Ziel, da wurde er, außer Feiertags, niemals unbeschäftigt angetroffen. Aber, was sollte er jegt anfangen? wofür seine Hände rühren?

Die Leute redeten ihn an, einzelne aus Mitleid, die meisten aus Neugier; sein Wesen war Allen ein Räthsel.

Aber da man fast nie eine Antwort von ihm erhielt, unterblieb das Anreden mit der Zeit. Die Kinder lachten wohl über die struppige Erscheinung des Alten, liefen ihm nach; auch Erwachsene wagten hier und da eine Spottrede hinter seinem Rücken. Aber in's Gesicht ihn zu höhnen wagte Niemand; das Elend hatte noch nicht ganz die Ehrfurcht gebietende Würde aus der Erscheinung des Greises gelöscht.

Der Pfarrer stellte den alten Mann auf der Straße und ging eine Strecke mit ihm. Da gab es zarte Vorwürfe zu hören, daß Büttner nicht mehr zur Predigt und zum Tische des Herrn komme. Der Bauer zuckte verdrossen die Achseln, blieb dem Seelsorger die Antwort schuldig.

Ein andermal traf Büttner mit dem Güter­direktor des Grafen zusammen. Hauptmann Schroff hielt sein Pferd an und begrüßte den alten Mann. Der Hauptmann beklagte, daß Alles so gekommen wäre. Nun das Bauerngut nicht mehr für ihn zu haben sei, habe der Graf seinen Sinn geändert. Er